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Heute bekommt es die Schweizer Verteidigung um Fabian Schär mit Robert Lewandowski zu tun.
Bild: Juergen Feichtner/freshfocus

Wie stoppt man Polen-Stürmer Robert Lewandowski? Fabian Schär: «Als Mannschaft!»

Verteidiger Fabian Schär gehört zu den Schweizern, die an der EM am meisten überzeugten – ein Gespräch über das Nationalteam, Achtelfinal-Gegner Polen und die Zeit, als ungewiss war, dass er überhaupt Profi wird.

Publiziert: 25.06.16, 09:59
Etienne Wuillemin / az Aargauer Zeitung

Ist der Achtelfinal gegen Polen ein Reifetest für diese Schweizer Generation?
Fabian Schär: Ich schaue das nicht unbedingt so an. Wir haben gegen Frankreich bewiesen, mit Topteams mithalten zu können. Ich würde unsere Reife nicht allein von diesem Achtelfinal abhängig machen. Es ist ein einziges Spiel – da kann so viel passieren.

Fabian Schär war in der Schweizer Verteidigung bisher ein sicherer Wert. Bild: KEYSTONE

Was ist der Schlüssel, um Polen zu besiegen?
Als Team besser zu sein als sie. Ich sehe die Mannschaften auf Augenhöhe. Wenn wir uns steigern können im Vergleich zum letzten Spiel – und das konnten wir ja bisher im Turnier immer –, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Übernehmen Sie das Toreschiessen?
Wenn es sein muss (lacht).

Weil's so schön war:

Das Tor in Bildern: 

Warum tut sich die Schweiz damit so schwer?
Schwierig zu sagen. Wichtig ist, dass wir die Chancen dazu haben. Wir haben die Gewissheit, guten Fussball zu spielen, bis an den Strafraum. Die Tore haben gefehlt, klar, aber deswegen plagt uns keine Tor-Phobie. Ich hoffe, der Knopf geht nun auf.

«Lewandowski ist der Topstar. Aber sie haben auch viele andere Spieler von gehobener Klasse.»

Fabian Schär über Polen

Denken Sie nur an den Achtelfinal? Oder wagen Sie auch einen Blick auf die beiden Tableau-Hälften?
Es könnte für die Schweiz eine einmalige Chance sein, weit zu kommen im Turnier.Klar kennen auch wir die Tableau-Hälften. Und klar wissen wir, dass die absoluten Hammer-Namen auf der anderen Seite sind. Aber wir wissen trotz allem, dass das Spiel gegen Polen ein sehr schwieriges wird.

Ist Polen trotzdem der ideale Gegner?
Was heisst schon ideal? Einen idealen Gegner gibt es in einem Achtelfinal nicht mehr. Schon vor der EM hätte ich nicht sagen können, in welche Gruppe ich möchte. Auch wenn es nach einer Floskel klingt: Jede Mannschaft hat Qualitäten. Wir dürfen nicht vergessen: Polen hat die Deutschen in der EM-Qualifikation 2:0 besiegt. Und an der EM gegen sie 0:0 gespielt.

Wie stoppt man Robert Lewandowski?
Als Mannschaft! Anders geht es nicht. Er hat alles. Er ist torgefährlich, kann den Ball halten, ist neben dem Platz die Leaderfigur.

Nur eine funktionierende Mannschaft kann Lewandowksi stoppen.
Bild: KEYSTONE

Sie haben mit Hoffenheim in der Bundesliga gegen Lewandowski mit den Bayern gespielt.
Er ist reingekommen und hat in der Nachspielzeit das Siegestor erzielt. Darum erinnere ich mich lieber an das 2:2 im Testspiel mit der Schweiz gegen Polen vom November 2014. Da habe ich auch gegen ihn gespielt und er traf nicht.

Trotzdem darf man die Polen kaum auf ihn reduzieren.
Überhaupt nicht! Er ist der Topstar. Aber sie haben auch viele andere Spieler von gehobener Klasse. Viel kommt über das Team. Es ist ähnlich wie bei uns.

