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Es ist schwierig, die Faszination Pferd in Worte zu fassen. Vielleicht ist es von jemandem, der nichts mit Pferden am Hut hat, zu viel verlangt.
bild: jean-marc felix

An alle Auto-Fans und Pferdehaar-Allergiker: Darum ist Reiten der beste Sport der Welt!

Wenn am Wochenende im Sportpanorama der Beitrag über den CSI in Zürich gezeigt wird, zappt mancher reflexartig weiter – kein richtiger Sport! Doch, nur weil du als Kind an der Herbstmesse einmal zwei Runden auf einem Pony geführt wurdest, heisst das noch lange nicht, dass du Ahnung vom Reiten hast.

Publiziert: 29.01.16, 11:15 Aktualisiert: 29.01.16, 14:15
Noëmi Laux

Lieber Auto-Fan und Pferdehaar-Allergiker

Es ist wieder CSI in Zürich, eine der grössten Springkonkurrenzen der Schweiz, bei der die Weltspitze mitreitet und tausende Zuschauer ins Hallenstadion zieht. Natürlich wird auch im Sportpanorama ein Beitrag gezeigt und der Weltcup am Sonntag Live im Fernsehen übertragen. Wahrscheinlich gehörst du zu der Mehrheit, die genervt weiterzappt und froh ist, wenn das vorbei ist und endlich wieder «richtiger Sport», also Fussballspiele oder Ski-Abfahrten gezeigt werden.

Du hast keine Ahnung.

Ich bin Springreiterin und ich lebe für diesen Sport. Ja, genau: S.P.O.R.T. Das begreifen viele nicht so richtig, glauben zu wissen, dass die ganze Arbeit doch nur beim Pferd liege, wir Reiter uns nur tragen liessen. Nur weil du als Kind auf der Herbstmesse einmal zwei Runden auf einem Pony geführt wurdest, kannst du dir noch lange kein Urteil zu diesem Sport erlauben.

Vielleicht stehst du ja auf Autos, fährst den neusten BMW oder Audi oder was auch immer es da noch gibt an teuren Autos, liebst deine Karre und lässt jedesmal den Motor aufheulen, wenn ein paar schöne Frauen am Strassenrand entlangwackeln. Jeden Sonntag polierst du die Motorhaube, obwohl sie gar nicht dreckig ist. 

Ich kann die Liebe zu einem Stück Metall auf vier Gummirädern ungefähr so wenig verstehen, wie du jene zu einem Pferd. Aber wenn ich es mir so überlege, haben wir zwei eigentlich ziemlich viel gemeinsam. Pass auf:

BMW vs. Spitzenpferd

Während du deinen Freunden alle Extras im Auto erklärst, halte ich ihnen Videos meines Lieblings im Freispringen (also ohne Reite) über gigantische Hindernisse unter die Nase. Dein spezieller Lack, der die Farbe ändert, wenn die Sonne drauf scheint, macht dich genauso stolz wie mich das graue Fell meines Wallachs. 

Duc, ein BMW mit Herz.

Ich putze mein Pferd Duc öfter als du dein Auto. Nämlich jeden Tag. Manchmal auch zweimal. Ich beeindrucke damit zwar keine hübschen Mädchen, aber dafür geniesse ich die bewundernden Blicke, wenn mein kleiner Showman mit erhobenem Kopf über das Turniergelände schreitet und sich von seiner schönsten Seite präsentiert.

Damit dein Auto noch ein bisschen schneller fährt, hast du den Motor getuned. Im Vergleich; ich trainiere jeden Tag, damit mein Pferd irgendwann mal die Kraft, den Mut und die Kondition hat, über hohe Hindernisse zu springen. Du siehst, wir sind uns ähnlicher als wir uns vielleicht beide wünschten.

Ja, dein Auto mag vielleicht mehr PS haben. Der Punkt geht an dich. Dafür hat mein Pferd ein Herz. Ein richtiges Herz aus Fleisch und Blut, nicht einfach einen Motor aus Stahl, der anspringt, wenn du den Schlüssel im Zündschloss drehst.

