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Kambundji nach WM-Bronze: «Gibt es Leute, die sagen, ich könne mich nicht mehr steigern?»

Mujinga Kambundji lieferte mit dem Gewinn der Bronzemedaille über 200 m das Schweizer WM-Highlight in Katar. Nun spricht sie über ihren Weg zum Erfolg, ihr Potenzial für eine weitere Steigerung und die Bedeutung ihrer Medaille.

Publiziert: 07.10.19, 14:54 Aktualisiert: 08.10.19, 08:00
Rainer Sommerhalder / ch media

Höhen und Tiefen Mujinga Kambundjis Karriere in 21 Bildern

2009: Schweizermeisterschaften Zürich Die 17-jährige Mujinga Kambundji holt sich ihre ersten Schweizermeistertitel über 100 und 200 Meter. Ihre Zeiten damals: 11,66 respektive 23,87 Sekunden. keystone / keystone
2011: Athletissima Lausanne Die 4x100-Meter-Staffel der Frauen – mit Kambundji ganz rechts im Bild – läuft in Lausanne in 43,90 Sekunden Schweizer Rekord und unterbietet damit die EM-Limite. Es ist die Geburtsstunde einer neuen Paradedisziplin in der Schweizer Leichtathletik. keystone / keystone
2012: Olympische Spiele London Die Schweizerinnen um Kambundji qualifizieren sich zwar für das Highlight des Jahres, scheiden aber erwartungsgemäss im Vorlauf aus. keystone / keystone
2013: Weltklasse Zürich Die Staffel begeistert im Letzigrund und schafft einen schweizer Rekord – in 43,21. Mit dabei ist auch Kambundji. keystone / keystone
2014: Europameisterschaften Zürich Die Heim-WM startet für Kambundji mit zwei starken Resultaten. Mit ihrem vierten respektive fünften Platz über 100 und 200 Meter begeistert sie das Publikum und sprintet sich in die Herzen der Fans. keystone / keystone
2014: Europameisteschaften Zürich Umso grösser ist die Enttäuschung dann zum Abschluss der EM, als Kambundji mit der Staffel steht und Mujinga Kambundji beim zweiten Schritt den Stab verliert. Die Schweiz ist aus dem Rennen, die Bernerin kann es nicht fassen. keystone / keystone
2015: Weltmeisterschaften Peking In den Final schafft es Kambundji an internationalen Titelkämpfen zwar nicht, sie stellt aber mit über 200 Meter einen neuen Schweizer Rekord auf. Im Halbfinale läuft sie 22,64 Sekunden. keystone / keystone
2016: Europameisterschaften Amsterdam Grosser Frust bei Kambundji. Über 200 Meter schafft es die Bernerin nicht in den Final und klassiert sich auf dem elften Rang. keystone / keystone
2016: Europameisterschaften Amsterdam Und nur wenige Tage später schlägt sie zurück. Im Final über 100 Meter läuft Kambundji zu EM-Bronze und strahlt an der Siegerzeremonie mit der Medaille um die Wette. keystone / keystone
2016: Olympische Spiele in Rio de Janeiro Bange Blicke auf die Resultate-Tafel. Freude wird aber nicht aufkommen. An den Olympischen Spielen schafft Kambundji es nicht in den Final – weder über 100 noch über 200 Meter. keystone / keystone
2017: Weltmeisterschaften London Zweimal Platz 10 für Mujinga Kambundji. Schon da ist sie im Hundertstel-Pech. Die beiden Finals verpasst sie lediglich um vier respektive fünf Hundertstel-Sekunden. keystone / keystone
2017: Weltmeisterschaften London Immerhin darf Mujinga Kambundji mit der Leistung im Staffelrennen zufrieden sein. Die vier Schweizerinnen sprinten auf den fünften Rang. keystone / keystone
2018: Europameisterschaften in Berlin Die Horror-EM! Alles beginnt mit dem Rennen über 100 Meter. Mujinga Kambundji verpasst als Vierte eine EM-Medaille nur um sechs Hundertstel. Damit scheint sie sich aber einigermassen abfinden zu können und deutet an: Was willst du da machen? keystone / keystone
2018: Europameisterschaften Berlin Vier Tage später ist der Frust über die erneut verpasste Medaille schon grösser. Über die halbe Bahnrunde bleibt Kambundji ebenfalls nur der undankbare vierte Platz. Diesmal fehlen acht Hundertstel zu Edelmetall. keystone / keystone
2018: Europameisterschaften Berlin Und noch einmal: Wieder Vierte, wieder Frust pur. Es sind schlichtweg nicht die Titelkämpfe von Kambundji. Auch mit der Staffel wir die Bernerin nur Vierte und holt sich zum dritten Mal die Ledermedaille ab. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Das neueste Kapitel im Hundertstel-Drama der Mujinga Kambundji. Diesmal geht es sogar um Tausendstel. Sie verpasst den Final über 100 Meter um 0,005 Sekunden und kann auch nicht nachrücken, als sich Dafne Schippers beim Einlaufen verletzt. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Niemand, aber wirklich niemand möchte in diesen Stunden in der Haut von Kambundji stecken. Angelica Moser, die Stabhochspringerin, spendet Trost. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Und dann schafft sie es doch noch: Mujinga Kambundji erreicht ihr grosses Ziel an einer WM – sie schafft den Finaleinzug über 200 Meter. Auf eine Medaille wird aufgrund ihrer Zeit plötzlich immer mehr spekuliert. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Einmal mehr blickt Mujinga Kambundji auf die Resultat-Tafel. Sie weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was sie gerade geschafft hat. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Der Moment, in dem nach der Zahl 3 ihr Name erscheint. Sie realisiert, dass sie gerade eine WM-Medaille gewonnen hat. Es ist Bronze. Und der bisher grösste Moment in ihrer bewegten Karriere. Das Glück und Mujinga Kambundji sind vereint. Endlich. keystone / keystone
2019: Weltmeisterschaften Doha Das muss gefeiert werden! Mujinga Kambundji hüllt sich in eine Schweizer Fahne und kommt aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Muss sie aber auch nicht. Sie hat Historisches geschafft und vor allem für sie selbst ist die Bronzemedaille mehr als nur eine Genugtuung für all die knappen Ergebnisse, die sie zu ihren Ungunsten erzielt hatte. keystone / keystone

