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Er ist einer der Organisatoren des Gewerkschafter-Protests gegen die Unia und erklärt, weshalb Präsidentin Vania Alleva zurücktreten soll bild: ho / ch media

Warum am 1. Mai Gewerkschafter gegen die Gewerkschaften demonstrieren

Am 1. Mai veranstalten unzufriedene Gewerkschafter einen Protest gegen die Unia. Einer der Organisatoren erklärt, weshalb Präsidentin Vania Alleva zurücktreten soll.

Publiziert: 01.05.19, 07:22
Andreas Maurer / ch media

Ueli Balmer war zwölf Jahre lang Präsident der Unia Berner Oberland. Er ist Schreiner und übte die Funktion ehrenamtlich aus. Vor einem Monat wurde der 63-Jährige nach einem Machtkampf mit der nationalen Geschäftsleitung abgesetzt. Jetzt schliesst er sich mit Unia-internen Kritikern aus anderen Regionen zusammen und organisiert am 1. Mai eine Protestaktion gegen die nationale Geschäftsführung. Wie und wo die Aktion stattfindet, will er noch nicht verraten. Aber über die Beweggründe spricht er schon jetzt.

Herr Balmer, Sie sind in einem Komitee, das am 1. Mai eine Protestaktion gegen die Unia organisiert. Weshalb kämpfen Gewerkschafter am Tag der Arbeit gegen eine Gewerkschaft?
Ueli Balmer: Wir kämpfen dafür, dass die Basis in allen Gewerkschaften besser respektiert wird. Wir wehren uns dagegen, dass die Organisation von einem Profi-Apparat geführt wird, der keine Rücksicht auf seine Mitglieder nimmt. Dieses Problem haben viele Gewerkschaften. Aber nirgends ist es so schlimm wie in der Unia. Die nationale Geschäftsleitung spricht immer davon, dass sie basisorientiert sei. Doch wenn sich jemand von der Basis gegen die nationale Geschäftsleitung auflehnt, wird er kaltgestellt und weg gemobbt. So ist es jetzt bei uns im Berner Oberland passiert und so ist es zuvor in anderen Regionen passiert.

Sie sagen es: Solche Fälle gab es schon früher. Warum kommt es gerade jetzt zur Eskalation?
Die nationale Führung ist noch nie so dreist gegen ihre eigene Basis vorgegangen wie bei uns im Berner Oberland. Die Mitglieder der Basis haben zwei Personen für eine neue Geschäftsleitung vorgeschlagen, die von einer Mehrheit gewählt wurden. Doch die nationale Geschäftsleitung hat das Resultat nicht anerkannt und einen eigenen Mann installiert. Wer sich dagegen gewehrt hat, wurde freigestellt oder rausgemobbt. Mehr als die halbe Belegschaft wurde ausgewechselt.

Gewerkschaftsinterne Proteste kommen regelmässig vor. Hat der aktuelle Protest eine neue Qualität?
Ja, Unia-Gewerkschafter aus verschiedenen Regionen haben gemerkt, dass sie die gleichen Probleme haben. Bisher gab es in allen Regionen kleine Feuer, die aber jeweils sofort im Keim erstickt wurden: im Tessin, in Genf, in Zürich, im Aargau oder in Basel. Wir im Berner Oberland haben uns aber gesagt: Wir lassen uns nicht ersticken, wir kämpfen weiter. Dafür haben wir viel Zuspruch aus anderen Regionen erhalten. Unser Feuer könnte sich deshalb jetzt zu einem Flächenbrand entwickeln.

Wie?
Am Tag der Arbeit schliessen sich Unzufriedene aus verschiedenen Regionen zusammen, um zum ersten Mal gemeinsam gegen die nationale Geschäftsleitung um Präsidentin Vania Alleva zu protestieren. Sie muss realisieren, dass eines der grössten Probleme der Gewerkschaft in den eigenen Reihen entstanden ist.

«Ich stehe zu folgender Feststellung: Die Unia wird diktatorisch geführt.»

Welches Problem meinen Sie?
Den Mitgliederschwund. Die Unia hat schweizweit einen massiven Rückgang zu verzeichnen. Die nationale Führung hat dafür jeweils wortreiche Begründungen parat. Mal heisst es, es handle sich um Rückkehrer ins Ausland, um Todesfälle oder um generelle Veränderungen in der Branche. Dabei ist das Problem ganz einfach: Viele Mitglieder haben das Gefühl, sie zahlen nur Beiträge, aber wenn sie ein Anliegen haben, geht niemand darauf ein. Ihr Geld versickert im Apparat der Unia.

