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Plötzlich wird Vladimir Petkovic viel positiver wahrgenommen. Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Tritt er endlich aus dem langen Schatten? Vladimir Petkovic ist plötzlich wie verwandelt

Die Schweiz hat durch ihr forsches Auftreten an der EM in Frankreich viele Sympathien zurückerobert. Auch dank Nati-Coach Vladimir Petkovic.

Publiziert: 22.06.16, 16:04 Aktualisiert: 22.06.16, 20:22
etienne wuillemin / Aargauer Zeitung

Der letzte Beweis fehlt noch. Aber vielleicht ist er bald erbracht. Gegen Polen, in diesem EM-Achtelfinal. Und auf einmal wäre sie da, die lange ersehnte Anerkennung für Vladimir Petkovic. Die Beziehung zwischen dem Nationaltrainer und der Schweiz war etwas kompliziert. Vielleicht, weil seine Vorgänger Ottmar Hitzfeld und Köbi Kuhn heissen.

Unbestrittener Erfolgstrainer der eine. Ein Mann des Volks der andere. Petkovic brauchte Zeit, um sich nach seiner Amtsübernahme zurechtzufinden. Er galt mit seinen Ideen von Fussball als Versprechen, versprach auch selbst viel. Und sah sich schon ziemlich schnell in Rücklage. Die Niederlagen zu Beginn in der EM-Qualifikation gegen England und Slowenien wogen schwer. Er wirkte oft unsouverän.

Vladimir Petkovic: An der EM analysiert er bisher souverän.
Bild: Tim Groothuis/freshfocus

Die Befreiung aus der Misere gelang gerade noch rechtzeitig. So richtig warm ist das Volk mit Petkovic gleichwohl nicht geworden. Vielleicht auch, weil der Spielstil, für den er eigentlich steht, etwas wild und offensiv und voller Leidenschaft, gar selten zu sehen war. Die Testspiele im letzten März waren der negative Höhepunkt. Petkovic selbst haben sie weniger Sorgen bereitet als manchem Beobachter.

Plötzlich sieht man den unbändigen Willen

Er versprach: Meine Spieler sind Wettkampftypen, sie sind dann am stärksten, wenn es wirklich zählt: an der EM. Nun hat der Wind tatsächlich gedreht. Und dass die Schweiz an dieser Europameisterschaft ziemlich souverän durch die Gruppenphase navigierte, hat auch mit Petkovic zu tun. Plötzlich ist auf dem Platz zu sehen, was die Fans lange Monate vermissten. Die Leidenschaft an erster Stelle. Der unbändige Wille, zu siegen.

Da macht selbst der Ball schlapp: Purer Wille bei Valon Behrami. Bild: Thibault Camus/AP/KEYSTONE

Darüber hinaus aber auch ein Spielstil, der endlich nach Petkovic riecht. Bester Beleg dafür ist die Leistung gegen Rumänien. Es gelang dem Trainer, dem drohenden Druckabfall nach dem emotionalen Bruderduell gegen Albanien entgegenzuwirken. Siege gab es nach dem Startspiel zwar nicht mehr. Aber zwei Unentschieden, die sehr ansehnlich waren.

Wer gewinnt den EM-Achtelfinal?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Die Schweiz hat nach dieser Vorrunde viele der verspielten Sympathien zurückerobert. Auch dank Petkovic. Der Trainer gefällt auch mit seinen Auftritten neben dem Feld. Der Sieg gegen Albanien wäre Anlass genug für viel Genugtuung gewesen. Aber Petkovic zeigte viel Stil im Sieg, er widerstand der Versuchung nach Euphorie, analysierte die Partie nüchtern, kritisierte, wo es Anlass dafür gar und lobte trotzdem im gesunden Mass.

Wohltuend nüchtern

Auch im weiteren Verlauf der Gruppenphase blieb Petkovic wohltuend nüchtern. Gerade nach dem 0:0 gegen Frankreich vergass er nicht, gewisse Dinge ins rechte Licht zu rücken. Beispielsweise, dass die Gastgeber den Sieg nicht mit aller Macht suchten. Oder, dass die Schweizer vor dem gegnerischen Tor noch sehr viel Steigerungspotenzial besitzen.

Die Erleichterung ist Petkovic täglich anzusehen.
Bild: KEYSTONE

Natürlich ist Petkovic nach dieser Vorrunde erleichtert. Schliesslich ist es die grösste Bühne seiner Karriere. Es bedeutet ihm einiges, unbesiegt geblieben zu sein. Vielleicht hat er auch deshalb darauf verzichtet, in den letzten Minuten gegen Frankreich mit letzter Vehemenz den Sieg zu suchen. Obwohl klar war, dass auch eine Niederlage zum zweiten Gruppenrang gereicht hätte, weil Albanien gegen Rumänien führte.

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Petkovic ist wohl auch deshalb erleichtert, weil er sieht, dass sich sein Vertrauen in die Stärke der Spieler auszahlt. Granit Xhaka, Blerim Dzemaili und Fabian Schär sind nur drei Beispiele dafür. Alle drei hatten im Nationalteam in der Vergangenheit Schwierigkeiten.

Die Chance Geschichte zu schreiben

Alle drei zeigen nun, im wichtigsten Moment, ihr schönstes Gesicht. Der Trainer hat daran nie gezweifelt. Er hat Xhaka die nötige Zeit gegeben, sich von Inler zu emanzipieren. Er hat Dzemaili immer wieder gestärkt, obwohl dieser eine Chance nach der anderen fahrlässig wegwarf. Schär schliesslich scheint plötzlich einen Kopf grösser zu sein.

Fabian Schär: Plötzlich einen Kopf grösser.
Bild: EPA/KEYSTONE

Und nun also gegen Polen. Geschichte schreiben, das war das Ziel von Petkovic vor dem Turnier. Erstmals hat eine Schweizer Auswahl an der EM die Gruppenphase überstanden. Das reicht noch nicht zur geschichtsträchtigen Leistung. Schliesslich sind auch nach der Gruppenphase noch 16 Mannschaften im Turnier.

Aber das Spiel gegen Polen ist die Chance für diese Schweizer Generation, endlich zu zeigen, dass sie reif ist für den nächsten Schritt. Und Petkovic hätte mit der Viertelfinalqualifikation bei erster Gelegenheit geschafft, was sowohl Kuhn wie auch Hitzfeld verwehrt blieb. Gelingt es nicht, wäre das eine grosse Enttäuschung. Aber es muss nicht zwingend bedeuten, dass die EM gleich ungenügend wäre.

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