Kein Herz aus Stahl

Und genau hier liegt der grösste Unterschied zwischen deiner Leidenschaft und meiner. Ein Pferd hat keinen An- und Ausknopf, Fehler lassen sich nicht in einer Werkstatt beheben, sondern bedeuten Rückschritte, das Ausprobieren anderer Methoden oder eine komplette Trainingsumstellung. Dein Auto ist dir nicht böse, wenn du es mal zwei, drei Tage in der Garage stehen lässt. Duc hingegen muss jeden Tag aus der Box geholt, geritten, gefüttert und gepflegt werden ...

Ein Pferd ist unberechenbar. Klar, ein Auto auch irgendwie, aber anders. Wenn ich im Sattel sitze, muss ich jederzeit auf etwas Überraschendes vorbereitet sein, etwas, das mein Pferd irritiert oder erschreckt. Die tägliche Arbeit, die Fortschritte sind ungefähr so unvorhersehbar wie der Stau auf der A3. So auch im Parcours: Mit dem Sieg in Reichweite, kann sich das Blatt bis zum allerletzten Sprung noch um 180 Grad wenden – Sieg und Niederlage liegen so nah beieinander, wie bei kaum einem anderen Sport.

Was im TV so einfach und leichtfüssig aussieht, bedeutet ein Höchstmass an Perfektion. Jeder Galoppsprung wird vor dem Start genauestens geplant, nichts wird dem Zufall überlassen und doch muss man sich in kürzester Zeit immer wieder auf neue Situationen einlassen können. Aber genau diese Unberechenbarkeit fasziniert mich so sehr.

No risk, no fun

Und dann das Risiko: Für viele ein Grund, sich niemals auf ein Pferd zu setzen. Für mich der Kick, den ich manchmal sogar – zum Beispiel beim Training mit ganz jungen Pferden – bewusst suche. Ich weiss nicht, wie viele Male ich schon im Dreck gelegen habe, wie oft ich nach einem Sturz an Krücken gegangen bin oder am Turnier haarscharf am Sieg vorbeischrammte. Aber nach jeder Niederlage, nach jedem Sturz wurde mir klarer, wie sehr ich an all dem hänge.

Ich bin ein begeisterungsfähiger Mensch, liebe es, neue Sachen auszuprobieren. So habe ich mich in meinem bisherigen Leben schon in einigen Sportarten versucht, nach anfänglicher Begeisterung das Interesse aber meist schnell wieder verloren: Beim Fussballspielen habe ich keine Tore geschossen, beim Schwimmen bin ich immer nass geworden, im Ballett haben sie mir gesagt, ich sei zu tollpatschig und auch das Joggen war meistens mehr Qual als Vergnügen ...

2007: Auch Voltigieren gehört zu einer guten Grundausbildung beim Reiten.
bild: zVg

Anders beim Reiten. Dieser Sport hat mich vom ersten Moment an gepackt. Nein, als ich mit vier Jahren zum ersten Mal aufs Pferd geworfen wurde, wusste ich noch nicht, wohin mich die Reise führen wird. Heute, auf der Tribüne des CSI weiss ich: Das will ich auch machen.

Es ist schwierig, die Faszination Pferd in Worte zu fassen. Vielleicht ist es von jemandem, der lieber ein schnelles Auto in der Garage stehen hat, auch zu viel verlangt. Vielleicht muss man es selber erleben, um es fühlen zu können und das ist irgendwie auch gut so.

Aber lieber Macho im BMW i8, bevor du uns ReiterInnen und den Sport das nächste Mal herablassend belächelst, denk dran ... du bist gar nicht so anders als wir!