Unia-Präsidentin Vania Alleva. Bild: KEYSTONE

Weshalb schiessen Sie sich auf Präsidentin Alleva ein
Vania Alleva spricht immer von Basisdemokratie, doch sie selber führt mit eiserner Hand. Deshalb stehe ich zu folgender Feststellung: Die Unia wird diktatorisch geführt.

Weshalb soll Präsidentin Alleva daran schuld sein?
Der Laden ist für sie als Führungsperson zu gross. Als sie sich die Führung mit Co-Präsident Renzo Ambrosetti geteilt hat, funktionierte es. Alleine ist sie aber überfordert. Umso härter versucht sie durchzugreifen, wenn Probleme auftauchen. Die Geschäftsleitungsmitglieder sind jeweils persönlich für einzelne Regionen verantwortlich. Sie ist für das Berner Oberland zuständig. Sie hat sich für den Konflikt nie genügend Zeit genommen, sondern versucht, die Probleme aus der Ferne in den Griff zu bekommen.

«Ich bin seit 40 Jahren Gewerkschafter und weiss, dass nicht alles schlecht ist, was die Unia macht.»

Alleva sagte in einem Interview, das Austragen von Konflikten gehöre zum Job von Gewerkschaftern. Deshalb würden interne Konflikte besonders heftig ausgetragen.
Damit versucht sie, die Probleme klein zu reden. Sie will die Konflikte intern lösen und die Kritiker ruhig stellen. Doch das funktioniert nicht mehr. Es braucht jetzt eine öffentliche Debatte: Was für eine Gewerkschaft wollen wir? Ich und mehr als hundert Leute, die am 1. Mai gegen die nationale Unia-Führung demonstrieren werden, fordern: Vania Alleva muss zurücktreten. Nur so kann sich die Situation beruhigen. Vielleicht braucht es in Zukunft wieder ein Co-Präsidium, damit die Macht besser verteilt ist.

Am 1. Mai sind Sie zum ersten Mal seit 12 Jahren nicht mehr im Amt als regionaler Unia-Präsident. Weshalb lassen Sie nicht los und suchen sich eine konstruktive Aufgabe?
Für mich ist die Gewerkschaft eine Herzensangelegenheit. Ich bin seit 40 Jahren Gewerkschafter und weiss, dass nicht alles schlecht ist, was die Unia macht. Wir wollen die Organisation deshalb nicht kaputt machen, sondern versuchen, sie in eine andere Richtung zu lenken. Wir wollen, dass die Basis mehr berücksichtigt wird. So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen.

