«Das macht einen fast sprachlos» – ewige Thun-Fans über das Meisterwunder
Die «Aebikurve» gehört zum FC Thun wie Hanspeter Latours «Gränni»-Video. Seit rund drei Jahrzehnten besucht die Gruppierung gemeinsam Spiele des Klubs. Aus jungen Menschen wurden in dieser Zeit Erwachsene, von der Mehrheit wurde der Stehplatz mittlerweile mit einem bequemen Sitzplatz getauscht.
Dieser Tage werden für die Anhänger die kühnsten Träume wahr. Sie begleiteten Thun durch Höhen und Tiefen – und nun steht ihr Klub vor dem Meistertitel. Am Wochenende kann Aufsteiger Thun den sensationellen Gewinn der Schweizer Meisterschaft feiern. Entweder durch einen Heimsieg am Samstag gegen Lugano oder sonst tags darauf, sofern das Resultat des letzten «Verfolgers» St.Gallen (bei YB) stimmt. Und selbst wenn es noch nicht dieses Wochenende klappt: Dass Thun Meister wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Simon Zaugg ist einer dieser Fans aus der «Aebikurve». Der 42-jährige Berner Oberländer spricht darüber, wie es ihm und seinen Kollegen gerade geht.
Der FC Thun steht kurz vor dem Meistertitel. Wie sehr fieberst du dem entscheidenden Schlusspfiff entgegen?
Simon Zaugg: Ich bin im Moment recht angespannt und konnte in dieser Woche nicht besonders gut schlafen. Anderen geht es auch so, wie ich in unserem Whatsapp-Chat lesen kann. Die Nervosität steigt und die Vorfreude nimmt zu.
Thun wird Meister – was würdest du deinem jüngeren Ich sagen, das damals angefangen hat, Thun zu unterstützen?
Das hätte ich nie für möglich gehalten. Wir träumten immer vom Cup, dass wir einmal den Final erreichen könnten. Das gelang vor sieben Jahren, war ein Highlight und wir waren enttäuscht, dass es nicht geklappt hat (Thun unterlag Basel 1:2, Anm.d.Red.). Aber dass Thun sogar einmal Schweizer Meister werden könnte, das hätte wirklich niemand jemals für möglich gehalten, vor allem nach den vielen Jahren, in denen Basel und YB so dominant waren und immer die gleichen Klubs Meister wurden. Dass so etwas noch passieren kann, macht einen beinahe sprachlos.
Im vergangenen Sommer war Thun aufgestiegen und zurück in der Super League. Mit welchen Erwartungen bist du in die Saison gestiegen?
Ich habe schon damit gerechnet, dass wir nicht gegen den Abstieg spielen müssen und hoffte, dass die Finalrunde erreicht werden kann und es im besten Fall mit einer Europacup-Qualifikation klappt. Mehr sicher nicht. Aber die Saison lief wirklich sehr erstaunlich. Als Thun erstmals Leader war, habe ich die Tabelle ausgedruckt und sie zuhause im Büro aufgehängt, und sie danach stets durch die neuste Tabelle ersetzt. Das Bild mit Thun an der Tabellenspitze ist wahnsinnig speziell, das wurde zu meinem Ritual.
Der Europacup wird Tatsache. Thun in der Champions League wie damals als Vizemeister vor 20 Jahren?
Nach so einer Saison gilt wohl mehr denn je: Sag niemals nie. Aber Thun trat noch nie grosskotzig auf und blieb demütig. Das ist etwas, was mich an diesem Verein und seinen Fans immer wieder fasziniert. Es gab nicht bereits im Winter Gesänge, dass wir Meister würden – man feiert erst dann, wenn es so weit ist. Europäisch zu spielen wäre schön, die Champions League wäre auch super. Ich rechne mit einer Gruppenphase, aber wahrscheinlich eher mit der Europa League oder der Conference League.
Trainer Mauro Lustrinelli wird begehrt sein, manch ein Spieler wohl ebenso. Hast du Angst, dass auf den Meisterrausch ein Kater folgt?
Ich hoffe, dass wir dank des Erfolgs finanziell stabiler werden. So wie ich das Umfeld kenne, denke ich nicht, dass Thun Gefahr läuft, sich zu überschätzen. Wer zu hoch steigt, kann auch tief abstürzen – das sahen wir damals vor 20 Jahren. Ich habe nicht Angst, dass es im Sommer einen grossen Umbruch gibt, schliesslich ist es ja attraktiv, für einen Spitzenklub zu spielen. Sicher wird es Abgänge geben, vielleicht auch den vom Trainer. Aber der Klub hat an Renommée zugelegt und es wird Spieler geben, die sich vorher nicht vorstellen konnten, nach Thun zu wechseln und es sich nun können.
Wer ragt denn aus dieser Meistermannschaft heraus?
Eine schwierige Frage. Jeder, der regelmässig gespielt hat, schoss ein Tor. Fast ausnahmslos alle waren gut und einzelne wuchsen über sich heraus. Da könnte man Michael Heule nennen, Ethan Meichtry, Leonardo Bertone oder Elmin Rastoder. Oder Goalie Niklas Steffen, der wahnsinnig gut hielt.
Ist Mauro Lustrinelli eigentlich noch Tessiner oder habt ihr ihn schon lange als Berner Oberländer adoptiert?
Er setzt sich natürlich ein Denkmal. Erst schoss er Thun als Stürmer in die Champions League und jetzt kann er als Trainer nachdoppeln. Lustrinelli ist wirklich eine Thuner Legende.