Fabian Schär jubelt nach seinem Tor gegen Albanien.
Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Welchen Stellenwert hätte für Sie die erstmalige Viertelfinalqualifikation an einem grossen Turnier im Fussball der Neuzeit?
Es wäre ein riesiger Traum, der in Erfüllung geht. Wir würden Geschichte schreiben. Vor der EM herrschte viel Unsicherheit, vor allem von aussen, einiges wurde negativ dargestellt. Nun können wir weiter beweisen, dass das Gegenteil der Fall ist, dass wir etwas reissen können.

Welche Note geben Sie der Schweiz in diesem Turnier bisher?
Eine Fünf. Es war nicht alles perfekt. Aber wir haben uns von Spiel zu Spiel gesteigert. Gegen Albanien war es vielleicht nicht die beste Leistung, aber wir haben das Spiel gewonnen, das muss man auch mal können. Gegen Rumänien und Frankreich waren wir in meinen Augen stark. Es herrscht aber trotzdem kein Überschwang. Wir können uns gut selbst einschätzen.

«Es gab Phasen, da dachte ich nicht, dass ich es noch schaffe, Profi zu werden.»

Fabian Schär

Sie sind ein Spezialist für die grossen Bühnen. Das war auch schon beim FC Basel so.
Wenn ich in ein Stadion einlaufe, die roten Wände von Zuschauern sehe, die Hymne höre, dann sauge ich das alles auf und denke: «Mein Gott, was gibt es Schöneres, als Fussball zu spielen!» Dann geniesse ich einfach. Und dann gelang mir noch das Tor gegen Albanien. Das gibt schon viel Sicherheit.

Die Schweiz hat an dieser EM erst ein Gegentor erhalten, per Penalty – aus dem Spiel noch gar keines. Löst das Genugtuung aus?
Genugtuung nicht gerade. Es ist ja nicht so, dass ich an uns gezweifelt hätte. Aber es ist schon so, dass die Spiele viel Sicherheit verliehen haben. Vielfach wurde die Verteidigung als Schwachpunkt bei uns dargestellt. Ein Gegentor nach drei EM-Spielen – das ist eine gute Quote.

Vor dem Spiel gegen Albanien war Schär besonders nervös. Bild: KEYSTONE

Gibt es Momente im Fussball, in denen Sie nervös sind?
Definitiv. Zum Beispiel vor dem Spiel gegen Albanien. Nicht gleich unmittelbar davor. Aber am Tag zuvor. Es stand derart viel auf dem Spiel. Meine Gedanken drehten sich nur noch um dieses Spiel. Und dann habe ich mich auch schwergetan mit dem Einschlafen.

«Ich bin extrem froh, eine normale Lehre mit Berufsmatur absolviert zu haben.»

Fabian Schär über seine Ausbildung

Wie hat sich Nationaltrainer Vladimir Petkovic während des Turniers verändert?
Vielleicht ist er fast ein bisschen lockerer geworden, seit die EM begonnen hat. Er lässt uns viel Freiraum. Das schätze ich sehr. Ab und zu einen freien Nachmittag zu haben, um in die Stadt zu gehen, tut dem Kopf gut.

Sie sind ein Spätzünder. Wann wurde für Sie klar, dass Sie Profi werden?
Als ich beim FC Wil in der Challenge League spielte, arbeitete ich nebenbei noch auf einer Bank. Eigentlich erst, als ich zum FC Basel wechselte, war klar, ich werde Profi und setze voll auf den Fussball. Da war ich 20-jährig. Aber es gab Phasen, da dachte ich nicht, dass ich es noch schaffe.

Wann war das?
Zwischen 15 und 17. Nach der U16 sollte ich in der neu gegründeten U20 spielen. Aber dieser Schritt war zu gross für mich, es hat nicht gereicht. Dann habe ich ein Jahr Breitenfussball gespielt. Das ist relativ weit weg vom Dasein als Profi.

