Symbolbild für alles, was schief läuft in der Welt. Ja, die weissen Hosen auch.
bild: watson
Stirb, Auto-Tune!
Heute wollen wir uns mal über die Musikschändung mittels Auto-Tune-Effekt aufregen.
Wäre Auto-Tune der Balzruf eines in der Natur tatsächlich vorkommenden Tieres, wäre seine Spezies binnen zwei Wochen ausgestorben. Nicht, weil kein einziges Weibchen sich mit diesen Helden hätte paaren wollen, sondern weil es nur die heillos degenerierten unter ihnen täten, was dann in dritter Generation zu sofortiger Lebensunfähigkeit geführt hätte.
Nun ist es aber leider so, dass es sich bei jenen Notzüchtigern unserer Hörorgane um Menschen handelt. Menschen, die ihre eigenen, in der Mehrheit wohl verkümmerten Stimmchen freiwillig und unaufhörlich mit jenem Höllen-Instrumentarium zu verzerren pflegen. Eigenmächtig zählen sie sich zur Gattung «Musiker» und fabrizieren «Songs», die dann reihenweise in den «Charts» landen.
Um nun auch euch ordentlich in den Zustand des Zornes zu versetzen, will ich euch bitten, diesem ziemlich willkürlich gewählten Hörbeispiel zu lauschen. Ich habe es einer Spotify-Playlist mit dem vertrauenerweckenden Namen «Charts 2019!» entnommen. Das Ausrufezeichen soll uns wohl davon überzeugen, dass die sich darin befindlichen Lieder ihren Rang auch tatsächlich verdient und sie sich keinesfalls hochgetunt haben ...
Beispiel aus der Auto-Tune-Hölle: «Rollerblade» von Trial & Error
Dieser Song zeichnet sich neben dem allseits beliebten Auto-Tune-Effekt durch seine instrumentale Vielfältigkeit, den klug orchestrierten Stilmix aus kurzem, aber heftigem Bongo-Intro und nachfolgender Lounge-Gemütlichkeit und seine bezaubernd originelle Tonalität der Strophen aus – «Used to rollerblade rollerblade, switching lanes yeah, we were fourteen, fourteen, fourteen yeah». Selbst der Refrain steht mit seiner fast schon beschämenden Unverwechselbarkeit ganz alleine auf weiter Musikflur – da bleibt uns vor Bewunderung das «Yah yah woah woah yah yah!» direkt im Halse stecken.
Video: YouTube/ATLAST
Als Cher es machte, war es noch cool. Weil sie eine der ersten grossen Nummern war, die diese automatische Tonhöhenkorrektur nicht zur Berichtigung einzelner schiefen Noten brauchte, sondern als Verfremdungseffekt.
«Believe» von Cher aus dem Jahr 1998
Ihr zu Ehren wurde das Auto-Tuning sogar «Cher effect» genannt. Die Devise heisst: Man setze den Auto-Tune weise ein statt überall.
Video: YouTube/Cher
Den Verfremdungseffekt wiederum kennt der Literaturfreund aus Bertolt Brechts epischem Theater.
Wer jetzt findet, Mann Rothenfluh, was kümmert mich dieser Typ, dem sei hier ein Zitat von ihm gegeben:
Auf diese Weisheit muss man erst mal kommen in einer Welt noch so schön frei von Auto-Tune.
Ja, der Zweite Weltkrieg hat sicherlich auch gewisse ...
Guuut.
Brecht hat also den Verfremdungseffekt erfunden. Und zwar, weil er es satt hatte, dass man, wie im griechischen Theater üblich, einfach so ein bisschen mit den Figuren mitlitt. Er wollte, dass die Leute auch nachdenken. Und damit beginnen sie gemeinhin vor allem, wenn man ihre Realität so entstellt, dass sie sie nicht mehr als solche erkennen. Das Vertraute erscheint plötzlich verfremdet, das Heimelige unheimlich, und so bekommt der Zuschauer die Distanz, die er braucht, um die gesehenen Dinge kritisch zu deuten.
Eine Denkkatharsis sozusagen, das war das, was Brecht wollte.
Der deutsche Autor und Begründer des epischen Theaters: Bertolt Brecht (1898–1956).
bild: via ciml.250x
Wenn es nun aber mit dieser Verfremdung zu weit getrieben wird – also so, wie dies aktuell mit Auto-Tune geschieht –, wenn er in jedem Song über jede Stimme wabert, dann passiert das exakte Gegenteil: Der Zuhörer hat die Ohren gestrichen voll davon. Er hört es ständig und überall. Er wird damit gefoltert, und zwar jedes Mal, wenn er auf die absurde Idee kommt, das Radio anzudrehen.
