Gianni Infantino: «Ich brauche den Schweizer Pass nicht mehr»
Als Gianni Infantino einige Monate nach seiner Wahl für ein Interview in unsere Redaktion kommt, begrüsst ihn die Frau am Empfang mit: «Herzlich willkommen, Herr Berset.» Vielleicht fühlte er sich damals ein wenig geschmeichelt. Doch fast zehn Jahre später spielt er ein paar Ligen höher als unsere Bundesräte. «Ich gehöre weltweit zu den fünf Menschen, die am meisten beobachtet und durchleuchtet werden», sagt er.
«Heute fühle ich mich katarisch. Heute fühle ich mich arabisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert.» Das war 2022, unmittelbar vor dem Start zur Fussball-WM. 2026 würde er wohl sagen: «Heute fühle ich mich amerikanisch. Heute fühle ich mich saudisch. Heute fühle ich mich libanesisch.» Wenn er ehrlich ist, müsste er auch sagen, als was er sich heute nicht mehr fühlt: Europäer, Schweizer, Walliser.
Infantino, 55, vor zehn Jahren zum Fifa-Präsidenten gewählt, hat mit Europa, mit der Schweiz und sogar mit dem Wallis gebrochen. Nicht, weil er kürzlich den libanesischen Pass – seine Frau stammt aus dem Mittelmeerland – erhalten hat. Er fühlt sich vom Westen missverstanden. Er fühlt sich ungerechtfertigt kritisiert. Er fühlt sich ungeliebt.
«Ich brauche den Schweizer Pass nicht mehr»
Aus seiner Sicht sind wir heuchlerische Moralapostel. Aus seiner Sicht haben wir ein Ziel: ihn kaputt zu machen, obwohl er doch nur das Beste für den Fussball will. Das geht so weit, dass selbst Leute aus dem Wallis, die ihm eng verbunden waren, sich von ihm distanziert haben. Infantino soll in kleiner Runde sogar schon den Schweizer Pass gezückt und gesagt haben: «Nimm ihn, den brauche ich nicht mehr.» Das war nicht nur Koketterie.
Vielleicht fühlt sich Infantino so, wie sich sein Vater Vincenzo in Brig gefühlt haben muss, wo Gianni zur Welt kam: unerwünscht. Damals war Fremdenhass in der Schweiz weit verbreitet. Wäre die Schwarzenbach-Initiative 1970 angenommen worden, – sie wurde mit 46 zu 54 Prozent abgelehnt – hätten mehr als 350'000 Ausländer die Schweiz sofort verlassen müssen.
Infantino wächst in einem Land auf, in dem fast die Hälfte der Einheimischen der Meinung ist, er gehöre nicht hierher. Und er tut dies in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater führt am Bahnhof den Kiosk auf Perron 1 und ist zuständig für die Betreuung der Fahrgäste in den Schlafwagen, die von Brig aus nach Italien fahren. Grosse Sprünge liegen für die fünfköpfige Familie – Infantino hat zwei ältere Schwestern – nicht drin.
Er hat rote Haare, Sommersprossen, ist Ausländer und spielt nicht gut Fussball. Ein klassischer Aussenseiter, könnte man meinen. Aber er hat eine andere Meinung. Infantino macht die Matura, gründet einen Fussballklub, studiert Rechtswissenschaften in Freiburg.
Ein Wegbegleiter aus jener Zeit sagt: «Gianni war kein lauter Rädelsführer, eher ein stiller, lustiger, cleverer, charmanter und liebenswürdiger Typ. Alle mochten ihn, weil auf ihn immer Verlass war.» Auch wenn es darum gegangen sei, während des Studiums ein paar Bier zu viel zu trinken. Und er soll bei Frauen gut angekommen sein. Während der Zeit im Kollegium ist ihm gelungen, wovon alle anderen geträumt hätten: Die Schönste für sich zu gewinnen.
Freinacht mit Saufbefehl und kaum einer geht hin
Als Infantino im Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten gewählt wird, ruft der Stadtpräsident von Brig eine Freinacht mit Saufbefehl aus. Befolgt wird dieser nur spärlich. Vielleicht, weil sie ihn nie bedingungslos als ihren Gianni gesehen haben.
Dabei wird auch Infantino lieber geliebt als angefeindet. Wahrscheinlich ist er sogar einer, der sich überdurchschnittlich nach Anerkennung sehnt. So sagte er nach seiner Wahl vor zehn Jahren: «Wir werden den Ruf der Fifa wiederherstellen – und alle werden uns applaudieren.» Das Image des Weltverbands ist tatsächlich besser als früher mit all den üblen Korruptionsgeschichten. Aber der Applaus aus Europa, aus der Schweiz, ja gar aus dem Wallis, bleibt aus. Und das kränkt ihn.
Vielleicht könnte er mit fehlendem Applaus leben. Aber nicht mit der aus seiner Sicht ungerechtfertigten, offenen Anfeindung. Die hat schon vor seiner Inthronisierung begonnen. Beispielsweise, als er 2011 einen Besuch zum 100-Jahr-Jubiläum «seines» FC Brig aus Gründen der Sicherheit absagen musste.
Der Hintergrund: Die Uefa, für die er damals als Generalsekretär tätig war, schloss den FC Sion wegen unerlaubter Transfers aus dem Europacup aus. Der Zorn der Walliser Fussball-Aficionados richtete sich nur gegen einen: Infantino.