Wir treffen Mujinga Kambundji am Abend des letzten Wettkampftages am Pool des Athletenhotels. Sie will früh ins Bett, verzichtet auf einen letzten Besuch im Stadion. Am Samstag stand die 27-jährige Bernerin noch einmal im Mittelpunkt eines Schweizer Exploits. Mit der 4x100-m-Staffel lief sie in neuer Rekordzeit auf den sensationellen vierten Rang. Nur um acht Hundertstelsekunden verpasste Kambundji ihre zweite WM-Medaille.

Was wollen Sie nach der Rückkehr in die Schweiz unbedingt tun?
Mujinga Kambundji:
Mich vor allem erholen. Die Energie für etwas anderes nutzen als für das Training. Ich fühle mich wirklich mega, mega müde. Es war mit den Schwierigkeiten zu Beginn eine sehr anstrengende Saison. Und es ist speziell, im Oktober noch Wettkämpfe zu bestreiten. Es hat zwar hier Hölle-gefegt, aber ich bin dennoch froh, ist nun auch die WM vorbei.

Und danach geht es in die verdienten Ferien?
Ich habe sie noch nicht gebucht. Zuerst geht es mit meinen Schwestern und einigen Kolleginnen für einige Tage ins Tessin.

«Im Vorfeld war ich etwas skeptisch, wie es mit den Temperaturunterschieden draussen und im Stadion sein würde.»

Sie reisen gerne?
Ja, und ich bevorzuge wirklich Reiseferien und nicht Badeferien. Aber nach dieser kräftezerrenden Saison geht es wohl an einen Strand.

Waren Sie auch gerne in Katar?
Eigentlich schon. Aber man sieht halt nicht viel vom Land. Im Vorfeld war ich etwas skeptisch, wie es mit den Temperaturunterschieden draussen und im Stadion sein würde. Es war schwierig, weil es diesbezüglich für mich eine Reise ins Ungewisse war. Ich wusste nicht genau, auf was ich mich einstellen muss.

Kambundji posiert mit Medaille und Kamel. Bild: KEYSTONE

Aber als moderne Frau gibt es in diesem Land einiges, was Ihnen nicht gefallen dürfte?
Ich habe viel zu wenig gesehen, um etwas über die Kultur und die Menschen sagen zu können. Meinen Eltern war es aber sehr wohl. Sie haben die Leute in dieser Woche als nett, offen und hilfsbereit kennengelernt.

Sie haben sich weder über die Zustände im Hotel, noch über den Sinn einer WM in der arabischen Wüste geäussert? Weil es nichts auszusetzen gibt oder weshalb nicht?
Ich wollte vor allem auf den Wettkampf fokussiert bleiben. Und Dinge, die man im Moment nicht ändern kann, akzeptiert man am besten.

Wie haben Sie sich in den vergangenen zwei, drei Jahren als Person verändert?
Ich habe das Gefühl, mich stark weiterentwickelt zu haben. Ich habe einen grossen Schritt gemacht: ich bin älter geworden. Mir fehlte vorher ein wenig die Stabilität. Heute bestimme ich viel mehr selber. Es war ein Lernprozess. Viele Sachen habe ich gut, einige auch schlecht gemacht. Aber aus allem habe ich etwas gelernt. Es ist mir heute auch viel wichtiger, zuhause zu sein.

