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Der Richter und sein Opfer: Jeroen Dijsselbloem (links) und Yanis Varoufakis.  Bild: FRANCOIS LENOIR/REUTERS

Grexit oder Schuldenschnitt: Showdown in Europa

Wenn Moral und Prinzipien über die Vernunft siegen, wird es gefährlich

Ein Ultimatum und ein schiefer Kriegsvergleich könnten dazu führen, dass sich die griechische Krise zu einer europäischen Tragödie entwickelt.

Publiziert: 17.02.15, 16:04 Aktualisiert: 18.02.15, 13:47

Entweder erklärt sich Griechenland bis am Freitag bereit, das ihm auferlegte Sanierungsprogramm zu erfüllen – oder der Geldhahn wird zugedreht. Dieses Ultimatum hat Jeroen Dijsselbloem, niederländischer Finanzminister und Präsident der Eurogruppe seinem griechischen Amtskollegen Yanis Varoufakis vor die Nase geknallt. Erleichterungen seien allenfalls in bisher nicht bekannten Details zu erwarten.

Gilt als Hardliner: Joroen Dijsselbloem. Bild: EPA/ANA-MPA

Dijsselbloem ist ein bekennender Marktfundamentalist, der mit harter Hand und strengen Prinzipien den griechischen Augiasstall ausmisten will. Das lässt sich mit markigen Worten vor der Presse und TV-Kameras gut verkaufen. In der Praxis hat dieses Vorgehen total versagt. 

Ausweiten und so tun, als ob

Das Sanierungsprogramm der Troika ist ein Desaster auf Stelzen. Es hat dazu geführt, dass die griechische Volkswirtschaft um rund ein Viertel eingebrochen ist. Die Arbeitslosenzahlen sind derweil in unhaltbare Sphären gestiegen und der Mittelstand droht zu verarmen. Trotzdem will die Troika an diesem Programm festhalten. 

Zynisch wird dabei von einer «Ausweiten-und-so-tun-als-ob»-Strategie gesprochen, auf Neudeutsch auch «Extend and Pretend» genannt. Das bedeutet im Klartext: Alle wissen, dass dieses Sanierungsprogramm keinerlei Aussicht auf Erfolg hat, aber aus Prinzip trotzdem durchgezogen wird. Regeln müssen schliesslich eingehalten werden, selbst wenn sie offensichtlich sinnlos geworden sind. 

Wie man Griechenland in die Arme von Putin treibt

Es gibt kaum einen angelsächsischen Ökonomen von Rang und Namen, der in den letzten Tagen nicht nachhaltig vor den Folgen eines Grexit gewarnt und die Troika aufgefordert hätte, einen fairen New Deal mit der neuen griechischen Regierung abzuschliessen. Es geht also nicht um links oder rechts, es geht um die Zukunft Europas, und zwar wirtschaftlich und politisch. 

Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines Grexit sind kaum abschätzbar, auch wenn man in Brüssel und Frankfurt betont, man habe das Problem viel besser im Griff als noch vor vier Jahren. Politisch hätte es zur Folge, dass sich die Griechen in ihrer Verzweiflung hilfesuchend an Russland und China wenden und damit einen weiteren Keil in die ohnehin schon bröckelnde europäische Einheit treiben würden. 

Ein funktionierendes Konkursrecht fehlt

Ein grosses Problem in der Bewältigung der griechischen Schuldenkrise ist das Fehlen eines vernünftigen Konkursrechtes in Europa. In den USA hat die Finanzkrise ebenfalls Pleiten und riesige Schäden verursacht. Doch die Amerikaner gehen damit pragmatisch und nicht moralisch um. Wenn einmal klar ist, dass ein Schuldner seine Schuld nicht mehr abtragen kann, dann werden die Schulden rasch restrukturiert, weil die Einsicht besteht, dass dies allen Beteiligten am meisten bringt. 

Im Fall von Griechenland fehlt diese Einsicht total, obwohl selbst meine Katze inzwischen begriffen hat, dass Hellas seine Schulden niemals wird bezahlen können und dass die Prinzipienreiterei nur weiteren Schaden erzeugt. Im Norden, vor allem in Deutschland, will man an Griechenland ein Exempel statuieren. Dabei geht es ums Prinzip, und darüber lässt man nicht mit sich diskutieren. 

Der moralische Dogmatismus der Deutschen

Typisch dafür ist die Haltung von Jürgen Stark, des ehemaligen Chefökonomen der Europäischen Zentralbank, die er aus Protest wegen der zu milden Politik gegenüber Griechenland verlassen hat. In der «Financial Times» hat der Deutsche unmissverständlich dargelegt, dass sein Land keinerlei Schuld an irgendetwas trage und deshalb auch keine Kompromisse eingehen könne. 

