Grosser Rummel um Cadieux und Patriotismus gegen die Spaltung der Mannschaft
So gross wäre das Gedränge von Chronistinnen und Chronisten, Kamera- und Kabelträgern wohl sonst nur noch, wenn Jürgen Klopp vor einem Länderspiel gegen Deutschland als neuer Fussball-Nationaltrainer präsentiert würde. Aber es geht nicht um eine Lichtgestalt im internationalen Trainer-Business. Es geht «nur» um Jan Cadieux und zwei Länderspiele gegen Ungarn am Donnerstag und am Freitag in Biel (19.45 Uhr). Die NHL-Profis sind noch nicht dabei.
Soeben hat Jan Cadieux das Abschlusstraining beendet und stellt sich um die Mittagszeit im Bauch des Bieler Hockey-Tempels im engen Medienraum zum ersten Mal überhaupt in seiner neuen Rolle als Nationaltrainer den heimischen Medien. Das Interesse ist auch wegen seines Vorgängers so gross. Jan Cadieux ist nach der Amtsenthebung von Patrick Fischer vom Assistenten zum Chef befördert worden.
Bereits bei seinem ersten Auftritt wird klar: Aus dem Schatten seines Vorgängers kann er nur heraustreten, wenn er bei der anstehenden WM (erstes Spiel am 15. Mai in Zürich gegen die USA) die Schweiz zum WM-Titel führt. Mindestens. Er könnte nämlich jetzt einen ersten Schritt zur Emanzipation und zum eigenen Profil machen und Lian Bichsel begnadigen.
Der wehrhafte NHL-Titan ist von Patrick Fischer bis und mit der WM 2026 aus dem Nationalteam ausgeschlossen worden, weil er einst Aufgeboten fürs Junioren-Nationalteam aus guten Gründen nicht Folge geleistet hatte. Jan Cadieux könnte Lian Bichsel – wenn Dallas rechtzeitig aus den Stanley-Cup-Playoffs ausscheidet – ins WM-Team holen. Was er nicht tun wird. Er hält an der Sperre fest. «Das war damals ein Mehrheitsentscheid und dabei bleibt es.» Bei Lichte besehen eine Torheit: Gut möglich, dass Bichsel für den Viertelfinal zur Verfügung stehen könnte – und dann wäre er einer, der die Differenz machen kann. Prinzipienreiterei geht vor sportlichen Überlegungen.
Sekundiert wird Jan Cadieux bei seinem Medienauftritt von Sportdirektor Lars Weibel (arbeitet nebenbei bereits als Sportchef für Ambri und verlässt den Verband nach der WM) und Medienchef Finn Sulzer. Letzterer macht schon mal klar, dass nicht gefragt werden darf, was alle fragen möchten: Ob Lars Weibel, Patrick Fischers direkter Vorgesetzter, auch vom «Impfbschiss» gewusst habe. «Das wird die nun in Auftrag gegebene externe Untersuchung zeigen.» Unbeaufsichtigte Einzelinterviews werden wohlweislich nicht gewährt. Zu gross ist die Panik, dass irgendeine unbedachte Aussage einen weiteren Mediensturm oder doch einen Sturm im Wasserglas entfachen könnte.
Und so geht es zu einem weiteren Thema, das auch alle umtreibt: Was hat Jan Cadieux zum Brief seines Captains Roman Josi zu sagen, der darin beim Verbandspräsidenten die Rückkehr von Patrick Fischer anmahnt? Ein Schelm, wer raunt, nun könnte unser WM-Team in zwei Fraktionen zerfallen: «Fischianer» und «Cadioten».
So wird es wohl nicht kommen. Jan Cadieux sagt, er habe damit überhaupt kein Problem. Roman Josi habe sich sehr professionell und korrekt verhalten und ihn bereits am Freitag über die Absicht informiert, diesen Brief am Sonntag dem Präsidenten zukommen zu lassen. «Es wurde in der Mannschaft besprochen. Es wurde viel im Team diskutiert, in einer Mannschaft mit vielen Charakteren. Es gibt verschiedene Meinungen, so ist es in einem Team. Nicht alle haben die gleiche Meinung. Es ist ein respektvoller Umgang mit allen Meinungen.»
Da wird Lars Weibel vom Pathos ergriffen. Es gehe nicht um Personen, es gehe ums Grosse und Ganze, um die Mannschaft! «Die Spieler haben das Herz auf dem rechten Fleck.» Patriotismus statt Spaltung. Den Patriotismus muss auch Jan Cadieux gespürt haben. Er rühmt die Einstellung der Spieler, die Intensität im Training.
Und weil es dem neuen Nationaltrainer im medialen Scheinwerferlicht da vorne sichtlich unwohl ist, hat Finn Sulzer eine prima Idee: Antworten gibt es in der Sprache des Fragestellers. Da die weit angereisten Kollegen aus dem Tessin ihre Spesen mit viel Fleiss rechtfertigen müssen, laufen drei Viertel der Veranstaltung in italienischer Sprache. Drei Viertel der Anwesenden sind Deutschschweizer die meisten der Sprache Umberto Eccos weder in Wort noch Schrift mächtig.
Leonardo Genoni spricht über den Skandal rund um Patrick Fischer:
Obwohl die zwei Länderspiele gegen Ungarn anstehen, interessiert sich von den mindestens 50 Chronistinnen, Chronisten, Kamera- und Kabelträgern niemand für den Gegner. Wie auch? Ungarn ist ein Zwerg mit 1555 lizenzierten Spielern (Schweiz mehr als 12'000) auf dem 18. Platz der Weltrangliste (Schweiz 5.). Operetten-Länderspiele also. Gut, dass wenigstens der Medienauftritt am Tag zuvor wie eine dramatische Oper inszeniert wird.
