Irans Regimegegner hoffen auf Trump: Jetzt droht die Ernüchterung
Was hat sich die iranische Führung dabei gedacht? Trotz der Kriegsgefahr traf sich Ajatollah Ali Chamenei am Samstag mit hochrangigen Militärs und Politikern nicht in einem Bunker, sondern in einem gewöhnlichen Bürogebäude in Teheran. Gingen sie davon aus, dass die Israelis an einem Schabbat nicht angreifen würden, und schon gar nicht tagsüber?
Und glaubten sie, dass US-Präsident Donald Trump weiter auf Verhandlungen setzt? Es wäre ein grotesker Irrtum gewesen. Die Geheimdienste der USA und Israels waren Chamenei offenbar seit Monaten auf den Fersen und wussten genau, wo er sich aufhielt. Letztlich war es fast ein Kinderspiel, ihn zu töten. Bloss ist damit gar nichts entschieden.
Videos deuten darauf hin, dass mutige Iranerinnen und Iraner in den Strassen der Hauptstadt den Tod des verhassten Diktators bejubelten. Doch ihr Land ist nicht Irak, Libyen oder Syrien, wo mit dem Sturz des Tyrannen auch dessen Regime kollabierte. Das iranische Machtgefüge ist vielschichtig und für Aussenstehende oft schwer durchschaubar.
Schulterschluss des Regimes
Das kann heikel werden, wenn die verschiedenen Fraktionen anfangen, sich zu bekämpfen. Im Iran scheint dies bislang nicht der Fall zu sein. Noch zeigen sich von aussen betrachtet kaum Risse in der Führung, zum Leidwesen des unterdrückten Volks. Die Angriffe Israels und der USA scheinen eher zu einem Schulterschluss geführt zu haben.
Das Regime schlägt jedenfalls zurück, mit der Schliessung der Strasse von Hormus und Luftschlägen, die auch die arabischen Golfstaaten nicht verschonen. Sie werden mit Raketen und Drohnen angegriffen und an einer ihrer Schwachstellen getroffen: Dem Image als sicherer Destination für Geschäftsleute, Expats und Touris, die Abenteuerferien erleben, auf die sie gerne verzichtet hätten.
Die US-Bevölkerung besänftigen
Noch ist es kein Flächenbrand, aber überall lodern Feuer. Die Gefahr, dass die Lage weiter eskaliert, ist real. Das scheint auch Präsident Trump zu beschäftigen. In einer Kaskade von Videobotschaften und Interviews versuchte er am Wochenende, die angesichts einer neuen Intervention im Nahen Osten besorgte amerikanische Bevölkerung zu besänftigen.
Trump mit erster Bilanz zum Iran
Der Krieg gegen Iran werde «vier bis fünf Wochen» dauern, falls notwendig, sagte er in einem Telefoninterview mit der «New York Times». Die Ressourcen seien vorhanden, man habe «enorme Mengen an Munition». Dabei ist selbst das Pentagon besorgt, dass der Krieg Reserven aufzehren könnte, die im Hinblick auf andere Konflikte benötigt würden.
Widersprüchliche Visionen
Zur Zukunft des Irans nach dem Tod von Ali Chamenei habe Trump «eine Reihe teilweise widersprüchlicher Visionen» geboten, schreibt die «New York Times». Dazu gehörte die Hoffnung, die Revolutionsgarde werde sich dem Volk unterwerfen und ihm ihre Waffen übergeben. Also jene Streitmacht, die das Volk im Januar niedergemäht hatte.
Entlarvend wurde es, als Trump das Vorgehen in Venezuela als «perfektes Szenario» für den Iran bezeichnete. Dabei hätten selbst seine Berater ihn auf die enormen Unterschiede zwischen den Ländern hingewiesen, so die «New York Times». Es sei «nahezu unmöglich», die Absetzung von Nicolas Maduro mit der Tötung von Chamenei gleichzusetzen.
Iran ist nicht Venezuela
Oder anders gesagt: Die Beseitigung des obersten Führers bedeute nicht, dass man wie in Venezuela einfach mit der bisherigen Regierung weitermachen kann. Entsprechend vage äusserte sich Trump zur Frage, wer den Iran anführen soll. Die Verantwortung für einen Regimewechsel schob er auf die Bevölkerung ab: «Das ist ihnen überlassen.»
Faktisch lässt sich schliessen: Trump sucht einen Ausweg aus dem Krieg und ist bereit, das iranische Volk fallenzulassen. Aussagen von republikanischen Hardlinern im Kongress gehen in die gleiche Richtung. Das iranische Volk solle selbst entscheiden, wer die Regierung künftig führe, meinte etwa Senator Lindsey Graham am Sonntag auf NBC.
Bürgerkrieg im Vielvölkerstaat?
Helft euch selbst, lautet die Quintessenz. Der iranischen Opposition, die ihre Hoffnung auf Trump und eine militärische Intervention gesetzt hat, droht die Ernüchterung. Sie kann allenfalls hoffen, dass eine neue Führung einige Liberalisierungen zulässt, etwa ein Ende des Kopftuchzwangs, der in den Städten ohnehin kaum noch befolgt wird.
Genauso gut ist das Gegenteil möglich. So warnte der demokratische Senator Chris Murphy auf CBS, angesichts der Planlosigkeit der Trump-Regierung werde man eher «eine noch schlimmere iranische Führung bekommen». Und sein Parteikollege Mark Warner äusserte bei CNN die Befürchtung, der Vielvölkerstaat könnte in einem Bürgerkrieg versinken.
Kein Plan für die Zeit danach
Es sind trübe, aber realistische Szenarien. Der demokratische Senator Chris Coons betonte ebenfalls auf CNN, er kenne «kein Beispiel in der modernen Geschichte, bei dem ein Regimewechsel allein durch Luftangriffe zustande gekommen ist». Und selbst mit Bodentruppen ist ohne Plan für die Zeit danach nichts gewonnen, wie die USA im Irak erfahren mussten.
Irans Führung ist massiv unter Druck, doch wenn sie nicht verliert, hat sie schon gewonnen. Der Sicherheitsexperte Peter Neumann brachte es im «CH Media»-Interview auf den Punkt: «So leid es mir für die Iranerinnen und Iraner tut, die jetzt auf eine Demokratie hoffen, aber der Tod des Ajatollahs bedeutet nicht, dass der Weg zur Demokratie kürzer geworden ist.»
Vielmehr könnten sie bald feststellen, dass es noch nie eine gute Idee war, sich auf Donald Trump zu verlassen.
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