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Die Aargauerin Moni Nielsen wurde von Andreas Glarner an den Facebook-Pranger gestellt — weil sie kritische Fragen stellte.   bild: zvg

Glarners Pranger-Opfer: «Es muss möglich sein, kritische Fragen zu stellen, ohne beleidigt zu werden»

Die Aargauer Erwachsenenbildnerin Moni Nielsen wurde von SVP-Nationalrat Andreas Glarner an den Online-Pranger gestellt. Im Interview sagt Nielsen, wie es dazu kam und was sie als Bürgerin von Nationalräten erwartet. 

Publiziert: 20.06.16, 14:08 Aktualisiert: 21.06.16, 15:43

Frau Nielsen, Ihr Telefon ist immer besetzt. Klingelt es Sturm? 
Moni Nielsen:
Nein, ich habe es ausgesteckt seit gestern. Ich bin ja nicht mehr zwanzig, ich weiss, wie ich mich schützen kann. 

Der Post von Nationalrat Andreas Glarner löste heftige Reaktionen aus, die Beleidigungen in der Kommentarspalte gingen auch unter die Gürtellinie. Wie haben Sie sich gefühlt? 
Ich habe nicht alles gelesen. Das muss ich mir nicht antun. Wie gesagt, ich bin nicht mehr zwanzig Jahre alt und es berührt mich nicht sehr tief, wenn mein Aussehen beleidigt wird. Sollten die Beleidigungen ins rassistische Kippen, sähe das allerdings anders aus. 

Bild: facebook

Haben Sie sich überlegt, sich aus den Social Media zurück zu ziehen? 
Mit Sicherheit nicht. Dazu bin ich nicht bereit. Mit Beleidigungen auf Social Media kann ich umgehen, wenn sie allerdings vor meiner Haustür ankommen, nicht mehr. Ich verstecke mich nicht, nur weil ich höfliche Fragen an einen Nationalrat gestellt habe. Das muss möglich sein. 

Was ist zwischen Ihnen und Herrn Glarner vorgefallen? 
Wir kennen uns nur über Twitter. Zwei Tage vor der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative hat Herr Glarner einen Tweet abgesetzt, indem er behauptet, dass der Bund in Chiasso langjährigen Mietern im AHV-Alter die Wohnung kündigt, weil er Platz für 500 Asylbewerber braucht. Lokale Medien sowie auch die Vizestadtpräsidentin von Chiasso bestätigten diesen Sachverhalt nie. Ich wollte von Herr Glarner wissen, ob er diese Falschinformation zu korrigieren gedenke. 

Und das wollte er nicht? 
Nein. Zu diesem Zeitpunkt hätte er sagen können, dass er sich geirrt habe und damit hätte die Geschichte ein Ende gefunden. Das tat er aber nicht, stattdessen ging er nicht auf die kritischen Fragen meiner Twitterkollegin Susanna Oberli und mir ein.

Sie liessen nicht locker? 
Nein. Es muss möglich sein, dass eine Bürgerin einem Politiker eine kritische Frage stellen kann und dieser Stellung nimmt, ohne sie zu beleidigen. Ich habe hartnäckig nachgefragt, aber ich war kein einziges Mal beleidigend.

Wie kam es zum Eklat? 
Als Herr Glarner begann, meine Kollegin und mich auf unser Äusseres zu reduzieren und zu beleidigen, schalteten sich immer mehr Twitterer in den Streit mit ein, bis Glarner gestern seinen Account löschte und unsere Bilder auf Facebook stellte.

Wollen Sie gegen die Beleidigungen rechtlich vorgehen? 
Ja, ich prüfe momentan rechtliche Schritte, möchte aber nicht hektisch agieren. Herr Glarner hat die Beleidigungen geschickt formuliert. Die Kommentatoren in den Kommentarspalten haben in Gewalt- oder Vergewaltigungsfantasien allerdings die rote Linie ziemlich offensichtlich überschritten. 

Ist Andreas Glarner für Sie als Nationalrat noch haltbar? 
Herr Glarner wurde in den Nationalrat gewählt, also soll er das Amt ausführen. Die SVP hat genauso ihre Berechtigung wie alle anderen Parteien. Allerdings frage ich mich, ob
ein Nationalrat die Berechtigung hat, Bürger zu beleidigen. 

Viele Menschen unterstützen Sie darin. 
Ja, ich erhalte sehr viel Support. Die Leute mit denen ich in Kontakt bin, unterstützen mich vollkommen. Es hat sich auch bereits ein SVP-Lokalpolitiker bei mir entschuldigt für Glarners Äusserungen. 

