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«Ich bin authentisch. Auch auf Facebook. Manchmal vielleicht etwas zu authentisch», sagt Sarah Bösch im Interview mit watson.  Bild: watson/rar

«‹Bier-Bösch› ist ja eigentlich eine ganz humorvolle Wortkombination»

Die als «Bier-Bösch» bekannt gewordene Wiler Stadtparlamentarierin Sarah Bösch will weitermachen – als Parteilose wie ihr Vorbild Thomas Minder. Ein Gespräch über Wein, den Boulevard und die Authentizität als Politikerin in sozialen Medien.

Publiziert: 12.05.15, 10:45 Aktualisiert: 12.05.15, 11:11

Frau Bösch, darf ich Sie zu einem Bier einladen? 
Sarah Bösch: 
Nein, danke. Ich habe gerade keine Lust auf Bier. Ich hatte übrigens auch an dem Abend meines Facebook-Eintrags kein Bier getrunken, sondern Wein. Aber ein kühles Bier im Sommer ist gut gegen den Durst – ich mag Bier, vor allem dunkles.   

Weshalb sind Sie dann Auto gefahren, und wie betrunken waren Sie wirklich? Sie haben nie öffentlich gemacht, welcher Promillewert bei Ihnen gemessen worden ist. 
Das sage ich Ihnen auch jetzt nicht. Schauen Sie, ich habe getan, was ich getan habe. Der Mist ist geführt. Natürlich hätte ich weder angetrunken in ein Auto steigen, noch mich unmittelbar darüber auf Facebook auslassen sollen. Als Person von einer gewissen öffentlichen Relevanz kann man mir daraus einfach leicht einen Strick drehen. Das ist mir jetzt klar. Ich bin mir aber sicher, dass andere schon viel schlimmere Sachen gemacht haben. Ich bin nur ein kleines Mücklein. Ich darf und will mich gar nicht so wichtig nehmen. Ich will einfach nur politische Arbeit machen.

Bild: screenshot/facebook

In welchem Bereich? Brauerei-Kartellrecht? Es dürfte künftig schwierig werden mit dem Übernamen «Bier-Bösch»... 
«Bier-Bösch»... Das ist natürlich schon nicht ideal. Aber der «Blick» hat das ja nicht verwendet, weil ich dauernd und ununterbrochen Bier trinke, sondern weil es zum Bild gepasst hat, mit dem der «Blick» jeweils seine Artikel illustriert hat. So funktionieren Boulevard-Medien. Die Leute können das schon einordnen.

«Und Bier-Bösch ist ja eigentlich eine ganz humorvolle Wortkombination.»

Wie haben Sie es eingeordnet, dass der «Blick» Sie erst zur achten Bundesrätin und dann fertig machen wollte? 
Ach, watson hatte seine Berechtigung, «20 Minuten» hatte seine Berechtigung und auch der «Blick» und alle anderen Lokalzeitungen hatten ihre Berechtigung. Es ist halt die Aufgabe der Medien, ihre Produkte zu verkaufen und mit mir klappte das offenbar besser als mit anderen. Anders kann ich mir die enorme Medienpräsenz nicht erklären. Und «Bier-Bösch» ist ja eigentlich eine ganz humorvolle Wortkombination. 

Humorvoll finden Sie das? Haben Sie die letzten Wochen amüsiert? 
Nein, soweit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ich bin zufrieden damit, wie ich die Situation gemanagt habe und mit den Entscheidungen, die ich getroffen habe, nachdem der Shitstorm ausgebrochen war. Ich finde, ich habe das doch alles in allem recht professionell gemeistert und weiteren Schaden abgewendet. 

Bild: screenshot/blick

Sie bereuen nichts? 
Doch, heute würde ich den Facebook-Post nicht in einem so emotionalen Moment schreiben, sondern etwas Zeit verstreichen lassen. Asche auf mein Haupt. Ich bin eigentlich kein Mensch, der vorschnell reagiert. Zum Inhalt meines Posts stehe ich aber nach wie vor. 

«Hat man denn in der Zwischenzeit angefangen, schlechter zu fahren mit dem gleichen Alkoholpegel im Blut? Ich glaube nicht.» 

Auch dazu, dass es eine «unglaubliche Bürokratie» ist, wenn man mit über 0,8 Promille erwischt wird, eine Blutprobe und das Billet abgeben muss? 
Ja. Man hätte eine Busse sprechen und mich weiterziehen lassen können. Das ganze Prozedere mit Blutentnahme im Spital ist ein unnötiger Aufwand, der nur Zeit, Geld und Nerven kostet. Man muss nur ein bisschen zurückdenken, da war es noch legal, mit 0,8 Promille am Steuer zu sein. Hat man denn in der Zwischenzeit angefangen, schlechter zu fahren mit dem gleichen Alkoholpegel im Blut? Ich glaube nicht. 

