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UNO zur Lage in Eritrea: Willkürliche Hinrichtungen und systematische Folter

Publiziert: 08.06.15, 11:57 Aktualisiert: 08.06.15, 12:36

Flüchtlinge haben Gesichter

In Europa sind die Flüchtlinge immer wieder Gesprächsthema. Ein wirkliches Gesicht von Flüchtlingen kennen jedoch die wenigsten. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Gift (18) kam von Nigeria über Lybien nach Europa. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Selina (14), ebenfalls aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Abel (16) aus Eritrea. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Musa (23) aus Liberia. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Abdou (23) aus Gambia. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Bojang (15) aus Gambia. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Peter (24) aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Saturday (23) aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Tasha (19) aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Oumer (14) aus Guinea. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Eboy (14) aus Gambia. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Cynthia (17) aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood
Hope (17) aus Nigeria. Getty Images Europe / Dan Kitwood

Die Regierung von Eritrea begeht laut UNO-Ermittlern massive Verletzungen der Menschenrechte. Dies treibe Hunderttausende Einwohner des nordostafrikanischen Staates zur Flucht nach Europa.

Dem Regime in Asmara werfen die Experten in einem am Montag veröffentlichten Bericht willkürliche Hinrichtungen sowie systematische Folter – darunter auch Vergewaltigungen – vor, «die den Tatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllen könnten.»

Weite Teile der Bevölkerung des Staates am Roten Meer mit etwa 6,4 Millionen Einwohnern seien zudem Zwangsarbeit sowie einem zeitlich unbefristetem Militärdienst und ungesetzlichen Inhaftierungen ausgesetzt, heisst es in dem Bericht der Eritrea-Untersuchungskommission der Vereinten Nationen.

Das Regime von Staatschef Issaias Afewerki, der in den 1990er Jahren auch von manchen westlichen Politikern als fortschrittlicher Hoffnungsträger für Afrika gepriesen worden war, betreibe ein Orwellsches System der Massenüberwachung, berichtet die Kommission.

Familienmitglieder etwa müssten der Regierung über ihre eigenen Verwandten Bericht erstatten. «Wenn ich in Eritrea bin, traue ich mich kaum zu denken, weil ich Angst habe, dass die Menschen meine Gedanken lesen können», zitiert der Bericht einen befragten Zeugen.

Die vom Staat gesammelten Informationen würden willkürlich benutzt, um die Bevölkerung in einen permanenten Zustand der Angst zu versetzen, heisst es in dem 500-seitigen Bericht. Dieses Klima der Angst ersticke jede Opposition. «Eritrea ist ein totalitärer Staat», konstatiert die dreiköpfige Ermittlergruppe unter Leitung des australischen Juristen Mike Smith.

Tödliche Fluchtrouten

Die meisten Eritreer sähen sich mit einer scheinbar ausweglosen Notlage konfrontiert, heisst es weiter. «In ihrer Verzweiflung riskieren sie tödliche Fluchtrouten durch Wüsten und Bürgerkriegsländer und den gefährlichen Seeweg über das Mittelmeer.»

Die Flucht übers Mittelmeer

Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, spricht mit Überlebenden des verheerenden Schiffsunglücks vom 3. Oktober 2013. EPA/ANSA / FRANCO LANNINO
Damals kamen 360 Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia vor der Küste Lampedusas ums Leben. AFP / ALBERTO PIZZOLI
25. August 2014: Flüchtlinge werden vor der sizilianischen Küste aufgegriffen. Derzeit befinden sich weltweit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. AP/Italian Navy
Flüchtlinge in Libyen. Neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) leben in Entwicklungsländern, da die meisten Flüchtlinge lediglich in ein angrenzendes Nachbarland fliehen. AFP / F NASRI
33,3 Millionen Flüchtlinge sind sogenannte Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons – IDP). Sie fliehen innerhalb ihres eigenen Landes, ohne dabei internationale Landesgrenzen zu überschreiten. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI
Flüchtlingsboot vor Lampedusa: Die Zahl der Staatenlosen wächst stetig. Ihre grundlegenden Menschenrechte sind häufig gefährdet. EPA/ANSA / ITALIAN NAVY / ITALIAN NAVY / HANDOUT
Für das Jahr 2013 gab UNHCR die Zahl der Staatenlosen weltweit mit 3,5 Millionen an. Die tatsächliche Zahl wird jedoch auf rund 10 Millionen geschätzt. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI
Unter den Top-10-Herkunftsländern befinden sich insgesamt sechs Staaten, in denen momentan Krieg oder Gewalt herrscht: Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Irak und Pakistan. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI

Fast 360'000 Eritreer sind nach UNO-Angaben derzeit als Flüchtlinge in Europa registriert. Die meisten von ihnen in der Schweiz, Deutschland und Schweden. Aus keinem anderen Land Afrikas fliehen so viele Menschen nach Europa wie aus Eritrea.

Die UNO-Kommission appelliert an alle Staaten, eritreische Asylsuchende nicht zur Rückkehr zu zwingen. Das Regime bestrafe «jeden, der versucht, das Land ohne Genehmigung zu verlassen».

Wer die Flüchtlinge beschuldige, sie verliessen ihr Land aus rein wirtschaftlichen Gründen, übersehe die desaströse Menschenrechtslage im Land. «Die Eritreerinnen und Eritreer haben das Recht auf internationalen Schutz», forderte die Kommission, die vor einem Jahr vom UNO-Menschenrechtsrat berufen wurde.

UNO-Ermittler durften nicht einreisen

Die eritreische Regierung hat den UNO-Ermittlern jegliche Zusammenarbeit verweigert und sie nicht einreisen lassen. Grundlage ihres Berichts seien daher 550 vertrauliche Interviews mit Zeugen ausserhalb Eritreas sowie 160 schriftliche Berichte von Betroffenen.

Viele potenzielle Zeugen hätten selbst in Asylländern noch aus Angst vor Übergriffen sowie vor Repressalien gegen zurückgebliebene Verwandte eine Aussage vor den Ermittlern abgelehnt.

Über die Lage in Eritrea und den Untersuchungsbericht will der UNO-Menschenrechtsrat im Rahmen seiner am 15. Juni beginnenden Sommersitzung öffentlich beraten. (sda/dpa)

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