Wer wünscht sich da nicht sehnlichst das Wachs des alten Odysseus herbei! Oder gleich eine riesige Axt, mit der man alle Auto-Tunes-Maschinen dieser Welt zerhacken kann!
Irgendwer setzt das Stilmittel Auto-Tune sicher clever und subtil ein, nur ist das inzwischen egal. Niemand will es mehr hören. Man will es nur noch zerhacken.
gif: giphy
Jegliche Distanz zum Gehörten ist verloren und die Kritik an der Realität erschöpft sich darin, dass man über den Verfremdungseffekt selbst flucht und der Welt den sofortigen Untergang an den Hals wünscht, oder gar innigst davon träumt, sie eigenhändig zu erwürgen, sodass dieses vermaledeite Verzerrungsgedröhn allmählich in ein wohltuendes Röcheln übergeht, das vom letzten lachhaften Versuch zeugt, sich an ein parasitäres, unwürdiges Leben zu klammern. Noch japst es und zittert dem Jenseits entgegen – dann endlich ist es still.
Ende des Schmierentheaters.
Ich hab immer gedacht, wenn jemand den Weltfrieden bringen kann, dann sei das die Musik. Jetzt lösen die abertausend mit Auto-Tune vergewaltigten Songs nur noch reichlich bedenkliche Aggressionen in mir aus.
Ich verlange ja nicht, dass Musik einen didaktischen Nutzen haben muss wie Brechts Theater. Auch wenn es sicher nicht geschadet hat, dass Tic Tac Toe zu meiner Zeit das Kondom zelebrierte.
Musik muss die Menschen nicht zum Nachdenken bringen. Aber hätten gottverdammt die Auto-Tune-«Musiker» ein Fünklein Verstand, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass im Wort Verfremdungseffekt nicht nur Verfremdung danach schreit, nicht die gesamte Realität damit zu überlagern, sondern auch Effekt etwas ist, das von Natur aus nur funktioniert, wenn sparsam damit umgegangen wird.
Das sind zwei Hinweise in einem Wort, das aus zwei Wörtern besteht.
Wie viele Hinweise braucht ihr denn noch?
Und hätten gottverdammt einige jener «Musiker» neben ihrer Talentlosigkeit wenigstens ein Fünklein Einsicht, müssten sie zugeben, dass das ganze Getune als Kompensationsleistung dieser Grössenordnung rein gar nichts taugt.
Aber vor lauter Verfremdung sehen sie die Realität natürlich nicht mehr. Dafür umtost sie umso heftiger unsere feinen Ohren! Herrgott, muss man euch wirklich sagen, dass es mit Malen nach Zahlen auch noch niemand ins Museum geschafft hat?
Wenigstens wissen wir nun, warum die Generation, die vor einem solchen «musikalischen» Hintergrund aufwachsen muss, kolossal verkorkst sein wird.
Verzerrt doch gleich noch die Klänge einer Panflöte mit Auto-Tune, unterlegt das Ganze mit einem lüpfigen Reggaeton-Beat, unterbrochen nur von auserlesenen lieblichen Delfin-Gesängen, lasst zuletzt Sabrina Setlur drüberrappen und wartet dann darauf, dass die Selbstmordrate steigt.
Hier sind sie: 27 prächtige Bilder des grandiosen Freddie Mercury und seiner Band Queen, die mit ihrer pompösen Musik die Welt zum Schwingen brachte. bild: queenphotos
Nur, damit auch wirklich klar ist, von wem wir hier sprechen. bild: imgur Freddie Mercury wurde am 5. September 1946 auf der Insel Sansibar im britischen Protektorat Sansibar geboren. Sein Name: Farrokh Bulsara. Die Eltern hingen dem Zoroastrismus an, und obwohl er den Glauben nicht praktizierte, wurde seine Trauerfeier 45 Jahre später nach zoroastrischem Ritus ausgeführt. bild: funnyjunk
funnyjunk.com / funnyjunk.com In den 60ern studierte er Kunst in London und schloss das Studium mit einem Diplom in Grafikdesign ab. In dieser Zeit entwarf er Männermode und zeichnete Porträts seiner Idole; Aretha Franklin und Jimi Hendrix – letzteres klebte an seinem Schlafzimmerspiegel. bild: imgur Und was trieb dieser junge Mann noch so, bevor er sich 1970 in der Band Queen wiederfand und zu Freddie Mercury wurde? Man soll es kaum glauben: Er sammelte Briefmarken. Leidenschaftlich. Er klebte sie sorgfältig in sein Album und manche Exemplare ordnete er gar nach Farben. Heute ist seine Sammlung im Besitz des British Postal Museums. bild: queenphotos 1975 wurde der Song Bohemian Rhapsody veröffentlicht. Freddie hatte seit 1968 daran herumgedoktert, die erste Zeile – «Mama, just killed a man» – stand schon damals fest. Bei den prominenten Wörtern Galileo, Fandango und Figaro handle es sich um zufällig gereimten Unsinn, gab Freddie später zu. Allerdings brauchten sie für die Aufnahme von Galileo allein satte drei Wochen. So viel Zeit benötigt man im Normalfall für ein ganzes Album. bild: queenphotos Als Elton John den Song noch vor dessen Veröffentlichung zu hören bekam, sagte er zum Manager von Queen: «Are you fucking mad?» Der Song sei viel zu lang und obendrein viel zu sonderbar fürs Radio. Er sollte sich täuschen: Die Single verkaufte sich weltweit über fünf Millionen Mal und wurde der erste Nummer-eins-Hit von Queen.
