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Roger Español wurde beim Protestieren von einem Gummigeschoss getroffen. Bild: EPA

Er verlor durch ein Gummigeschoss ein Auge – jetzt will Roger Español ins Parlament

Am Sonntag wählt Spanien ein neues Parlament. Für Carles Puigdemonts Partei kandidiert ein Mann mit einer tragischen Geschichte.

Publiziert: 09.11.19, 15:50 Aktualisiert: 09.11.19, 17:36
Pascal Ritter / ch media

Es knallt. Dann spürt Roger Español einen Schmerz. Er geht zu Boden, schreit. Journalisten lassen das Filmen sein und kümmern sich um den Verletzten. Die Szene, die man heute auf YouTube ansehen kann, veränderte das Leben des damals 38-jährigen Musikers. Sie spielte sich am 1. Oktober 2017 in Barcelona ab, am Tag des illegalen Referendums über die Unabhängigkeit der Region von Spanien.

Polizisten stürmten Wahllokale und gingen gewaltsam gegen Aktivisten vor, welche die Urnen vor der Beschlagnahmung schützten wollten. Vor der Schule Ramon Llul in Barcelona kam es zu Ausseinandersetzungen. Ein Polizist feuerte eine Gummigeschoss ab. Es traf Español genau ins Auge.

Lebender Beweis für die Repression des Staates?

Gerichte werden sich noch mit der Frage befassen, ob der Polizist illegal gehandelt, oder Español den Schuss durch eigene Agressionen gegen die Polizei quasi provoziert hat.

Dieses Video soll zeigen, dass Español nicht nur friedlich protestierte ...

Video: YouTube/El Independiente

Am Sonntag schon entscheiden die Wahlberechtigten aber, ob sie Español in den Senat wählen wollen, das Madrider Pendant zum Ständerat. Er kandidiert für die Partei des geflüchteten Katalanenpräsidenten Carles Puigdemont. Español will im Senat für die Unabhängigkeit Kataloniens werben − quasi als lebender Beweis für die Repression des Zentralstaates.

Das Thema ist wieder aktuell. Seit die Führungsriege der katalonischen Seperatisten Mitte Oktober zu langen Haftstrafen verurteilt wurde, finden wieder regelmässig Demonstrationen statt und die Polizei verschiesst wieder Gummigeschosse. Dabei hat das katalanische Parlament diese Waffe eigentlich verboten. Die Polizisten der Policia Nacional sehen sich aber nicht an das Verbot gebunden.

Die Ärtze konnten das Auge retten, aber nicht die Sehkraft

Als diese Zeitung Español per Videotelefonanruf in seiner Wohnung erreicht, sieht man im Hintergrund eine strahlend weisse Wand. Trotz Wahlkampf und Proben mit drei verschiedenen Bands fand der heute 40-jährige Musiker und Familienvater noch Zeit, seine Wohnung zu streichen.

Die Ärzte konnten sein rechtes Auge retten, sehen kann er damit aber nicht. Die Pupille bewegt sich kaum mehr. Es wirkt, als würde er das Auge zukneifen.

Er ist kein waschechter Katalane

Español wurde in Terrassa, eine Zugstunde von Barcelona entfernt geboren. Seine Vorfahren stammen aus Saragossa, also aus dem Teil Spaniens, von dem sich ein Teil der Katalanen lossagen will. Dass er von spanischsprachigen Einwanderern abstammt, zeigt sein Nachnamen gleich doppelt. Denn die kleine Welle auf dem ‹Ñ›, Tilde genannt, existiert in der katalanischen Sprache nicht.

Roger will seinen Nachnamen aber nicht zu «Espanyol» katalanisieren. «Einwanderer sind hier willkommen, ob mit oder ohne Unabhängigkeit. Darum stehe ich auch zu meinem Nachnamen», sagt er. Die Unabhängigkeit Kataloniens interessiete ihn in seiner Jugend nicht besonders. Er war damals zwar auch schon politisch. Es ging ihm aber eher um zu hohe Mieten oder Freiräume für die Jugend. Er lebte auch ein paar Jahre in besetzten Häusern.

Trotz Angst um sein zweites Auge demonstriert er weiter

Heute glaubt Español, dass die Unabhängigkeit der einzige Weg ist, um seine sozialpolitischen Anliegen durchzubringen. Nach dem Vorfall am Referendumstag begleiteten ihn Schmerzen und Schwindelgefühle. Er musste zudem lernen, mit der Einschränkung zu leben. «Wenn man nur mit einem Auge sieht, ist es schwierig, Distanzen einzuschätzen, etwa, wenn man einen Kochtopf auf den Herd stellt», sagt er.

