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Kanter im Playoff-Spiel gegen die Denver Nuggets. Bild: AP

Staatsfeind Enes Kanter – wie ein NBA-Star aus Zürich um sein Leben fürchtet

Portland ist eine der subversivsten Städte der USA. Der in Zürich geborene NBA-Profi Enes Kanter passt perfekt dorthin. Er ist kontrovers, unterhaltsam – und in seiner Heimat Türkei ein Staatsfeind. Im NBA-Playoff soll er Portland zum nächsten Exploit verhelfen.

Publiziert: 30.04.19, 08:08 Aktualisiert: 30.04.19, 14:43
Nicola Berger / CH Media

Enes Kanter hat keine Heimat mehr, jedenfalls nicht im Moment. Kanter, 26, ist Türke, eigentlich, doch das Land hat ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt, im Rahmen der unerbittlichen Vendetta der Regierung Erdogan gegen die Bewegung des im Exil lebenden Geistlichen Fetullah Gülen. Kanter gehört zu den Vertrauten Gülens, was der Grund dafür ist, dass er sich nicht mehr aus den USA hinaustraut.

Als sein damaliger Arbeitgeber New York Knicks im Januar eine Partie in London absolvierte, reiste Kanter nicht mit – er fürchtete, von den Schergen Erdogans gekidnappt zu werden. Er gilt in der Türkei als Staatsfeind, er verglich Erdogan bereits mit Hitler – und erhielt darauf Morddrohungen. Sein Vater erklärte öffentlich, er schäme sich, einen solchen Sohn zu haben.

Eines Tages Politiker?

Geschichten wie jene gibt es in der Türkei viele, doch selten treffen sie jemanden, der so im Rampenlicht steht wie der Basketballer, einen der berühmtesten Sportler seines Landes. Kanter erreicht eine grosse Öffentlichkeit, in den sozialen Medien folgen ihm fast eine Million Menschen. Er sagt: «Es gibt Tausende unschuldige Menschen ohne Stimme. Ich werde meine Plattform dazu einsetzen, um Menschenrechte und Demokratie weiter zu unterstützen.»

Es sind mehr als Lippenbekenntnisse: Kanter sagt, er könne sich vorstellen, eines Tages selber Politiker zu werden. Und an den meisten Tagen meldet er sich gegen zehn Mal pro Tag zu Wort, oft teilt er politische Botschaften und immer wieder protzige Bilder mit nacktem Oberkörper; er inszeniert sich gerne.

Am perfekten Ort gelandet

Man könnte befürchten, dass all die Onlineaktivitäten und die Drohgebärden seiner Gegner ihn in der Ausübung seiner Aufgabe beeinträchtigen würden: NBA-Profi zu sein. Die New York Knicks waren dieser Auffassung, sie kauften sich im Februar aus den letzten Monaten eines Vertrags heraus, der Kanter in den letzten vier Jahren 70 Millionen Dollar eingebracht hat. Viel Geld für einen eindimensionalen Spieler: Der Center ist offensiv brillant und defensiv ein Abenteuer.

Kanter landete in Portland, bei den Trail Blazers, und womöglich war das ein Glücksfall. Portland, Oregon, ist ein Ort wie geschaffen für Aussätzige, subversiv und rau, eine alternative Stadt bekannt für Drogen und Rock'n'Roll; die Musikerin Beth Ditto, die Frontsängerin der Band Gossip, sagt, es sei «der perfekte Ort für Punks».

Mit solchen Dingen hat Kanter nichts zu tun, aber auch er hat einen archaischen Geist, auch er rebelliert gegen das Establishment, jedenfalls gegen das in der Türkei. Er hat für seine Überzeugungen viel geopfert. Selbst in den USA verzichtet er darauf, türkische Restaurants zu besuchen – er weiss nie, welche Reaktionen ihm entgegenschlagen.

Länger bei den Trail Blazers?

In Portland hat man für solches Verhalten Verständnis; vielleicht hat ihm das die Integration erleichtert, die auf die Probe gestellt wurde, als er nicht mit zum Spiel nach Toronto reisen konnte – wieder die Angst vor einem Attentat oder der Auslieferung an die Türkei.

Sportlich läuft es den Trail Blazers seit der Verpflichtung nach Wunsch, in der ersten Playoff-Runde schaltete das Team in fünf Spielen die Oklahoma City Thunder mit ihren Stars Russell Westbrook und Paul George aus. In der Nacht auf heute Dienstag stand der erste Vergleich mit den Denver Nuggets an, Portland verlor ihn mit 113:121. Enes Kanter kam auf 26 Punkte und 7 Rebounds.

Es ist nicht klar, was mit Enes Kanter geschehen wird nach dieser Saison, der Vertrag endet und womöglich muss er weiterziehen. Doch sollte gegen Denver der nächste Coup gelingen, steigen die Chancen auf eine Vertragsverlängerung; und darauf, dass der Nomade zumindest temporär eine neue Heimat findet.

NBA-Stars, die ihrem Team immer die Treue hielten

Kobe Bryant: 20 Saisons bei den Los Angeles Lakers (1996 bis 2016). AP/AP / Matt Slocum
Dirk Nowitzki: 20 Saisons bei den Dallas Mavericks (seit 1998). AP/AP / Tony Gutierrez
Tim Duncan: 19 Saisons bei den San Antonio Spurs (1997 bis 2016). AP/AP / David J. Phillip
John Stockton (links): 19 Saisons bei den Utah Jazz (1984 bis 2003, hier mit Karl Malone). AP / RICH PEDRONCELLI
Reggie Miller: 18 Saisons bei den Indiana Pacers (1987 bis 2005). AP / MICHAEL CONROY
Manu Ginobili: 16 Saisons bei den San Antonio Spurs (2002 bis 2018). AP/AP / Sue Ogrocki
Udonis Haslem: 16 Saisons bei den Miami Heat (seit 2003). AP/FR171174 AP / Joe Skipper
John «Hondo» Havlicek (rechts): 16 Saisons bei den Boston Celtics (1962 bis 1978, mit Bill Russell und Coach Red Auerbach). AP / HF
Hal Greer (rechts): 15 Saisons bei den Philadelphia 76ers (1958 bis 1973). AP / ANONYMOUS
Dolph Schayes: 15 Saisons bei den Philadelphia 76ers (1949 bis 1964).
Elgin Baylor: 14 Saisons bei den Los Angeles Lakers (1958 bis 1971). AP/AP / Reed Saxon
David Robinson: 14 Saisons bei den San Antonio Spurs (1989 bis 2003). AP / ERIC GAY
Larry Bird: 13 Saisons bei den Boston Celtics (1979 bis 1992). AP/AP / Doug Pizac
Earvin «Magic» Johnson: 13 Saisons bei den Los Angeles Lakers (1979 bis 1991 und 1996). AP / KEVORK DJANSEZIAN
Isiah Thomas: 13 Saisons bei den Detroit Pistons (1981 bis 1994). AP / Robert Kozloff

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Video: watson / nico franzoni, corsin manser

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