Queen, das sind Freddie Mercury (Gesang, Klavier), Brian May (Gitarre, Gesang), Roger Taylor (Schlagzeug, Gesang) und John Deacon (ab 1971 E-Bass). In dieser Formation blieb die Band mehr als zwei Jahrzehnte lang unverändert. bild: queenphotos
Die Forscher streiten sich noch heute darüber, ob Freddie Mercurys Stimme nun ganze vier oder doch nur dreieinhalb Oktaven umspannte. Reden tat er jedenfalls im Bariton, während er sich gesanglich vor allem in der Tenor-Stimmlage bewegte. Unbestritten ist, dass nicht nur der Umfang seiner gewaltigen Stimme, sondern vor allem deren Vielfalt unvergleichlich ist.
bild: queenphotos Neben der Musik liebte Freddie Katzen. Es gab eine Zeit, da hatte er zehn davon in seiner Garden Lodge in Kensington. Sie hiessen Tom, Jerry, Oscar, Delilah, Goliath, Miko, Romeo, Lily und Tiffany (im Bild). Wenn er auf Tour war, rief er zuhause an und sprach mit ihnen übers Telefon. An Weihnachten legte er ihnen Geschenke unter den Baum. Seinem Kater Jerry widmete er das ganze Soloalbum Mr. Bad Guy (1985), seiner Katze Delilah den nach ihr benannten Song, dessen erste Zeile folgendermassen lautet: «You make me so very happy. When you cuddle up and go to sleep beside me.» bild: imgur Was er hingegen ganz und gar nicht gern hatte, waren seine Zähne. Sein ganzes Leben lang verbarg er sie am liebsten unter seiner Oberlippe. Sie machen lassen wollte er aber auch nicht, weil er fürchtete, ein zahnärztlicher Eingriff könnte seine Stimme verändern. Also lebte er mit ihnen und sagte sich einfach: «Ich mag meine vorstehenden Zähne nicht. Abgesehen davon bin ich perfekt.» bild: queenphotos Freddie kann man mit Fug und Recht als Rampensau bezeichnen. Abseits der Bühne aber war er schüchtern und gab selten Interviews. Sein Wesen war ambivalent, wie das so mancher herausragender Künstler. Trotz seiner Unsicherheit war ihm schon früh klar, was er werden wollte – und auch tatsächlich wurde: «I won't be a rock star. I will be a legend.» bild: pinterest Seine Kostüme waren enorm extravagant. Sie waren aber kein Ausdruck von Selbstherrlichkeit, sondern vielmehr das genaue Gegenteil: Freddie machte sich so über sich selbst lustig: «I like to ridicule myself. I don’t take it too seriously. I wouldn’t wear these clothes if I was serious. The one thing that keeps me going is that I like to laugh at myself.» bild: queenphotos
Hier sitzt er beispielsweise auf den Schultern von Darth Vader. bild: imgur Die Verkäuferin Mary Austin war in den frühen 70ern Freddies Lebensgefährtin, sie teilten sich gemeinsam eine Wohnung in London und erlebten den Durchbruch von Queen gemeinsam. Er trennte sich von ihr mit einem privaten Outing, seine Homosexualität machte er sein Leben lang nicht öffentlich. Mary blieb bis zu seinem Tod seine Freundin, er wurde der Patenonkel ihres ersten Sohnes, während Freddie das wunderschöne Klavierstück Love Of My Life (1975) für sie schrieb. Zudem vermachte er Mary sein Anwesen in Kensington, sein Vermögen und die Rechte an einigen Liedern. bild: queenphotos Den Song Crazy Little Thing Called Love (1980) schrieb Freddie in einer Hotel-Badewanne. Selbst sein Piano stand da, damit er komponieren konnte. Auch die anderen Bandmitglieder von Queen waren wesentlich am Songwriting beteiligt. bild: queenphotos
Zu Brian Mays Kompositionen gehören u.a. We Will Rock You, I Want It All, Fat Bottomed Girls, Flash, Save Me, Who Wants to Live Forever und The Show Must Go On.