Brauchte es Mut, sich von einem Trainer zu emanzipieren?
Ja, schon. Wobei man emanzipieren genauer definieren müsste. Meine früheren Trainer haben mir nie befohlen, was ich zu tun hätte. Ich musste mich also nicht von irgendjemandem loslösen. Es war mehr so, dass mein Gefühl in eine andere Richtung ging als die Ideen des Trainers.

Einzelsportlerinnen begeben sich oft in jungen Jahren in die Hände eines Trainers. Besteht da je nach Autorität des Trainers nicht die Gefahr, dass sich die Persönlichkeit einer Athletin nicht richtig entwickeln kann?
Das kann ich mir schon vorstellen. In der Leichtathletik sehe ich dieses Problem aber weniger. Wir müssen in jungen Jahren nicht so viel trainieren, sind also nicht ständig in der Obhut eines Trainers wie in anderen Sportarten. Und man trainiert stets in einer grösseren Gruppe. Ich persönlich wäre auch nicht der Mensch, dem so etwas passieren könnte. Wenn ich jeweils mit etwas nicht einverstanden war – nicht nur im Sport – und jemand versuchte Druck auszuüben, dann war das für mich ein Zeichen, nicht auf dem richtigen Weg zu sein.

«Alle meine bisherigen Trainer hatten etwas Eigentümliches»

Wie wichtig war es, dass es nach ihrer Odysse bei der Trainersuche beim Anlauf mit Steve Fudge stimmen musste?
Mir war vor allem wichtig, dass es menschlich stimmt. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Das Jahr zuvor war mega anstrengend. Ich hatte nie eine wirklich feste Lösung, mit der ich auch vorausplanen konnte. Es war wichtig, einen Trainer zu engagieren, auf den ich mich verlassen kann und der die Zusammenarbeit auch als langfristiges Projekt ansieht. Bei Steve hatte ich von Beginn weg ein gutes Gefühl.

Kambundji-Trainer Steve Fudge

Was zeichnet ihn aus? Schotten gelten ja durchaus als etwas eigen?
Alle Sprinttrainer sind etwas eigen (lacht). Alle meine bisherigen Trainer hatten etwas Eigentümliches. Wie wir Athleten wohl auch. An Steve schätze ich, dass er sich nicht aufdrängt und dem Athleten den Platz einräumt, um sich selber entwickeln zu können.

Was ist bei Ihnen eigentümlich?
Diese Frage muss man wohl eher den Teamkolleginnen stellen (lacht).

Kambundji mit ihren Teamkolleginnen der 4x100m-Staffel. Bild: KEYSTONE

«Ich sehe sowohl auf den 100 Metern wie über 200 Meter noch mehr Potenzial.»

Und für das Olympiajahr streben Sie nun Kontinuität an?
Das ist im Moment das mit Abstand wichtigste. Ich werde wie jede Saison analysieren, was gut war und was wir ändern wollen. Aber ich werde personell weiterhin im gleichen Trainerteam mit Steve Fudge, Adrian Rothenbühler, Florian Clivaz und punktuell mit Jaques Cordey weiterfahren. Vielleicht noch etwas mehr in Bern trainieren. Zuhause zu sein, tut mir sehr gut. Dafür etwas längere Blöcke in London, damit es nicht ein ständiges hin und her ist.

Was macht Sie so sicher, dass Sie sich noch weiter steigern können?
Gibt es denn Leute, die sagen, ich könne mich nicht mehr steigern? Ich sehe sowohl auf den 100 Metern wie über 200 Meter noch mehr Potenzial. Wenn ich den Saisonaufbau von Anfang an zielgerichtet machen kann, dann liegen meines Erachtens noch schnellere Zeiten drin. Hier in Doha war der Start nicht optimal. Auch daran kann ich arbeiten. Ich denke, das Gefühl, es nicht besser machen zu können, wird bei mir nie kommen.

Und wo hilft Ihnen die WM-Medaille dabei?
Ich kann nicht einfach sagen, sie sei eine Bestätigung. Denn es war ja nicht etwas, das ich erwartet hatte. Es war mehr eine Überraschung. Wenn schon ist es eine Bestätigung, dass es richtig war, auf mein Gefühl zu hören. Ich habe über die Jahre ein Gespür entwickelt, was gut für mich ist. Ich habe auch aus den Fehlern des letzten Jahres die richtigen Lehren gezogen.

So schön jubelt Mujinga Kambundji

Sie kann es kaum fassen: Die Schweizerin Mujinga Kambundji gewinnt in Doha die Bronze-Medaille über 200 Meter. KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
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EPA / ALI HAIDER
AP / David J. Phillip
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KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
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So kühlt Katar das Stadion der Leichtathletik-WM

Video: SRF / SDA SRF

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