Wie sehen Sie Ihre Zukunft in der Politik? 
Nun, da ich mit der SVP-Fraktion nicht mehr politisieren werde und das auch nicht mehr möchte, mache ich vorerst als Parteilose weiter. Ich habe meine Aufgabe im Stadtparlament und diese werde ich mit Respekt, Fleiss und Elan fortführen. 

Sie wurden ja nicht gewählt, Sie sind nachnominiert worden für den abtretenden Stadtrat Juri Deffendi. Nun wird es sehr schwierig, ohne Fraktion im Rücken zu politisieren.
Das haben andere vor mir auch geschafft. Sehen Sie sich einen Thomas Minder an. Er ist ebenfalls parteilos und ein guter Politiker.

«Und ich bin authentisch. Auch auf Facebook. Manchmal vielleicht etwas zu authentisch.»

Sie vergleichen sich allen Ernstes mit Thomas Minder? 
Nun ja, wenn man nicht hoffnungsvoll lebt, kann man ja gleich abdanken. Ich glaube, die Schweizer Bevölkerung schätzt eine gute Sachpolitik, und das ist genau meine Stärke. Und Medienpräsenz habe ich auch, dank Ihnen. 

Gern geschehen. 
Naja, ich hätte Sie gerne langsam aufgebaut. 

Bild: watson/rar

Das Kapitel Sie und SVP ist definitiv abgeschlossen? 
Ja. Obwohl ich immer noch hinter dem SVP-Programm stehe. Die SVP ist eine gute Partei. Ich habe die SVP nie schlecht gemacht. Doch am Schluss habe ich die Loyalität von einzelnen aus meiner Fraktion vermisst. Deshalb habe mich für den Austritt entschieden. 

Man hat Sie ausgeschlossen.
Nein, ich war schneller. Ich bin ein Mensch mit einem gutem Bauchgefühl. Aber das spielt jetzt alles sowieso keine Rolle mehr. Ich bin jemand, der nach vorne schaut und nicht darauf, was gestern war. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit, sage ich immer. Auch mit meinem Rucksäcklein kann ich gute politische Arbeit leisten. Authentizität ist das Wichtigste in der Politik. Und ich bin authentisch. Auch auf Facebook. Manchmal vielleicht etwas zu authentisch.

Über Facebook haben Sie kürzlich auch nach einer «neuen beruflichen Herausforderung» gesucht. Haben Sie Angebote erhalten? 
Ja. Schon vor dem «Bier-Bösch» hatte ich Gespräche, wo ich wegen meiner Medienpräsenz Absagen erhalten habe. Aber ich habe auch neue Perspektiven erhalten. Was sich daraus konkret ergeben wird, kann ich aber erst in rund einem halben Jahr sagen.

Liebäugeln Sie mit einer anderen Partei? 
Auch da hatte ich Anfragen. 

Von welcher? 
Unter anderem von der BDP. Entschieden habe ich mich aber noch nicht. 

«Wissen Sie, ein Drittel meines Lebens ist vorbei und ich habe nun Lust auf eine neue Herausforderung.»

Da werden Sie lieber Moderatorin? Sie haben in Ihrem Facebook-Post geschrieben, dass Sie gerne Moderatorin würden.
Sie müssen sich jetzt nicht darüber lustig machen. «Moderatorin» kann ja vieles sein. Ich habe vor etwa zehn Jahren auch die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in München bestanden. Schon damals war ich sehr offen für dieses Leben als Schauspielerin oder Moderatorin. Wissen Sie, ein Drittel meines Lebens ist nun vorbei und ich habe nun Lust auf eine neue und nachhaltige Herausforderung. Im sozialen Bereich habe ich lange genug gearbeitet. 

Waren Sie eigentlich als sozialer Mensch in der richtigen Partei bei der SVP? 
Das ist eine gute Frage. Aber sozial sein ist kein Parteiprogramm, sondern ein Charakterzug. Und ich war ja auch nicht überall auf Parteilinie. 

Sie haben sich selbst als SVP-Hardlinerin bezeichnet.
Moderate Hardlinerin! Ich stehe für weniger Bürokratie, eine starke Berufsbildung, gestärkte und nicht geschwächte Autofahrer und eine vernünftige Art der Integration. 

