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Warum wir uns unsere Grabreden schon heute halten sollten

Sag's jetzt! Warum wir unsere Grabreden schon heute halten sollten

Bild: shutterstock
25.04.2016, 13:0925.04.2016, 14:42
Yonnihof

Prince ist tot, lang lebe Prince selig.  

Es ist eine regelrechte Schande, was dieses Jahr schon alles an Talent von der Erde verschwunden ist. 

Berührend waren sie, die Hommagen an den kleinen Musikgiganten. Samstagnacht stellte einer meiner Nachbarn Boxen auf seinen Balkon und liess gegen ein Uhr morgens, wenn’s auf der Langstrasse so richtig losgeht, «Purple Rain» in maximaler Lautstärke laufen. Und die Leute blieben stehen und sangen mit. Es war rührend.  

Dasselbe bei Bruce Springsteens Konzert in Brooklyn am Samstag. Auch er spielte «Purple Rain» und die Menge sang im Einklang, dass es einem auch das allerkleinste Härchen aufstellte.  

«Purple Rain» am Springsteen-Konzert am 23. April
YouTube/Dave Arbiter

Als ich mir das Video ansah, dachte ich: Wow, das hätte Prince bestimmt wahnsinnig gefreut. Ohne Prince näher zu kennen, natürlich. Aber es hätte ihm sicherlich gut getan, all die Bewunderung und die Liebe, die jetzt für ihn in den Zeitungen steht und aus Lautsprechern dröhnt, noch seiner Lebtage erfahren zu können.  

Und so fragte ich mich: Warum machen wir das nicht auch für die Lebenden? Klar, man kann nicht konstante Wellen der Begeisterung über jeden einzelnen Künstler, den es gibt, um die Welt schicken – aber müssen wir erst abkratzen, damit unser Genie, unsere Leistung, unser Werk geschätzt wird? Oder nicht einmal das – geschätzt wird’s ja eigentlich jetzt schon. Vor seinem Tod hatte ich aber über Monate, ja Jahre keine Berichte mehr über Prince und sein musikalisches Genie gelesen – jetzt liest man diese zu tausenden.  

Müssen unsere Idole erst tot sein, damit wir unsere Bewunderung auch äussern?  

Das Gleiche gilt auch – oder noch viel mehr – für unsere Liebsten. Es lässt sich auf den Alltag und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen herunterbrechen.  

Sagen wir oft genug: «Ich liebe dich», «Das hast du gut gemacht», «Ich finde dich grossartig», «Wow, du bist unglaublich gut in dem, was du machst»? Oder sparen wir uns das für die Grabrede auf, die unsere Geliebten dann nicht mehr zu hören bekommen?  

Können wir uns den Vorwurf der mangelnden Äusserung von Bewunderung genauso selber machen wie der Presse nach dem Tod eines grossen Musikers?  

Im Film «The Fault in our Stars», der sich um die Liebesgeschichte zweier krebskranker Teenager dreht, bekommen beide Protagonisten die Grabrede ihres/r Liebsten noch vor ihrem Tod zu hören.  

Hazels Grabrede für Gus (entschuldigt die schlechte Qualität).YouTube/Lokesh Pande
Gus' Grabrede für HazelYouTube/Clara Huet

Es würgt einem fast das Herz ab, dabei zuzuhören, aber es ist einem auch ein Mahnmal, vielleicht öfter mal einen Liebesbrief zu schreiben. Oder gar ein Liebesgedicht für den Menschen, den man am allerliebsten hat. Oder eine Lobesmail. Oder ein Tochter-Mutter-SMS oder eine Freundinnen-iMessage oder ein Kumpel-WhatsApp.

Ihr wisst, was ich meine.  

Das Gute im anderen zu sehen, milde zu sein und vergebend. Nicht erst, wenn uns dessen Tod dazu zwingt. Das tut nicht nur unserem Gegenüber gut, sondern auch uns.

Man kann nicht immer an alle und alles denken, das ist mir klar. Wir haben ja Berufe und Hobbys und Stau und Dichtestress und so weiter. Dies soll einfach ein Gedankenanstoss sein: Genauso, wie man Geld nicht mit ins Grab nehmen kann, kann man Liebe und Vertrauen und Bewunderung nicht nachträglich dahin schicken.

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Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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Inzwischen wissen es die meisten. Ja, selbst die, die es noch nicht wissen, haben es längst vermutet: Lichter löschen spart nicht so viel Energie, wie wir gerne hätten. Dafür ein bisschen Frieren umso mehr. Und ja, wir müssen auch über die Autos sprechen. Aber eins nach dem anderen.
In gefühlt vorchristlichen Zeiten, als noch Glühbirnen die Wohnzimmer und Küchen der Welt erhellten, brachten Mütter (und manchmal die Väter) ihren Kindern bei, das Licht zu löschen, wenn sie einen Raum verlassen. Glühbirnen verbrauchten so viel Strom und erzeugten dabei so viel Abwärme, dass wir sie beinahe als Miniöfeli hätten nutzen können.
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