«Wahr ist, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Eurozone eine verlässliche und vernünftige Politik verfolgt hat», stellt Stark fest. «Während andere über ihre Verhältnisse gelebt haben, hat Deutschland Exzesse vermieden. Es gibt nun mal tiefe kulturelle Unterschiede, und die Währungskrise fördert sie wieder zutage.» Mit anderen Worten: Wir sind wieder bei den fleissigen, tugendhaften Deutschen und den faulen, verschwenderischen Griechen angelangt. 

Der falsche Kriegsvergleich der Griechen

Auch die griechischen Politiker gehen teilweise ungeschickt vor. Der Verweis auf den Zweiten Weltkrieg und daraus abgeleitete Reparationszahlungen ist falsch und politisch kontraproduktiv. Die aktuelle Generation der Deutschen hat – zu Recht übrigens – die Nase gestrichen voll, permanent an die Nazi-Verbrechen ihrer Vorfahren erinnert zu werden. 

Griechische Befreiungskämpfer im Film «Die Kanonen von Navarone».

Der Zweite Weltkrieg ist zudem der falsche Vergleich. Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich die Deutschen ironischerweise in einer teilweise vergleichbaren Situation. Damals wurde ihnen von den Siegermächten ebenfalls ein absurdes Schuldenprogramm auferlegt, und vor allem die Franzosen fanden grosses Vergnügen daran, den wirtschaftlichen Schmerz mit moralischen Belehrungen anzureichern. Das Resultat ist bekannt: Ökonomische Unvernunft und moralische Prinzipienreiterei mündeten in Faschismus und schliesslich im verheerendsten Krieg aller Zeiten.  

Griechenland

Gegen die Krise: In Athen versuchen Händler, ihre Ware billig zu verkaufen. Die Regierung hat in Aussicht gestellt, die Hypotheken bis zu 15 Jahre lang tief zu halten, um die Wirtschaft des Landes wieder in Schwung zu bringen. AP/AP / Thanassis Stavrakis
Nur noch selber verkaufen hilft: Eine ältere Frau verkauft Knoblauch auf dem Athener Fischmarkt. AP/AP / Petros Giannakouris
In einer Klinik in Athen werden Medikamente für bedürftige Menschen gesammelt und sortiert. Viele Griechen fallen durch die Maschen des Gesundheitssystems und sind auf Hilfsaktionen bei Medikamenten angewiesen. AP/AP / Thanassis Stavrakis
Die Rezession ist offiziell vorbei, doch vielen mangelt es am Nötigsten: Ein Mann sammelt liegen gelassenes Gemüse auf einem Markt in Athen. AP/AP / Petros Giannakouris
Wirtschaft am Boden, Immobilie zu vermieten: Ein Paar im südgriechischen Tripolis steht vor einem leeren Laden mit «ENOIKIAZETAI»-Schildern. Der Begriff heisst «zu vermieten» und ist in Griechenland zum Symbol für die am Boden liegende Wirtschaft geworden, in der sich niemand mehr die hohen Mieten leisten kann. AP/AP / Petros Giannakouris
Beten vor dem Essen: In einer Kirche in Athen werden ältere, bedürftige Menschen verpflegt. AP/AP / Petros Giannakouris
Gegen die Austeritätspolitik der EU: Proteste vor dem griechischen Parlament im Oktober 2014. X90075 / YORGOS KARAHALIS
Verlorenes Jahrzehnt für die Immobilienbranche: In Griechenland sind seit Herbst alle Immobilienbesitzer verpflichtet, Steuern zu bezahlen – egal, ob ihr Besitz Gewinn abwirft oder nicht. Das bringt viele an den Rand des Ruins. EPA/ANA-MPA / ORESTIS PANAGIOTOU
Bauruinen: Unfertige Ferienhäuser auf der Kykladeninsel Kea. Die Steuern für Immobilienbesitzer in Griechenland sind für viele zu hoch geworden. EPA/ANA-MPA / ORESTIS PANAGIOTOU
Bauruinen in der Stadt: Auch in Athen werden Hauskomplexe nicht fertig gebaut, da es sich die Besitzer nicht mehr leisten können, die Häuser fertigzustellen und sie anschliessend zu unterhalten. EPA/ANA-MPA / ORESTIS PANAGIOTOU
Apartmenthäuser in Athen. EPA/ANA-MPA / ORESTIS PANAGIOTOU
Zu-verkaufen-Schild auf der Kykladeninsel Kea. EPA/ANA-MPA / ORESTIS PANAGIOTOU
Proteste im Juni 2014: Das Putzpersonal der griechischen Ministerien protestiert gegen seine Entlassung. AP/AP / Petros Giannakouris
Street Art als Protest: Es ist, als ob die «Dalton Brothers» aus den Lucky-Luke-Comics den griechischen Banksafe abtransportiert hätten. AP/AP / Dimitri Messinis
Spartanisch ist nur der Helm: Street Art in Athen gegen das Establishment. AP/AP / Dimitri Messinis

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