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Früchte des Zorns: Bewaffnete Demonstranten vor dem Kapitol in Lansing (Bundesstaat Michigan). Bild: EPA

Donald Trumps neue Hetzjagd gegen die Eliten

Der Präsident streitet sich mit seinen Epidemie-Experten, legt sich mit China und der WHO an und heizt die militanten Demonstrationen gegen den Lockdown an.

Publiziert: 14.05.20, 14:32 Aktualisiert: 14.05.20, 15:23

Marc Thiessen ist das konservative Feigenblatt auf der Meinungsseite der «Washington Post». Regelmässig darf er dort Loblieder auf Trump und seine Regierung singen. In seiner jüngsten Kolumne zerstreut Thiessen Bedenken, das Coronavirus könnte die Wiederwahl Trumps verhindern. Im Gegenteil:

«Wenn die Berichte über die Pandemie geschrieben werden, dann werden die Eliten schlecht aussehen. Warum befindet sich Amerika heute in einem Lockdown? Weil 15 Jahre lang alle Warnungen ignoriert wurden und das Establishment es versäumt hat, sich darauf vorzubereiten.»

Nicht etwa die Trump-Regierung habe versagt. Es sei der Elite-Sumpf in Washington, der die Amerikaner im Stich gelassen, ja gar den Chinesen ausgeliefert habe, so Thiessen, und gibt dann noch einen drauf:

«Nun sehen die Amerikaner, wie die gleichen Eliten ihr Leiden ignorieren und stattdessen darauf bestehen, dass drakonische Lockdown-Regeln eingehalten werden müssen, welche die Menschen an den Rand des Ruins bringen.»

Zumindest was den Präsidenten betrifft, liegt Thiessen nicht falsch. Trump hetzt immer heftiger gegen die Elite. So greift er neuerdings seinen Epidemie-Spezialisten Dr. Anthony Fauci frontal an.

Fauci hatte sich anlässlich eines Senat-Hearings kritisch zu einem überhasteten Lockdown und einer voreiligen Öffnung der Schulen geäussert. «Wir müssen vorsichtig sein und uns nicht einbilden, Kinder seinen komplett immun», so Fauci.

Das steht im Widerspruch zur Wir-wollen-die-Wirtschaft-ankurbeln-koste-es-was-es-wolle-Botschaft des Weissen Hauses. Trump reagierte denn auch umgehend: «Mich hat diese Antwort überrascht», erklärte er. «Sie ist nicht akzeptabel, vor allem was die Schulen betrifft.»

Ins Feuer der präsidialen Kritik gerät auch das Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Dort sind die besten Epidemiespezialisten am Werk. Ihre Ratschläge für eine vorsichtige Aufhebung des Lockdowns sind jedoch schubladisiert worden, weil sie dem forschen Vorgehen des Präsidenten widersprechen. «Sie werden nie das Tageslicht sehen», so ein Insider.

Kleiner Mann ganz gross: Dr. Anthony Fauci sagt per Video vor dem Senat aus. Bild: AP

Schliesslich hat Trump auch Dr. Rick Bright, seinen Spezialisten für Impfungen, kalt gestellt. Dieser hatte sich geweigert, Hydroxychloroquin als Wundermittel anzupreisen. Der Präsident hat für dieses Malariamedikament die Werbetrommel geschlagen, die Gesundheitsbehörde FDA hingegen warnt davor.

Rechtsextreme Spinner verbreiten schon länger Verschwörungstheorien gegen Fauci. Zunehmend stimmt jedoch auch Fox News in diesen Chor ein. Vor allem Tucker Carlson wettert wie Thiessen ebenfalls gegen die Eliten und stellt Faucis Legitimation in Frage, wenn auch noch verhalten, denn die überwiegende Mehrheit der Amerikaner vertraut nach wie vor dem kleinen Mann mit den silbrigen Haaren.

