100 Minuten Überzahl, nur zwei Tore – das läuft im Powerplay von Gottéron schief
101 Minuten und 5 Sekunden konnte Fribourg-Gottéron in den bisherigen Playoffs bereits in Überzahl agieren. Wenn ein Hockey-Laie diese Statistik hört, dann muss ihm sofort klar sein: Darum sind die Drachen bis in den Playoff-Final vorgestossen. Doch weit gefehlt. In diesen 100 Minuten hat das Team von Roger Rönnberg bislang zwei mickrige Powerplay-Törchen erzielt – obwohl mittlerweile wieder Stars wie Marcus Sörensen, Lucas Wallmark oder Henrik Borgström auf dem Eis stehen.
Klar, gerade in der Viertelfinalserie gegen die Rapperswil-Jona Lakers hat das Freiburger Überzahlspiel auch unter den verletzungsbedingten Absenzen gelitten – damals musste Gottéron noch komplett ohne Sörensen und teilweise ohne Attilio Biasca auskommen. Sandro Schmid (2 Tore und 8 Assists im Powerplay) fällt schon die ganzen Playoffs aus. Aber auch Finalgegner Davos hat gewichtige Absenzen (Enzo Corvi, Valentin Nussbaumer) und trifft dennoch regelmässig in Überzahl.
Zwar hat auch das Davoser Powerplay seine Probleme – MySports-Experte Ueli Schwarz betonte im gestrigen Spiel 2 ständig, dass der HCD nicht immer nur den Abschluss von Matej Stransky suchen sollte. Aber die schwache Freiburger Ausbeute mit einem (oder manchmal auch zwei) Mann mehr ist derart extrem, dass wir uns das mal genauer unter die Lupe nehmen wollen.
Um zu wissen, wo die Probleme in einem Powerplay liegen, müssen wir einige zentrale Fragen beantworten:
- Ist der Spielaufbau (insbesondere das Betreten der offensiven Zone) erfolgreich?
- Funktioniert die Formation?
- Kommt das Team zu Direktschüssen?
- Treffen die Spieler mit ihren Schüssen das Tor?
- Steht ein eigener Spieler vor dem Tor oder hat der gegnerische Goalie freie Sicht?
- Gewinnen die Spieler die wichtigen Zweikämpfe?
Das Videostudium zeigt uns: Der Spielaufbau von Fribourg-Gottéron funktioniert in Überzahl bestens. Mit den läuferischen Qualitäten von Spielern wie Marcus Sörensen, Lucas Wallmark oder Verteidiger Michael Kapla in der ersten Formation sowie Christoph Bertschy, Attilio Biasca oder Yannick Rathgeb in der zweiten Formation betreten die Freiburger die offensive Zone oft mühelos.
Auch im Powerplay-System besteht kein grundlegendes Problem. Es ist ein leichter Nachteil, dass die erste Formation mit Kapla, Borgström, De la Rose, Sörensen und Wallmark nur aus Linksschützen besteht. Damit ist der Winkel von Schüssen von der linken Seite immer etwas schlechter und damit sind die Situationen etwas ungefährlicher. Aber ansonsten passt fast alles. Die Spieler sind stetig in Bewegung, die Passqualität stimmt vorwiegend und die Spieler kommen in Abschlusspositionen.
Entscheidend ist nun, was in diesen Abschlusspositionen passiert. Fribourg probiert es ab und an mit Direktschüssen, oft wird aber auch mit dem Abschluss gezögert. Damit erhalten nicht nur die Torhüter, sondern auch die gegnerischen Feldspieler die Chance, sich noch rechtzeitig zu verschieben. Und das ist das nächste Problem im Gottéron-Powerplay. Zu oft und gerade aus vielversprechenden Positionen treffen die Spieler das Tor nicht. Entweder sie bleiben am gegnerischen Block hängen oder sie verziehen gerade komplett.
Das ist eines der Probleme. Wenn die Schüsse aber mal aufs Tor kommen, dann hat der gegnerische Torhüter oft eine zu gute Sicht. Zwar steht meistens immer ein, manchmal auch zwei Freiburger vor dem Tor. Doch oft befinden sie sich auf der Seite und nehmen so dem Torhüter die Sicht nicht. Die Keeper in der National League sind mittlerweile so gut, dass sie mit freier Sicht kaum zu schlagen sind. Auch Abpraller gibt es fast ausschliesslich, wenn der Goalie den Puck nicht oder nur sehr spät auf sich zufliegen sieht. Die Abpraller sind aber nur dann auch gefährlich, wenn es ein Powerplay-Spieler schafft, vor dem Gegner am Puck zu sein.
Beispiel:
Und damit sind wir beim grössten Problem des Freiburger Powerplays: die Zweikämpfe. Aus Gottéron-Sicht gehen diese zu oft verloren. Damit sind Zweikämpfe um den Puck vor dem Tor genauso gemeint wie Zweikämpfe an der Bande.
Viel zu oft gelingt es Fribourg bei Abprallern nicht, zuerst beim Puck zu sein. Oder die Spieler von Trainer Roger Rönnberg verlieren die Kraftkämpfe um die Scheibe, wenn sie gleichzeitig dort sind wie der Gegner. Das erlaubt es den Teams wie Davos, die Scheibe rasch aus der gefährlichen Zone zu spedieren.
Beispiel:
Bei den Zweikämpfen an der Bande bietet sich ein ähnliches Bild. Hier sind vorwiegend die Situationen gemeint, wenn Gottéron mal ein Pass misslingt oder beim Betreten der offensiven Zone ausnahmsweise auf «Dump and Chase» (Scheibe in die Zone spielen und hinterherlaufen) gesetzt werden muss. Sobald Fribourg den Puck nicht unter Kontrolle hat, sondern hart um diesen kämpfen muss, geht es viel zu oft als Verlierer aus der Situation.
Beispiel:
Woran das genau liegt, ist schwer festzuhalten. Spieler wie Henrik Borgström (191 cm/90 kg), Yannick Rathgeb (185 cm/92 kg) oder Julien Sprunger (194 cm/90 kg) hätten durchaus die körperlichen Masse, um sich in Zweikämpfen durchzusetzen, doch dafür braucht es auch die richtige Einstellung. An der Einstellung mangelt es einem Spieler wie Christoph Bertschy eigentlich nie. Doch mit seinen Körpermassen (178 cm/84 kg) hat er im Final gegen Verteidiger wie Klas Dahlbeck (191 cm/95 kg) oder Lukas Frick (188 cm/90 kg) einfach gewisse Nachteile.
Es spricht für Fribourgs Qualitäten bei 5-gegen-5, dass sie es mit nur zwei Powerplay-Toren in den Playoffs bis in den Final geschafft haben. Wenn es gegen Davos nun aber endlich mit dem ersten Meistertitel klappen soll, müssen weitere Überzahltore her – und das geht nur über erfolgreiche Zweikämpfe.
