Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Schwäche als Stärke – Oder: Warum wir auf Eminem hören sollten

Bild: shutterstock



Vor ein paar Wochen schrieb ich eine Kolumne übers Übergewichtig-Sein. Das kostete mich einiges an Überwindung – ich bin im Nachhinein jedoch sehr froh, es getan zu haben.  

Ich habe lange überlegt, ob ich Übergewicht hier als Schwäche bezeichnen soll – weil ich weiss, dass dann Reaktionen kommen wie «Das ist nicht schwach, das ist nur anders». Nun, ich rede hier von mir selbst und für mich ist es eine Schwäche, denn es ist ein Teil meines Lebens, den ich nicht im Griff habe, obwohl ich mir das wünschte. Darum soll es aber hier nicht (nochmals) gehen.  

Es soll darum gehen, dass Schwäche und Verletzlichkeit nicht zwangsläufig schlecht sein müssen. Ich habe nach der Publikation jener Kolumne zwei Dinge gelernt:  

1) Sich verletzlich zu machen kann heilsam sein

Verletzlichkeit ist, so empfinde ich es zumindest, einer künstlichen Perfektion gewichen. Obwohl wir alle wissen, dass jeder einzelne von uns seine Unzulänglichkeiten hat.  

Erinnert Ihr Euch an den Film «8 Mile», eine Art Autobiographie des jungen Eminem? In einer der Schlussszenen tritt ebendieser in einem Rap-Battle gegen einen anderen jungen Mann an und anstatt diesen lediglich, wie es bei diesen Battles die Regel ist, durchgehend fertig zu machen oder zu beschimpfen, zählt er zusätzlich alle seine eigenen Schwächen auf. Ja, er wohne mit seiner Mutter im Wohnwagen. Ja, jemand habe mit seiner Freundin gevögelt. Ja, sein bester Freund sei so dumm, dass er sich selber ins Bein geschossen habe. «I’m a piece of f****** white trash, I say it proudly.» Und als seine Zeit um ist, wirft er seinem Kontrahenten das Mikrofon zu und sagt:

«Here, tell these people something they don’t know about me.»  

Auf meine Kolumne kamen fast keine Angriffe. Ich hatte gesagt, wo’s wehtut, und kaum einer kam auf die Idee, da noch den Finger reinzuhalten. Und das passiert nicht nur bei Äusserlichkeiten, sondern auch bei Verletzlichkeit im Allgemeinen.  

Wenn man offen sagt «Ich kann das nicht so gut», dann ist das enorm entwaffnend, teilweise sogar gewinnend. Ich würde sogar soweit gehen, dass es eine Grundlage funktionierender Beziehungen ist, dass man die Fehler des Partners nicht nur toleriert, sondern sie auch liebenswert findet – und wenn nicht den Fehler selbst, dann zumindest den Umgang der Partnerin damit. Denn fehlerfrei ist niemand, kein einziger von uns.  

2) Verletzlichkeit ist ein Filter: Auf verletzliche Menschen treten nur Leute ein, die entweder eigene Schwächen kaschieren oder in der illusorischen Vorstellung leben, sie selber hätten keine

Die (sehr wenigen) Pöbeleien, die nach meiner Kolumne kamen, waren enorm undifferenziert und man sah ihnen auf 20 Kilometer gegen den Wind an, dass sie mehr über diejenigen aussagten, die sie äusserten, als über das Thema an sich.  

Und trotzdem kann sowas weh tun und es ist wichtig, einen Umgang damit zu entwickeln, wenn man im Alltag authentisch und damit auch verletzlich sein will. 

Wir haben kein Anrecht auf Perfektion seitens unseres Gegenübers. Absolut niemand hat die Pflicht, uns zu gefallen (ästhetisch oder inhaltlich). Und doch haben gewisse Leute das Gefühl, sie hätten genau darauf Anspruch.«Wäh, du bisch hässlich», «Nimm mal ab» oder «Mann, bisch du e Pussy/langwiilig/dumm» an eine fremde Person zu richten, bedeutet doch lediglich, dass mir das Verkünden meines eigenen Empfindens wichtiger ist als der Respekt, den ich von allen anderen mir gegenüber erwarte.    

Wie ich in meiner letzten Kolumne schrieb: «Was ich jedoch schwierig finde, ist, wenn Menschen beginnen, Attraktion und Akzeptanz zu vermischen und zu denken, dass das, was sie unattraktiv finden, weniger von ihrem Respekt verdient.»