Hinter den Kulissen am CSI Basel: Henri Sturzenegger

Dieses Wochenende zieht der CSI in Zürich wieder Tausende Pferdebegeisterte ins Hallenstadion. Gleich wie vor drei Wochen am CSI in Basel sind auch in Zürich die Sicherheitsvorkehrungen enorm. EPA/KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Unser Fotograf durfte als einziger einen Blick hinter die Kulissen des Hochsicherheitstrakts werfen. Eine Reportage in Bildern. JEAN-MARC FELIX CH-5080 LAUFEN
05.16 Uhr: Ankunft am CSI Basel. Im 12 Meter langen Lastwagen können sechs Pferde transportiert werden. Heute hat der 18-jährige Henri Sturzenegger aber nur zwei dabei. bild: jean-marc felix
05:30 – Nach einem gründlichen Check durch den Tierarzt werden die Pferde in den provisorischen Stallzelten eingestallt. bild: jean-marc felix
06:02 – Zeit für's Frühstück! bild: jean-marc felix
06:30 – Vor dem ersten Start bewegt Henri sein zweites Pferd Cronos, damit dieser später im Parcours ruhiger und einfacher zu handlen ist. bild: jean-marc felix
Henri besucht das Gymnasium in Liestal, danach möchte er Jus studieren. Trotz diesen Ambitionen könnte er sich auch vorstellen, sein Hobby später mal zum Beruf zu machen. bild: jean-marc felix
08:16 – Business am CSI: Henri besucht den Stand eines Sponsors. bild: jean-marc felix
«Wir Reiter sind wie eine grosse Familie, am Turnier trifft man immer wieder die gleichen Gesichter.» bild: jean-marc felix
09:07 – Zuhause hat er sein ganzes Zubehör geputzt und vorbereitet, jetzt muss er nur noch satteln ... bild: jean-marc felix
... und auftrensen. bild: jean-marc felix
09:32 – Die letzten Augenblicke, bevor er auf seinen Wallach steigt. bild: jean-marc felix
Seinen neuen Nachbarn mochte Cronos auf Anhieb. Nach einer flüchtigen Verabschiedung gilt es auch für ihn Ernst. bild: jean-marc felix
Damit sich die Pferde nicht erkälten, legt man ihnen zum Aufwärmen eine Decke über die Hinterhand. bild: jean-marc felix
Die Sicherheitsvorkehrungen um die Stallzelte sind enorm. Überall stehen Securitas, die dafür sorgen, dass ausser den Reitern und den Pferdebesitzern niemand in die Stallungen kommt. bild: jean-marc felix JEAN-MARC FELIX CH-5080 LAUFEN
09:53 – Aufwand und Kosten für den Start an einer internationalen Springprüfung sind gross. Ohne einen Stab an Helfern wäre die Teilnahme nicht möglich. Hier mit Freundin Lena. bild: jean-marc felix
10:03 – Obwohl viele Pferde auf dem engen Abreiteplatz kreuz und quer geritten werden, ist die Stimmung ruhig und konzentriert. Jeder bereitet sich individuell auf seinen Start vor. bild: jean-marc felix
10:28 – Bevor Henri zu Springen beginnt, wärmt er sein Pferd auf. bild: jean-marc felix
10:45 – Während er den Parcours abläuft, überlegt er sich genau, wann er wo wie viele Galoppsprünge reiten wird. bild: jean-marc felix JEAN-MARC FELIX CH-5080 LAUFEN
11:01 – Henri nimmt zum vierten Mal am CSI Basel teil. Deshalb ist ihm auch der «Mälcher» ein bekanntes Gesicht. Er öffnet seit dem ersten CSI jedem Reiter die Tür in den Parcours. bild: jean-marc felix
11:19 – Der letzte Sprung vor dem Start. Jetzt weiss auch sein Pferd, dass es losgeht. bild: jean-marc felix
11:23 – Showtime ... bild: jean-marc felix
bild: jean-marc felix JEAN-MARC FELIX CH-5080 LAUFEN
11:25 – Obwohl Henri einen Abwurf hatte, ist er zufrieden mit sich und seinem Pferd. bild: jean-marc felix
Damit Pferd und Reiter nach der Aufregung wieder runterfahren können, gehen sie eine Runde um das Areal. bild: jean-marc felix
Henris grosser Bruder Lucas reitet ebenfalls erfolgreich internationale Turniere. Den CSI Basel musste er dieses Jahr ausfallen lassen, weil an der Uni Prüfungen anstehen ... lerbild: jean-marc felix
12:16 – Cronos ist abgesattelt und versorgt, das Mittagsfutter vorbereitet. Bevor Henri sein zweites Pferd für die nächste Prüfung richten muss, bleibt ihm Zeit für seine Fan(girl)s ... bild: jean-marc felix
18:36 – Nach dem ganzen Rummel zieht sich die Familie abends gerne in ihren Lastwagen zurück. Er ist gross und komfortabel genug, dass alle vier (inklusive Lucas) an mehrtägigen Turnieren problemlos dort drinnen wohnen können. bild: jean-marc felix

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