Nicht überraschenderweise stimmen Trumps Handlanger in der Republikanischen Partei in die Anti-Eliten-Hetzkampagne ein. Das führt regelmässig zu grotesken Situationen. So haben sich eine Gruppe von Abgeordneten der Grand Old Party (GOP) entgegen den Weisungen nicht per Video-Konferenz, sondern persönlich in einem Konferenzraum beraten, ohne Masken selbstverständlich.

Anstatt Massnahmen gegen die Coronakrise zu diskutieren, haben sie über das Impeachment und das Schicksal des ehemaligen Sicherheitsberaters Michael Flynn gejammert.

Greift Fauci an: Tucker Carlson.

Das Verhalten der GOP-Abgeordneten ist lächerlich, dasjenige der militanten Demonstranten nicht. Angestachelt vom Freispruch für die Coiffeuse Shelley Luther, verteidigen in Texas Männer mit halbautomatischen AR-15 Gewehren andere Geschäftsinhaber – etwa Tattoo- und Nagelshops –, die sich über die Lockdown-Regeln hinwegsetzen. Und dies obwohl der konservative Gouverneur Greg Abbott Restaurants, Shopping Malls und anderen Läden bereits erlaubt hat, ihre Geschäfte wieder zu öffnen.

Im Bundesstaat Wisconsin haben derweil konservative Richter einer Klage republikanischer Parlamentarier stattgegeben und die Lockdown-Massnahmen des demokratischen Gouverneurs für verfassungswidrig erklärt. Dabei hat es in Wisconsin mehr als 10’000 Covid-19-Fälle.

Verschiedene Restaurants und Bars haben umgehend ihre Türen geöffnet. Die hart errungenen Früchte des Lockdowns sind in Gefahr. Gouverneur Tony Evers erklärt niedergeschlagen: «Der Staat befindet sich in einem Chaos. Die Menschen werden krank werden. Die Republikaner sind dafür verantwortlich.»

Auch gegenüber China und der Weltgesundheitsorganisation WHO schlagen Trump und seine Handlanger immer schrillere Töne an. Er macht beide für die Coronakrise verantwortlich und hat deswegen die finanzielle Unterstützung an die WHO eingestellt.

Impfgegner protestieren heftig gegen Lockdown. Bild: EPA

Wie weit diese Kritik berechtigt ist, darüber lässt sich streiten. Doch Trumps Haltung ist stumpfsinnig: «Man stellt beim Löschen eines Brandes nicht das Wasser ab, selbst wenn man den Feuerwehrmann nicht mag», erklärt dazu WHO-Stabschef Bernhard Schwartländer.

Trumps Hetze gegen Eliten und Wissenschaft verwandelt die USA zunehmend in eine Sekte, welche auf ein rettendes UFO wartet. Das könnte verheerend sein, wenn es dereinst reale Hilfe gibt.

Der «New-York-Times»-Journalist Kevin Roose beobachtet die Anti-Impfbewegung seit Jahren. Erschreckt stellt er fest, dass sie inzwischen weit mächtiger geworden ist als bisher angenommen. Besorgt fragt er sich deshalb: «Was, wenn es einen Covid-19-Impfstoff gibt – und die Hälfte des Landes sich weigert, ihn zu nehmen?»

Coronavirus in den USA

Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
Am schlimmsten von der Krise getroffen bleibt New York. Teilweise müssen die Körper toter Covid-Patienten in Kühllastern gelagert werden, weil in den Leichenhallen nicht genug Platz ist. EPA / JUSTIN LANE
Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
Trauerfeier mit Masken und Sicherheitsabstand für ein Covid-19-Opfer in New Orleans. Schwarze sind von der Pandemie überdurchschnittlich stark betroffen. AP / Gerald Herbert
Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
Unter den Demonstranten wie hier in Maryland sind viele Fans von Donald Trump. Der um seine Wiederwahl fürchtende Präsident schürt die Proteste via Twitter. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT

Baby-Trump hat für alles eine Ausrede

Video: watson / Lino Haltinner

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