Trotzdem versuchte er immer wieder die Annäherung. So, als er eineinhalb Jahre nach der Wahl zum Fifa-Präsidenten mit Diego Maradona, Marco van Basten, Alessandro Del Piero und vielen anderen Hochkarätern des Weltfussballs auf dem Sportplatz Geschina in Brig für «Giannis Game» aufmarschiert ist, «um meinen Leuten etwas zurückzugeben».
Blatter am Stammtisch in Visp – Infantino bei Trump
Vielleicht steckte dahinter aber auch ein spätpubertärer Schlagabtausch mit seinem Vorgänger Sepp Blatter. Dieser hat jahrelang vergeblich versucht, Pelé für sein jährlich stattfindendes Turnier nach Ulrichen zu lotsen. Aber das, wie fast alles andere auch, hat man ihm verziehen.
Denn Blatter war immer einer der ihren, der er sich häufig auf dem «Pürumärt» in Visp blicken liess und danach am Stammtisch der Beiz seines Schwiegersohnes Hof hielt. Infantino indes sehen wir bei Donald Trump im Oval Office, beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman – am Tisch der ganz Grossen.
Infantino macht es uns nicht einfach, ihn zu mögen. Ständig dieses Trara mit Trump und anderen Unsympathen dieser Welt. Und dann gelingt es ihm in erschreckender Regelmässigkeit, die entscheidenden Bühnen falsch zu nutzen. So, als er vor dem Europarat behauptet, eine WM alle zwei statt alle vier Jahre könnte das Flüchtlingsproblem lösen. Oder als er bei der WM-Auslosung für das Turnier im kommenden Sommer Trump einen Friedenspreis überreicht und sagt: «Wir haben zusammen Millionen von Leben gerettet.»
Infantinos Auftritt an der WM-Auslosung
Es ist zu befürchten, dass er sogar glaubt, was er sagt. Aber Fehltritte sind es trotzdem. Nur, warum passieren die immer wieder? Er ist emotional, er hat fast ausschliesslich Abnicker um sich – Infantino mag es frei schwebend. Und er hat die Bodenhaftung verloren. Irgendwie verständlich. Denn er, der rothaarige Gianni aus Brig, der Secondo mit den zwei linken Füssen, die es ihm nicht mal ermöglicht haben, Stammspieler in der 5. Liga zu werden, der Piccolino, wie ihn seine Schwestern nannten, ist nun der Brudi des mächtigsten Mannes der Welt? Das überfordert alle Träume.
Infantino geht dorthin, wo es weh tut
Solange er keine Leute um sich hat, die ihn auf dem Höhenflug navigieren, verwandelt sich Infantino nur für einen kleinen, exklusiven Kreis in den Gianni aus Brig. Und aus diesem Kreis hören wir, dass sich Infantino bisweilen einsam fühlt. Niedergeschlagen. Missverstanden. Auch, weil er zu viel reist, zu viel repräsentiert, zu viel redet, zu wenig Zeit mit der Familie verbringt, weil er das Wallis, die Schweiz, Europa verloren hat.
Die Fronten sind verhärtet und Infantino hat den Glauben verloren, daran etwas ändern zu können. Wobei wir an diesem Bruch nicht ganz unschuldig sind. Wir stören uns an seinem Tun, seinem Wesen und seinem Umgang, weil das alles nicht vereinbar ist mit unserem eurozentrischen Wertekompass. Das lassen wir ihn spüren.
Aber wenn europäische Politgrössen nach Saudi-Arabien fliegen, um über Flüssiggaslieferungen zu verhandeln, sehen wir geflissentlich darüber hinweg, wenn sie das nicht mit Regenbogen-Binde am Arm tun und hinterher entschuldigend anmerken, dass für Menschenrechts-Themen keine Zeit geblieben sei. Infantino hingegen drehen wir einen Strick draus, weil er die Nähe zu Trump und den Monarchen in der Golfregion sucht. Dabei könnte man auch sagen: Wie ein guter Stürmer geht er dorthin, wo es wehtut. Aus den selben Motiven wie westliche Politiker: um gute Geschäfte zu machen.
Ja, er tut auch viel Gutes. Er fördert den Frauenfussball. Er hat dafür gesorgt, dass in Iran Frauen wieder ins Stadion dürfen. Er hat die zweckgebundenen Förderbeiträge an die Verbände massiv erhöht. Und jüngst hat er einen Infrastrukturplan für Gaza vorgestellt, der 50 Spielfelder, eine Fussball-Akademie sowie ein neues Nationalstadion umfasst. Applaus erntete er dafür nur ausserhalb von Westeuropa. Hier gab es Prügel, weil er das mithilfe des skurrilen trumpschen Friedensrats macht. Aber funktioniert so nicht Politik?
Die Frage ist, wie lange Gianni Infantino der höchste Fussballer der Welt bleiben wird. 2027 wird er wohl für seinen letzten 4-Jahres-Zyklus gewählt. Gut möglich, dass er versuchen wird, die Amtszeitbeschränkung aus den Statuten verschwinden zu lassen. Es würde zu ihm passen, aber auch einen beispiellosen Aufschrei in Westeuropa zur Folge haben.
Nur: Wäre das bei Licht betrachtet so schlimm? Mit jeder WM steigert er den Umsatz um rund zwei Milliarden Dollar. Wäre er CEO eines Unternehmens, gewänne er mit diesem Leistungsausweis den Titel «Manager of the Year». So einen stellt man normalerweise nicht vor die Tür. (riz/aargauerzeitung.ch)