Der 1. Mai – die Geschichte eines politischen Feiertags

Als dies nicht geschah, traten im gesamten Land rund 400'000 Arbeiter in den Streik. In Chicago kam es in der Folge zum blutigen «Haymarket Riot»: Ein Bombenanschlag und ein Feuergefecht zwischen Polizisten und Arbeitern forderte mehrere Todesopfer. PD
Die Organisatoren des Streiks wurden verurteilt und gehängt, obwohl der Urheber des Bombenanschlags nicht eruiert werden konnte. Dieser offensichtliche Justizmord führte zu einem Aufschrei in internationalen Arbeiterkreisen und zu Protesten rund um die Welt.
Im Juli 1889 rief der Internationale Arbeiterkongress in Paris zu einer grossen internationalen Manifestation für den Achtstundentag auf, die im Folgejahr stattfinden sollte.
Gewählt wurde der 1. Mai, weil der amerikanische Arbeiterbund dieses Datum im Gedenken an den Streik in Chicago bereits für eine Kundgebung vorgesehen hatte.
Seither ist der 1. Mai der traditionelle Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung.
Besondere Bedeutung hatten die Maifeiern naturgemäss in den sozialistischen Ländern. Hier paradiert die Führungsriege der kubanischen Revolutionäre mit Fidel Castro in der Mitte 1962 in Havanna. KEYSTONE / STR
Später dominierten andere Themen: 1975 widmete Bundesrat Willi Ritschard seine Maiansprache in Biel vornehmlich der Sorge um Vollbeschäftigung. KEYSTONE / STR
1983 war der Protest gegen das geplante Atomkraftwerk im nahen Kaiseraugst das bestimmende Thema der Maifeier auf dem Basler Marktplatz. KEYSTONE / STR
Basel, wo die Kundgebung seit 1905 auf dem Markplatz stattfindet, machte den 1. Mai bereits 1923 zum gesetzlichen Feiertag. KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Der Protest gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen ist nach wie vor aktuell: Hier in Bangladesch, wo die Arbeitnehmer aus der Textilindustrie für elementare Sicherheitsmassnahmen am Arbeitsort demonstrieren. AP / Wong Maye-E
«Workers of the world, unite!» («Proletarier aller Länder, vereinigt euch!») – Das Graffito in Manila zitiert im Jahr 2014 die berühmte Stelle aus dem Kommunistischen Manifest von 1847 und erinnert daran, dass der 1. Mai der Tag der Arbeit ist. EPA / RITCHIE B. TONGO
Nach dem Untergang der Sowjetunion waren die Maifeiern in Moskau allerdings nicht mehr so imposant wie früher. Immerhin noch 7000 Teilnehmer erschienen im Jahr 2000. AP / ALEXANDER ZEMLIANICHENKO
Ab Mitte der Sechzigerjahre nahmen zunehmend auch Fremdarbeiter an den Feiern teil. Deren Erscheinungsbild wurde multikulturell, die Forderungen international. KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI
Von solchen Störungen abgesehen, hat sich die Maifeier zu einem Volksfest gewandelt. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
Besonders in Zürich trat seit den Neunzigerjahren der «Schwarze Block» in Erscheinung. Die sogenannte «Nachdemo» der Linksautonomen artete regelmässig in Gewalttätigkeiten aus. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
2006 erzwangen rund 100 Randalierer den Abbruch der Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger (2. v.r.) an der Maifeier in Zürich. KEYSTONE / WALTER BIERI
Wer hätte das gedacht? Der 1. Mai stammt aus den USA. Er ist – da nicht konfessionell begründet – als Feiertag weltweit verbreitet. AP / Kevork Djansezian
Die USA entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schnell zu einem der führenden Industrieländer. Die Arbeitsbedingungen waren harsch: Kinderarbeit, Ausbeutung, Zwölfstundentage. Wikipedia / Library of Congress
Der 1. Mai war in den USA traditionell ein Stichtag für den Abschluss von Verträgen («Moving day»). Häufig fanden an diesem Tag Arbeitsplatz- und Wohnungswechsel statt. Auf den 1. Mai 1886 forderten die Arbeitervertreter in den USA den Achtstundentag. Wikipedia / Library of Congress
In der Resolution des Franzosen Raymond Felix Lavigne hiess es: «Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine grosse internationale Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen.»
Am 1. Mai 1890 begingen dann tatsächlich Millionen von Werktätigen in Europa und den USA – wie hier im englischen Newcastle – zum ersten Mal den «Weltfeiertag der Arbeit». In der Schweiz wurde er schon in 34 Orten gefeiert. PD
Die Schweiz gehört zu den wenigen europäischen Staaten, die seit 1890 eine ungebrochene Tradition der Maifeiern aufweisen. Da diese oft während der Arbeitszeit stattfanden, wurden anfänglich manche teilnehmende Arbeiter entlassen. Später erhielten sie aber immer häufiger einen unbezahlten Freitag. KEYSTONE / REGINA KUEHNE
1910 gab es in der Schweiz schon 96 Orte mit 1. Maifeiern. 1919 – wenige Monate nach dem Landesstreik – verzeichnete die Maifeier in Zürich 50'000 Teilnehmer. Die Gewerkschaften hatten den 1. Mai 1919 zum Stichtag für die Einführung der 48-Stunden-Woche gemacht. Bild: Maifeier in Zürich, 1917 oder 1918. stadt-zuerich.ch
In der konservativen, spät industrialisierten Innerschweiz dagegen konnte sich der 1. Mai als Feiertag nie durchsetzen. KEYSTONE / SIGI TISCHLER
In den Dreissigerjahren bestimmte der Kampf gegen den Nationalsozialismus – der in der Schweiz durch die Frontisten vertreten wurde – die Agenda der Maifeiern. Bild: Umzug von Frontisten beim Schlachtdenkmal im Grauholz, 1937. Schweizerische Nationalbibliothek
2007 ging es besonders derb zu und her: Autos wurden angezündet, Schaufenster eingeschlagen. KEYSTONE / WALTER BIERI

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