Der klassische Banker, oder? ;)
Bild: freshfocus

Konnten Sie profitieren von den Erfahrungen als Bankkaufmann?
Absolut. Ich bin extrem froh, eine normale Lehre mit Berufsmatur absolviert zu haben. Und erlebt zu haben, wie es ist, fünf Tage zu arbeiten und dann ein Wochenende zu haben. Natürlich, es war auch eine strenge Zeit, ich musste Schule und Training unter einen Hut bringen. Ich musste mir fussballerisch vieles erarbeiten, aber davon profitiere ich heute. Und die Banklehre ist bestimmt auch nicht schlecht für die Zukunft.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann zurückzukehren auf die Bank?
Ja, natürlich (lacht). 

Die Noten der Schweizer nach der Gruppenphase der EM 2016

Granit Xhaka: Note 6 – Je grösser die Bühne, desto wohler fühlt er sich. Seine Auftritte an dieser EM verdienen das Prädikat Weltklasse. Scheint tatsächlich angekommen als Chef dieser Mannschaft. Er übernimmt Verantwortung. Die allermeisten seiner Pässe sitzen – und das, obwohl er sich nicht scheut, Risiko einzugehen. Nach dem Transfer zu Arsenal wurde Xhaka von einem Engländer gefragt, ob er nicht fürchte, das Preisschild von 50 Mio. könne nun an der EM zu viel Last sein. Seine Antwort gab er auf dem Platz. Sie ist eindrücklich: Nein! Witters / Tim Groothuis/freshfocus
Yann Sommer: Note 5,5 – Wie er die Schweiz in seinem ersten Spiel auf der ganz grossen Bühne gegen Albanien rettete, war Weltklasse. Gegen Rumänien fast ohne Beschäftigung. Dann gegen Frankreich mit der ersten und einzigen Unsicherheit gegen Pogba, steigert sich aber sofort wieder. Ist erst vom Penaltypunkt aus bezwungen. Kann bester Torhüter des Turniers werden und die Schweiz zum nächsten Schritt führen. EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Stephan Lichtsteiner: Note 4 – Der neue Captain wirkt mit der Binde irgendwie gehemmt. Seine Leistungen schwanken zwischen rätselhaft und solid – mehr nicht. Manchmal wirkt er wie ausgetauscht, sobald er nicht das Juve-, sondern das Nati-Trikot übergezogen hat. Das Spiel gegen Frankreich ist sein bestes bisher, vielleicht wächst auch er mit den Anforderungen. Die Schweiz braucht im Achtelfinal den echten Lichtsteiner, um weiterzukommen. KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Fabian Schär: Note 5,5 – Wäre dieser eine Fehler am Schluss des Albanien-Spiels nicht – man dürfte von einer bislang perfekten EM sprechen. Schär überzeugt mit herausragenden Zweikämpfen und gutem Stellungsspiel. Er ist stark in der Luft und genauso am Ball. Dazu strahlt er viel Ruhe aus. Das ist von Vorteil, wenn der Abwehrpartner Johan Djourou heisst. Kurz: Es ist eine überzeugende Reaktion des 24-Jährigen auf eine schwierige Saison mit Hoffenheim in der Bundesliga. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Johan Djourou: Note 5 – In jungen Jahren weckte er Hoffnungen, einmal ein neuer Frank Rijkaard zu werden. An guten Tagen ist er auch heute noch Spitzenklasse. Nur sind diese längst Ausnahme geworden. Wirkt immer ein bisschen zu locker lässig. Die Angst, der nächste Fehler steht kurz bevor, ist noch nicht gewichen. Aber: Er hat sich mit jedem Spiel gesteigert. Die Leistung gegen Frankreich muss er jetzt bestätigen. EPA/EPA / SHAWN THEW