Wer auf andere eintritt (und damit meine ich nicht konstruktive Kritik an engen Freunden), die zu dem stehen, was sie ausmacht – oft passiert das unter dem «Ich bin ja nur ehrlich»-Mäntelchen oder dem «Ich werd’ doch noch meine Meinung sagen dürfen»-Mäntelchen – ist vielleicht der Unzulänglichste von allen, denn er hat kein Gespür für die Bedürfnisse und den persönlichen Raum anderer Menschen, nur für seinen eigenen. Nur hat er’s (noch) nicht erkannt.

Und so ist unsere Verletzlichkeit auch eine Art Filter für unser Umfeld, denn wer Salz in offen gezeigte Wunden streut, auf den können wir getrost verzichten.  

Drum also mein Plädoyer: Kids be free.

Zelebriert das, was Ihr gut könnt, und steht zu dem, was Ihr nicht so gut könnt. Nur die Paarung von beidem stellt Euch wirklich so dar, wie Ihr seid.

Ihr werdet erstaunt sein, welche Reaktionen da kommen. Von Menschen, denen es gleich geht. Und solchen, denen es nicht gleich geht, die Euch aber trotz – oder gerade wegen – Eurer Unzulänglichkeiten schätzen und bewundern.

Ich glaube, das wäre ein Schritt in eine gesunde Richtung, in eine realistische und pragmatische Richtung. Wo wir nicht mehr konstant damit beschäftigt sind, dem illusorischen Anspruch an Perfektion hinterher zu rennen, den wir uns gegenseitig (und auch uns selbst) auferlegt haben. Wo wir uns nicht ständig verstellen müssen und die Menschen sein können, die wir nun halt einmal sind, manchmal auch ohne Regenbögen und Schmetterlinge.

Wenn mir also mal wieder ein «Wäh, du bisch fett» um die Ohren gehauen wird, werde ich – frei nach Eminem – sagen:  

«No shit, Sherlock. Tell me something I didn’t know about me.»

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Abonniere unseren Newsletter

Themen
17
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • bellony 01.08.2016 22:53
    Highlight Highlight Gute Kritik dient meiner Ansicht nach nicht der Beleidigung, sondern bildet ein Spiegelbild des eigenen Verhaltens und ermöglicht einem oft, eigene Blockaden und hemmende Muster überhaupt zu erkennen und zu überwinden und harmonischer durchs Leben gehen zu können. Die Kunst dabei ist, einschätzen zu können, ob die betreffende Eigenschaft wirklich so gravierend ist, und ob das Gegenüber sich diesbezüglich überhaupt ändern kann oder nicht. Dabei noch den richtigen Ton zu treffen und hin und wieder auch mal ein Kompliment zu verschenken, das wäre doch dann das Sahnehäubchen. :)

    Herzliche Grüsse
  • Bruno Wüthrich 01.08.2016 21:10
    Highlight Highlight Dass nur die Schlanken schön sein sollen, ist ein Produkt neuerer Zeit. Es gab Zeiten, da war dies ganz anders.

    Gibt es den perfekten Menschen? Nein!
    Gibt es den fast perfekten Menschen? Nein!
    Aber es gibt die fast perfekte Fassade. Zumindest zeitgeistbereinigt.

    Die fast perfekte Fassade wird häufig verwechselt mit dem perfekten Menschen. Da kann die Person mit der fast perfekten Fassade nichts dafür. Denn wir haben verlernt, hinter die Fassade zu blicken.

    Könnten wir es, wir sähen das Elend, das dahinter steckt. Das Elend, das mit perfekter oder unperfekter Fassade nichts zu tun hat.
  • Pater Noster 31.07.2016 20:29
    Highlight Highlight Zu diesem Thema kann ich folgenden TED Talk wärmstens empfehlen:

