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Adam Quadroni wurde bekannt als Whistleblower im Bündner Bauskandal. Bild: KEYSTONE

Fall Quadroni und die Justiz: Jetzt wurde ein Richter wegen Amtsmissbrauch angeklagt

Publiziert: 01.09.21, 18:02

In der kaum überschaubaren Geschichte des Bündner Baukartell-Whistleblowers Adam Quadroni wird vor Gericht ein neues Kapitel geschrieben: Angeklagt wegen Amtsmissbrauch ist ein Unterengadiner Richter, der unrechtmässig einen Polizeieinsatz durchgesetzt haben soll.

Die Verhandlung gegen den Präsidenten des Unterengadiner Regionalgerichtes findet am 16. September vor dem Regionalgericht Prättigau/Davos statt. Wie der am Mittwoch publizierten Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Graubünden zu entnehmen ist, hat der Fall keine Verbindung zu Quadronis Rolle im Kartellskandal, sondern betrifft allein seine ehelichen Probleme.

Der angeklagte Richter verpflichtete Quadroni im Oktober 2017 zur Herausgabe einer «Vielzahl von Gegenständen» an die getrennt lebende Ehefrau und die gemeinsamen Kinder. Sollte Quadroni die Gegenstände nicht herausgeben, berechtigte der Richter Ehefrau und Kinder die ehemals gemeinsame Wohnung in Scuol in Begleitung von Polizeibeamten zu betreten, um ihre Sachen zusammenzusuchen.

Gegen diesen Entscheid erhob Quadroni fristgerecht Berufung. Das Kantonsgericht bescheinigte daraufhin zwar die grundsätzliche Vollstreckbarkeit der richterlichen Verfügung. Es wies aber darauf hin, dass der Entscheid wegen des laufenden Berufungsverfahrens formell noch nicht rechtskräftig sei.

Laufende Berufung ignoriert

Über diese Feststellung des Kantonsgerichtes setzte sich der Richter aber laut Anklage hinweg. Er legte für die Herausgabe der Gegenstände einen Termin fest, während die Berufung dagegen noch lief.

Quadroni verweigerte am festgesetzten Tag, dem 17. November 2017, denn auch die Herausgabe der Gegenstände und verwehrte der Polizei den Zutritt auf sein Grundstück. Dabei berief er sich auf das Berufungsverfahren und die Feststellung des Kantonsgerichtes.

Als bei der Kantonspolizei Unsicherheit bezüglich der Rechtmässigkeit des Einsatzes aufkam, wiederholte der Richter seine Anweisungen. Zudem bekräftigte er den Auftrag der Polizei, der Ehefrau Zugang zum Haus zu verschaffen.

Und um letzte Zweifel an der Rechtmässigkeit des Vorgehens zu beseitigen, signalisierte er gegenüber dem Polizei-Einsatzleiter, das Vorgehen sei mit dem Kantonsgericht abgesprochen.

In Handschellen gelegt

Als Quadroni auch beim zweiten Erscheinen der Polizei seine Opposition «unmissverständlich, aufwieglerisch und provokativ» zum Ausdruck brachte, landete er «aus präventiven Gründen» in Handschellen. Auch seine als Zuschauerin anwesende Schwester wurde in Handschellen gelegt, «um den reibungslosen Ablauf des Zügeleinsatzes sicherzustellen».

Der Unterengadiner Richter muss sich nun laut Anklage verantworten, seine Amtsgewalt missbraucht zu haben. Damit habe er sich oder einem anderen einen unrechtmässigen Vorteil verschaffen wollen oder einem anderen einen Nachteil zufügen wollen.

Das Fazit der Staatsanwaltschaft lautet: Der Richter «handelte, um die Rechtsposition von Quadroni in seinem Eheschutzverfahren zu schmälern oder zumindest, um bei ihm Ungemach und massiven Ärger zu verursachen». Die Anklage beantragt, ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 15'600 Franken und einer Busse von 3500 Franken zu bestrafen.

Für den angeklagten Richter gilt die Unschuldsvermutung. Die Staatsanwaltschaft hält zudem explizit fest, dass keinerlei Hinweise vorlägen, dass sich der Richter vom Baukartell habe instrumentalisieren lassen. (sda)

Berühmte Whistleblower und ihre Enthüllungen

Es gibt Menschen, die ihre Gesundheit, ja ihre Freiheit und ihr Leben riskieren, um die Öffentlichkeit über Missstände zu informieren. Man nennt sie Whistleblower. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Im Deutschen würde man Whistleblower mit Enthüller oder Hinweisgeber übersetzen. Der Begriff stammt ursprünglich vom Englischen «to blow the whistle», was so viel wie «in die Warnpfeife blasen» heisst. EPA/EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
In den USA können Whistleblower nach dem «Espionage Act» angeklagt werden, einem fragwürdigen Gesetz, das zur Bekämpfung von Spionen erlassen wurde. Und in der Schweiz sind Whistleblower nach wie vor kaum geschützt durch das Recht. AP/AP / J. Scott Applewhite
In dieser Bildstrecke zeigen wir einige der wichtigsten Whistleblower, die mit ihren Enthüllungen die Reichen und Mächtigen schockten ... EPA/DPA / ARNO BURGI
Daniel Ellsberg (1971): Der US-Regierungsangestellte gab die «Pentagon Papers» an Journalisten weiter, die belegten, wie US-Präsident Richard Nixon und seine Vorgänger die Bevölkerung über den Vietnamkrieg belogen hatten. EPA/DPA / ARNO BURGI
William Mark Felt (1972): Der Vize-Direktor des FBI war unter dem Pseudonym Deep Throat der wichtigste Informant von zwei US-Journalisten, die die Watergate-Affäre publik machten. Präsident Nixon war darin verwickelt und trat 1974 zurück – der bislang einzige Rücktritt in der Geschichte der USA. AP NY / STF
Edward Snowden (2013): Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter enthüllte mithilfe britischer und amerikanischer Journalisten die umfassende Überwachung von Privatpersonen und Regierungen durch die NSA und weitere Geheimdienste. AP/The Guardian / Uncredited
Snowden befindet sich unfreiwillig im Exil in Russland. Der Internet-Aktivist engagiert sich mit der Freedom of the Press Foundation für freien Journalismus und den Schutz von Whistleblowern. X02025 / MARK BLINCH
Chelsea (früher Bradley) Manning (2010): Die Whistleblowerin kopierte als Obergefreite im Irak Hunderttausende an geheimen Botschaftsdepeschen und Militärunterlagen und übergab sie den Enthüllern von Wikileaks. AP / PATRICK SEMANSKY
Chelsea Manning wurde 2013 verurteilt, kam aber 2017 auf Veranlassung von Barack Obama vorzeitig frei und engagiert sich als politische Aktivistin. EPA/EPA / HAYOUNG JEON
Chris Wylie (2018): Der Whistleblower deckte den Facebook-Skandal auf, bei dem die Firma Cambridge Analytica Millionen User-Daten missbräuchlich verwendete. EPA/EPA / NEIL HALL
Adam Quadroni (2018): Der Bündner Bauunternehmer liess einen der grössten Bauskandale der Schweiz auffliegen – ein Kartell mit mehreren Baufirmen, die Preise absprachen – und verlor deswegen seine Familie, die Firma und den guten Ruf. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER

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