bild: queenphotos John Deacon komponierte Another One Bites the Dust und I Want to Break Free. Seit 1997 ist er öffentlich nicht mehr in Erscheinung getreten, während Taylor und May weiterhin unter dem Namen Queen aktiv sind. bild: queenphotos
Und was macht eine britische Rockband wohl, wenn sie mal nicht gerade ein Konzert gibt? Scrabble spielen natürlich. bild: pinterest Kurt Cobain bedachte Freddie Mercury mit ein paar Worten in seinem Abschiedsbrief, als er sich 1994 das Leben nahm: «Wenn wir hinter der Bühne sind und die Lichter ausgehen und das manische Gebrüll der Menge beginnt, berührt mich das nicht. Nicht so wie Freddie Mercury, der die Liebe und Anbetung der Menge zu lieben scheint, was ich total bewundere und beneide.»
Sämtliche von Queens Studioalben erreichten Platz eins der Charts. Mit rund 200 Millionen verkauften Alben gehört sie zu den weltweit erfolgreichsten Bands. Queen spielte in 16 Jahren mehr als 700 Konzerte. Die vier Musiker taten sich auch mit anderen Grössen zusammen: So zum Beispiel mit David Bowie für den grossartigen Song Under Pressure (1981). Das Projekt mit Michael Jackson gestaltete sich allerdings eher schwierig ... bild: queenphotos ... Den Song There Must Be More To Life Than This (auf Freddies Soloalbum Mr. Bad Guy, 1985, 2014 auf dem Album Queen Forever, aus dem bis dahin unveröffentlichten Material der beiden zusammengemixt) nahm der Queen-Frontsänger als Duett mit Jackson auf. Doch dieser schleifte sein Haustier-Lama mit ins Studio. Das war zu viel für Freddie. Er rief seinen Manager Jim Miami Beach an und meinte: «Mein Lieber, du musst mich hier rausholen, ich nehme gerade mit einem Lama auf.» bild: pinterest Freddie war auch mit Prinzessin Diana befreundet. Eines Abends bestürmte sie ihn, sie doch in die berüchtigte Schwulenbar Royal Vauxhall Tavern mitzunehmen – ein rauer Ort, bekannt für seine Barkämpfe. Die Prinzessin von Wales mittendrin, was für ein gefundenes Fressen das doch für die Medien wäre! bild: queenphotos Aber Freddie liess sich überreden, am Ende befand er: «Go on, let the girl have some fun!» Mit seinem Comedian-Freund Kenny Everett steckte er seine royale Freundin in ein passendes Kostüm: Mit Armeejacke, Fliegersonnenbrille und Lederkappe betrat sie unerkannt die Bar – und sah aus wie «ein exzentrisch gekleidetes schwules Model». bild: queenphotos 1989 erschien das Queen-Album The Miracle. Das Wunder bestand darin, dass Freddie trotz seiner fortgeschrittenen AIDS-Erkrankung bis zuletzt im Studio arbeitete und so Material für zwei weitere Platten zur Verfügung stellte. In seinen letzten Lebensjahren war er mit dem Friseur Jim Hutton zusammen, der ihn bis zuletzt pflegte. Freddie hatte Jim nach seiner Diagnose angeboten, ihn zu verlassen, doch Jim blieb bei seinem kranken Freund. bild: imgur Als Brian May die Songs für das letzte Studioalbum Made in Heaven schrieb, sagte Freddie zu ihm: «Schreib mir mehr, ich will einfach nur singen und wenn ich dann nicht mehr da bin, kannst du es noch immer fertig machen.» Freddie schien überhaupt keine Angst zu haben. Bei der Aufnahme von The Show must go on war der Gitarrist besorgt, dass Freddie es nicht schaffen würde. Er konnte nicht mal mehr stehen. Doch dann kippte dieser einen Wodka und meinte: «I'll fucking do it Darling», und sang den ganzen Song in nur einem Take. bild: queenphotos Mother Love war der letzte Song, den Freddie aufnahm. Er starb einen Tag nach der Öffentlichmachung seiner Krankheit am 24. November 1991 an den Folgen einer Lungenentzündung.
Er wurde 45 Jahre alt. Sein Leichnam wurde eingeäschert. Der Verbleib seiner Asche ist jedoch bis heute ungewiss. Ob seine Eltern sie mitgenommen haben oder sie im Genfersee verstreut wurde – wer weiss. Und vielleicht braucht Freddie ja überhaupt keine Gedenkstätte. In seinen Songs wird er ewig weiterleben. bild queenphotos
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