    https://www.ted.com/talks/brene_brown_on_vulnerability?language=de

    Auch die Bücher von ihr sind absolut lesenswert.
  • dath bane 31.07.2016 17:33
    Highlight Highlight Mein Problem sind gar nicht Leute die Einseitig beleidigend sind. Mit denen red ich gar nicht! Aber immer wenn ich mich jemandem öffne kommen belehrende Ratschläge von oben herab. Die gleichen Leute zeigen ihre Schwächen nur, wenn sie wirklich 100%ig nichts dafür können. Bei mir führt das dazu, dass ich mich schlicht niemandem mehr öffne. Ich habe dieses Mitleid satt.
    • Matrixx 31.07.2016 19:00
      Highlight Highlight Das ist definitiv der falsche Weg.
      Das soll nicht belehrend ein, ich teile lediglich meine Erfahrung.
      Sprich mit Leuten nicht über dein "Leid", sondern über deine Erfahrung. Wo kein Leid ist, kann kein Mit-Leid entstehen. Deshalb soll es immer eine Erfahrungsaustausch sein, und nicht ein "Leidklagen". Und wenn jemand diese Erfahrung nicht hat, sag offen "Heuchle kein Mitleid. Du kannst es nicht fühlen."
    • NarzisstisteinbloedesmodewortichbinderGrösste 01.08.2016 19:11
      Highlight Highlight Meine Erfahrung ist - und das ist sehr frustrierend für mich diese Überzeugung zu haben - das alle unsere schlechten Gefühle im Falle des Bestehens einer gewissen Vulnerabilität bzw. Empathie, verknüpft sind mit unserem Umgang mit Menschen zu denen wir Kontakt hatten. Konnte ich meine Gefühle mit der Person so ausdrücken, dass es ankommt und dass die Person nicht mit einem schlechten Gefühl weggeht? Wenn ich jmd. verletzt habe, wie kann ich es entschädigen? Wenn ich eine asymmetrische Beziehung habe, wie kann ich sie symmetrischer gestalten?
    • NarzisstisteinbloedesmodewortichbinderGrösste 01.08.2016 19:12
      Highlight Highlight Wenn ich ein schlechtes Gefühl gegenüber einer P. habe, wie ausdrücken (möglichst bald!!), oder hat es mehr mit einer anderen Person zu tun?
    Weitere Antworten anzeigen
  • pamayer 31.07.2016 16:39
    Highlight Highlight Danke.

    Der Eminem ist nicht grade auf meiner symphatico-liste, aber diese Szene hast's wirklich in sich.
  • AnnaFänger 31.07.2016 15:32
    Highlight Highlight 😥 deine ansichten der welt täte vielen menschen gut, und mir tut sie gut, danke
  • rodolofo 31.07.2016 15:28
    Highlight Highlight Es kommt ganz selten vor, dass jemand überall gut ist.
    Meistens sind wir entweder "Fachidioten", oder "Universal-Dilletanten".
    Stärken gehen also immer mit Schwächen einher, z.B. die Stärke Schnelligkeit geht einher mit der Schwäche Unsorgfältigkeit (Miir Bäärner si langsaam, aber soorgfäutig gäu?).
    In meiner Schulzeit habe ich einen Schüler erlebt, der überall sehr gut war, sowohl in den akademischen Fächern, als auch im Turnen und in der Musik.
    Vielleicht fand ich ihn darum so unsympatisch.
    Er war zu perfekt, zu gut, als dass es echt sein konnte.
    Seine Perfektheit war also seine Schwäche...
  • Luca Brasi 31.07.2016 15:20
    Highlight Highlight Ich nehme Schwächen mit Humor. Nobody is perfect. Bei "Fat" fällt mir immer dieses Video ein: ;)
    Play Icon
    • rodolofo 31.07.2016 15:54
      Highlight Highlight Die sogenannte Schwäche ist sozusagen die Voraussetzung für den Humor!
      Würde alles rund laufen wie eine geschmierte Maschinerie, und gäbe es keine Stolperer und Peinlichkeiten, hätten wir ja gar nichts zu lachen!
      Avant le premier Aout nous pouvons dire aussi:
      "Rire de bon coeur est bon pour la santée!"
    • pamayer 31.07.2016 16:36
      Highlight Highlight Danke für das fat video.
      Is ja voll fett💪

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

Ja, Sie haben schon richtig gelesen, da ist kein Tippfehler im Titel. Modal, mit d. Ich erspare Ihnen nun die Google-Suche oder das Ausgraben Ihrer Deutsch-Ordner von früher, wo Sie dann Ihre alten Aufsätze finden, in denen Sie sehr realistisch eingeschätzt haben, dass Sie mit 30 ein Haus, vier Kinder, einen Labrador namens «Columbo» und eine Traumkarriere haben werden und alles, was Sie nun mit 36 tatsächlich Ihr eigen nennen, ist ein Fahrrad und sogar das wurde Ihnen schon zweimal …

Artikel lesen
Link zum Artikel