Ricardo Rodriguez: Note 4,5 – Er ist noch nicht der Rodriguez der WM 2014. Damals schritt er voran, als es wirklich zählte. Es ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben vom Versprechen, das er einmal war. Gerade seine Eckbälle und Freistösse sind verbesserungswürdig, wie sein Beitrag zur Offensive überhaupt. Immerhin steht er defensiv gut und lässt wenig über seine Seite zu. Trotzdem: Er muss sich noch steigern. EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Valon Behrami: Note 5,5 – Der Aggressivleader zeigt eine sehr beachtliche EM. Es gibt Dinge, die sind immer drin, wo Behrami drauf steht: viele Balleroberungen, unermüdlicher Kampf, unzählige Läufe. Aber jetzt zeigt Behrami auch Aktionen, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte. Er leitet Bälle geschickt weiter, es sind nicht grad 20- oder 30-Meter-Pässe, dieses Feld überlässt er Xhaka, aber eben doch so, dass die Offensivabteilung etwas damit anfangen kann. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Xherdan Shaqiri: Note 4 – Galt einmal als Wunderkind. Als der Spieler, der in den entscheidenden Momenten für die aufregenden Dinge besorgt ist. Als der Spieler, der die wichtigen Tore schiesst. Das alles ist Vergangenheit. Shaqiri blieb bisher an der EM alles schuldig. Er hat seit über einem Jahr kein Tor mehr erzielt für das Nationalteam. Seine rätselhaften Auftritte mehren sich. Immerhin stellt er sich in den Dienst der Mannschaft. EPA/EPA / ROLEX DELA PENA
Blerim Dzemaili: Note 5 – Dzemaili und das Nationalteam, es ist eine belastete Beziehung. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass es spät doch noch eine versöhnliche Wende gibt. Erstmals ist er als Stammspieler dabei. Petkovic vertraut ihm. Und Dzemaili zeigt an dieser EM in jedem Spiel, warum. Noch fehlt die Konstanz über 90 Minuten. Noch könnte er seine guten Ansätze in etwas mehr Zählbares verwandeln. Aber es bieten sich ja noch Gelegenheiten zur Steigerung. AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Admir Mehmedi: Note 5 – Manchmal ist es erstaunlich, was ein einzelnes Tor auslösen kann. Seit dem Wahnsinnstreffer in den Winkel gegen Rumänien spielt er drei Klassen besser, mit mehr Selbstvertrauen und mit noch mehr Verve bei der Arbeit in der eigenen Platzhälfte. Zudem ist er nun der einzige Schweizer der Geschichte, der an einer WM und EM getroffen hat. Mehmedi hat sich zum Spezialisten für wichtige Spiele entwickelt. Das zeigte er schon an der WM in Brasilien. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Haris Seferovic: Note 4,5 – Um ihn sind während des Turniers die interessantesten Debatten entstanden. Soll man ihn kritisieren, weil er viele Chancen vergibt? Soll man ihn loben, weil er viel kreiert? Der zweite Ansatz scheint angebracht. Seine bisherigen Einsätze waren ansprechend. Die Frage ist nun, ob es ihm gelingt, den Kopf freizubekommen. Falls ja, kann er für die Schweiz plötzlich noch so wichtig werden wie auf dem Weg zum U17-Weltmeistertitel. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Breel Embolo: Note 4 – Was von ihm bisher in Erinnerung bleibt an dieser EM? Einige leidenschaftlich geführte Duelle mit Frankreichs Superstar Pogba. Und vor allem: Der Song «Oh Embolo», diese Hommage an ihn, der die Fan-Herzen erobert hat. Will er allerdings das Herz von José Mourinho und Manchester United definitiv erobern, muss er sich gewaltig steigern. Er hat noch nicht nachweisen können, ein solch grosses Talent zu sein. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT

EM 2016: Wichtige Infos zum Fussballturnier in Frankreich

Hier wird gespielt: Die 10 Stadien der Fussball-EM 2016 in Frankreich

Der Spielplan der Fussball-EM 2016 in Frankreich: Die Gruppenphase

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Das Maskottchen der EM 2016 in Frankreich: «Salut, je m'appelle Super Victor!»

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