Die haarsträubendsten Fauxpas der SVPler auf Social Media

SVP-Nationalrat und Asylchef Andreas Glarner verlor die Nerven und stellte zwei Twitterinnen mit Bild an den Facebook-Pranger, mit dem beleidigenden Kommentar: «Ich verstehe irgendwie schon, dass sie links und feministisch sind.» Die beiden hatten ihn wiederholt aufgefordert, seine falsche Behauptung zu korrigieren, der Bund hätte in Chiasso Pensionäre rausgeschmissen, um Platz für 500 Asylsuchende zu schaffen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Jean-Luc Addor, Walliser SVP-Nationalratskandidat, veröffentlichte auf Twitter den Satz «On en redemande!», sinngemäss übersetzt heisst das: «Wir wollen mehr davon». Dem Tweet hatte er einen Link beigefügt, der sich auf eine tödliche Schiesserei in einer St.Galler Moschee bezog. Addor hat nun eine Strafanzeige am Hals, die immer noch hängig ist. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Marcel Töltl, Präsident der SVP St.Margrethen, behauptete auf Facebook,, Syrer und Eritreer verfügten allein ob ihrer Herkunft über einen tiefen IQ. Sie sollten deshalb der Schweiz fernbleiben: «Gerade Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien, welche nachweislich einen sehr tiefen ‹Länder-IQ› haben, sind in unserem Land, wirtschaftlich gesehen, fehl am Platz.» Bisher hatten seine Äusserungen keine Konsequenzen.
Der Solothurner SVP-Politiker Beat Mosimann musste aus der Partei austreten, nachdem er rassistische Kommentare und Statusmeldungen auf Facebook verfasst hatte. Unter anderem schrieb er: «Wann wird das gottverdammte Pack endlich ausgeschafft oder standrechtlich erschossen?» Auch Bezüge zum Dritten Reich wurden Mosimann zum Verhängnis: «Wenn wir nicht bereit sind, Deportationen im grösseren Rahmen vorzunehmen, auch wenn dies böse Erinnerungen weckt, dann komen wir aus der Scheisse nicht mehr raus.»
Die SVP-Frau Marlies Werner wollte in die Schulpflege von Wohlen (AG) gewählt werden. Auf ihrem Facebook-Profil fanden sich aber wenig jugendtaugliche Sprüche. «Eine richtige Frau macht deinen Penis hart und nicht dein Leben», war noch einer der harmloseren. Kritik an ihren Postings liess sie an sich abperlen. Die Wahl schaffte sie nicht.
Der Stadtzürcher SVPler Alexander Müller musste aus der SVP aus- und von seinem Amt bei der Schulpflege zurücktreten, weil er folgenden Satz getwittert hatte: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht ... diesmal für Moscheen». Der später von den Medien aus dem Zusammenhang gerissene Tweet zerstörte seine Existenz. Keystone
Seppi Spiess, der ehemalige Präsident der SVP-Ortspartei Schwyz, musste zurücktreten, nachdem er sich auf Facebook über die Erschiessung eines moldawischen Autodiebes gefreut hatte. «Ech ha richtig Freud gha, so müessts si, abeschüsse, dä choscht die sauwar nümmi ...», schrieb Spiess.
Der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti wollte Bundeshaus-Chef der «Basler Zeitung» werden. Unter anderem kam ihm da ein Tweet dazwischen. Nach einer Schiesserei im afghanischen Innenministerium in Kabul schrieb er: «Man soll Kameltreiber Kamele treiben lassen und aufhören, ihnen die Aufklärung bringen zu wollen.» KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Der Wiler SVP-Fraktionspräsident Mario Schmitt erhielt einen Strafbefehl, weil er ein Enthauptungsvideo des IS auf Facebook mit folgendem Satz kommentiert hatte: «Mir kommt gleich das Kotzen, wann wird diese Religion endlich ausgerottet.» Schmitt ist der politische Vorgesetzte von Blaufahrerin Bösch.
Die Wiler SVP-Stadträtin Sarah Bösch geriet angetrunken in eine Polizeikontrolle und beschwerte sich während der folgenden Blutabnahme über «Bürokratie» und dass sie wie eine Verbrecherin behandelt würde. «Ich fühle mich munter, frisch, spüre null Promille», versicherte Bösch auf ihrer Facebook-Seite. facebook / facebook

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