Was machen Sie morgen?
Im Moment ist es wichtig für mich, mich zurückzuziehen, mein Programm zu schärfen und mich dann mit neuem Elan zurückzumelden. 

Sarah Bösch war nicht die Erste: Hier die haarsträubendsten Fauxpas der SVPler auf Social Media

SVP-Nationalrat und Asylchef Andreas Glarner verlor die Nerven und stellte zwei Twitterinnen mit Bild an den Facebook-Pranger, mit dem beleidigenden Kommentar: «Ich verstehe irgendwie schon, dass sie links und feministisch sind.» Die beiden hatten ihn wiederholt aufgefordert, seine falsche Behauptung zu korrigieren, der Bund hätte in Chiasso Pensionäre rausgeschmissen, um Platz für 500 Asylsuchende zu schaffen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Jean-Luc Addor, Walliser SVP-Nationalratskandidat, veröffentlichte auf Twitter den Satz «On en redemande!», sinngemäss übersetzt heisst das: «Wir wollen mehr davon». Dem Tweet hatte er einen Link beigefügt, der sich auf eine tödliche Schiesserei in einer St.Galler Moschee bezog. Addor hat nun eine Strafanzeige am Hals, die immer noch hängig ist. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Marcel Töltl, Präsident der SVP St.Margrethen, behauptete auf Facebook,, Syrer und Eritreer verfügten allein ob ihrer Herkunft über einen tiefen IQ. Sie sollten deshalb der Schweiz fernbleiben: «Gerade Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien, welche nachweislich einen sehr tiefen ‹Länder-IQ› haben, sind in unserem Land, wirtschaftlich gesehen, fehl am Platz.» Bisher hatten seine Äusserungen keine Konsequenzen.
Der Solothurner SVP-Politiker Beat Mosimann musste aus der Partei austreten, nachdem er rassistische Kommentare und Statusmeldungen auf Facebook verfasst hatte. Unter anderem schrieb er: «Wann wird das gottverdammte Pack endlich ausgeschafft oder standrechtlich erschossen?» Auch Bezüge zum Dritten Reich wurden Mosimann zum Verhängnis: «Wenn wir nicht bereit sind, Deportationen im grösseren Rahmen vorzunehmen, auch wenn dies böse Erinnerungen weckt, dann komen wir aus der Scheisse nicht mehr raus.»
Die SVP-Frau Marlies Werner wollte in die Schulpflege von Wohlen (AG) gewählt werden. Auf ihrem Facebook-Profil fanden sich aber wenig jugendtaugliche Sprüche. «Eine richtige Frau macht deinen Penis hart und nicht dein Leben», war noch einer der harmloseren. Kritik an ihren Postings liess sie an sich abperlen. Die Wahl schaffte sie nicht.
Der Stadtzürcher SVPler Alexander Müller musste aus der SVP aus- und von seinem Amt bei der Schulpflege zurücktreten, weil er folgenden Satz getwittert hatte: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht ... diesmal für Moscheen». Der später von den Medien aus dem Zusammenhang gerissene Tweet zerstörte seine Existenz. Keystone
Seppi Spiess, der ehemalige Präsident der SVP-Ortspartei Schwyz, musste zurücktreten, nachdem er sich auf Facebook über die Erschiessung eines moldawischen Autodiebes gefreut hatte. «Ech ha richtig Freud gha, so müessts si, abeschüsse, dä choscht die sauwar nümmi ...», schrieb Spiess.
Der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti wollte Bundeshaus-Chef der «Basler Zeitung» werden. Unter anderem kam ihm da ein Tweet dazwischen. Nach einer Schiesserei im afghanischen Innenministerium in Kabul schrieb er: «Man soll Kameltreiber Kamele treiben lassen und aufhören, ihnen die Aufklärung bringen zu wollen.» KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Der Wiler SVP-Fraktionspräsident Mario Schmitt erhielt einen Strafbefehl, weil er ein Enthauptungsvideo des IS auf Facebook mit folgendem Satz kommentiert hatte: «Mir kommt gleich das Kotzen, wann wird diese Religion endlich ausgerottet.» Schmitt ist der politische Vorgesetzte von Blaufahrerin Bösch.
Die Wiler SVP-Stadträtin Sarah Bösch geriet angetrunken in eine Polizeikontrolle und beschwerte sich während der folgenden Blutabnahme über «Bürokratie» und dass sie wie eine Verbrecherin behandelt würde. «Ich fühle mich munter, frisch, spüre null Promille», versicherte Bösch auf ihrer Facebook-Seite. facebook / facebook

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