Heute führt Español wieder ein fast normales Leben, kann etwa wieder Autofahren. Und er geht auch wieder an Demonstrationen. «Manchmal fürchte ich mich davor, auch noch mein gesundes Auge zu verletzen», sagt er. Aber es sei ihm wichtig zu zeigen, dass ihn die Polizeigewalt nicht einschüchtere und schon gar nicht vom Demonstrieren abhält.

Obwohl seine Partei schwächelt, hofft Español gewählt zu werden (siehe Box unten). Allerdings würde seine Wahl nichts an der Pat-Situation in Spanien ändern. Noch grösser als Españols politische Ambitionen ist seine Sehnsucht danach, einfach wieder Musiker zu sein. Wie vor dem Tag, als er die Sehkraft seines rechten Auges verlor.

Politisches Pat

Nach dem Ender der Diktatur 1975 hat in Spanien immer entweder die konservative Partido Popular oder die sozialdemokratische PSOE regiert. Weil neue Parteien den alten Parteien die Mehrheiten nahmen, ist das Land nun blockiert. Es kam zu vier Wahlen in vier Jahren. Gemäss Umfragen wird die PSOE von Pedro Sánchez mit bis zu 28 Prozent wieder stärkste Kraft.

(aargauerzeitung.ch)

Katalonien in Aufruhr

Katalanen feierten am Sonntagabend auf dem Placa de Catalunya in Barcelona das '1-O Referendum'. EPA/EFE / SANTI DONAIRE
Der 1. Oktober 2017 wird als blutiger Wahltag in die Geschichte Spaniens eingehen. Über 800 Personen wurden bei Ausschreitungen rund um die Wahllokale verletzt.
Sicherheitskräfte gingen teils energisch gegen Wähler vor, um sie an der Stimmabgabe zu hindern. AP/AP / Emilio Morenatti
Mehr als die Hälfte der rund 2300 Wahllokale wurden von der Polizei geschlossen. Doch die Menschen reihten sich dennoch in Warteschlangen davor ein. AP/AP / Emilio Morenatti
Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont hat nach dem Referendung bereits die Loslösung der Region von Spanien eingefordert. «Wir haben das Recht gewonnen, einen unabhängigen Staat zu haben», sagte er am Sonntagabend in Barcelona. Nach einem vom katalanischen Parlament verabschiedeten «Abspaltungsgesetz» soll die Unabhängigkeit bei einem Sieg des «Ja»-Lagers innerhalb von 48 Stunden ausgerufen werden. AP/AP / Francisco Seco
Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy dankte der Polizei für ihren Einsatz. Die Einheit Spaniens müsse so rasch als möglich wieder hergestellt werden, sagte Rajoy kurz nach Schliessung der Wahllokale. EPA/EFE / JJ GUILLEN
In Valencia gab es derweil auch Gegenproteste von Spaniern, die gegen die Unabhängigkeit Kataloniens sind und die Bestrebungen als «Nationalismus» kritisieren. EPA/EFE / Kai Foersterling
Auch in Barcelona gab es Gegenproteste von Spaniern, die gegen die Unabhängigkeit Kataloniens sind. EPA/EFE / Alberto Estevez
Blumen gegen Polizeiknüppel... AP/AP / Francisco Seco
EPA/EFE / SANTI DONAIRE
Der FC Barcelona trägt Meisterschaftsspiel vor leeren Rängen aus. Die Partie war wenige Stunden vor Spielbeginn zunächst von Präsident Josep Maria Bartomeu abgesagt, auf Druck der Liga aber dann doch angepfiffen worden. Erst 20 Minuten vor dem Anpfiff gab Barca bekannt, dass das Spiel vor leeren Rängen doch stattfinden sollte. AP/AP / Manu Fernandez
Polizisten kümmern sich um einen verletzten Mann in Barcelona.
Am Morgen noch wurden die Wahllokale mit Wahlzettel versorgt. Hier gibt eine Frau in Gracia, Barcelona, ihre Stimme ab. AP/AP / Bob Edme
Die Menschen hatten gehofft, dass die Polizei die Abstimmung nicht verhindern würde. AP/AP / Emilio Morenatti
Zum Auftakt des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien hat die spanische Polizei Wahlurnen und Stimmzettel beschlagnahmt ... AP/AP / Emilio Morenatti
Die katalanische Polizei war zuvor dem Befehl, Schulen und andere Wahllokale abzuriegeln, nicht nachgekommen. AP/AP / Emilio Morenatti
Friedlicher Protest der Bevölkerung. AP/AP / Bob Edme
Die spanische Zentralregierung sieht die Volksabstimmung in der nach Unabhängigkeit strebenden Region als illegal an. EPA/EFE / Toni Albir

Protest in Katalonien wegen Separatisten-Prozess

Video: SRF / Roberto Krone

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