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Bild: shutterstock

Yonnihof

Fick dich, biologische Uhr!



Gestern hatte ich Geburtstag. Ich wurde 27 Jahre alt. Schon wieder. Zum siebten Mal, um genau zu sein.  

Ich mache zwar oft Witze darüber, aber ich war nie eine Frau, die Mühe mit ihrem Alter hatte. Ich fand auch 30 zu werden völlig easy. Obwohl ich damals erst gerade meinen Master abgeschlossen, ein Doktorat abgebrochen und noch nie mehr als 2500 Franken pro Monat verdient hatte, fühlte ich mich wohl und hatte keine Versagensgefühle. Ich kam mit dem aus, was ich hatte und passte meinen Lebensstil dem an, ohne mich vollumfänglich einschränken zu müssen.  

Eigentlich fühle ich mich auch heute gut – 34 ist ein tolles Alter, sowohl für andere als auch für mich. Man ist (grösstenteils) bei sich angekommen, hat das eine oder andere ausprobieren können und weiss langsam, was man will und was nicht. Meine heutige Karriere begann erst, als ich 31 war und es war nicht vorauszusehen, welche Ausmasse sie annehmen würde.  

Beruflich läuft’s fantastisch, ich kann reisen, habe einen tollen Freundeskreis, eine tolle Wohnung und so weiter. Ich bin frei, unabhängig, easy peasy Gomfibrot. Der Traummann lässt zwar noch auf sich warten, aber auch der kommt dann schon noch. Eigentlich wär’ alles schon fast kitschig ideal-harmonisch.  

Wäre da nicht dieses leise «Tick ... Tack ... Tick ... Tack ...», das sich nun immer öfter in meinen Hinterkopf schleicht.  

JA. ICH WEISS. Ich dachte auch immer, das mit der biologischen Uhr sei Blödsinn und es käme alles zu seiner Zeit und wenn nicht, dann halt nicht und chilled sie mal, gopf.  

Nope. Leider bin ich da nicht anders als Millionen anderer Frauen. Heute im Tram zum Beispiel, da sah ich einen etwa einjährigen Buben in einem Flausch-Overall mit Füessli und Ohren und mir wäre fast der Uterus aus dem Unterleib gesprungen, so herzig fand ich ihn.  

Will ich das? Nein! Passiert’s einfach? Jawoll.  

Dann sind da die Falten. «Das sind ja nur Lachfalten!» DINI MUETER HÄT NU LACHFALTE. Da sind auch Stirnfurchen und Krähenfüsse und was auch immer diese Runzeln sonst noch für fürchterliche Namen tragen. Und plötzlich tauchen auch diese drahtigen Haare am Kinn auf. Und auf der Oberlippe. Eklig? ABER VOLL! Trotzdem nicht zu verhindern, wie es scheint.  

Mal ganz abgesehen von den weissen Haaren, die sich immer öfter an der Tönung vorbeischleichen. Wie es scheint, haben die dann zu allem Elend auch noch eine andere Struktur als der ganze Rest und fliegen, der Gravitation trotzend, stramm gen Himmel, damit man sie auch ja sieht. Arschlöcher.  

Gleichzeitig ertappt man sich immer öfter, wie man ganz ehrlich und aufrichtig interessiert die Arena schaut, ganze Zeitungen liest und wie man plötzlich Mittagsschläfchen als Lieblingshobby hat.  

Party macht man am liebsten schon spätnachmittags – damit man so gegen Mitternacht auch noch aufs letzte Tram kann und genügend Zeit hat, den mittlerweile drei Tage andauernden Kater zu verkraften.  

Irgendwann kommt’s noch soweit, dass ich meine Steuererklärung pünktlich einreiche, du, Ehrewort ...  

Bisher war ich eine Frau, die keine Probleme mit ihrem Alter hatte. Bis ich dieses Alter erreichte, wo ich bei jeder Pampers-Werbung Milcheinschuss bekomme, ich mir Gedanken über die Steuervorteile meiner 3. Säule mache und Birkenstock zu einer ernsthaften Alternative werden. 

Natürlich ist das alles nicht immer präsent. Normalerweise bin ich wirklich von Herzen happy und zufrieden. Aber ab und wann, ganz weit hinten in meinem Hirn, klingts, um meinen Lieblingsfreund Rafi zu zitieren: Tick, tack, tick, tack, motherfucking tick, motherfucking tack.  

Ich wäre so gerne die Ausnahme. Ich wünschte mir, es wäre mir egal, dass meine Perspektiven auf ein Familienleben mit Chind und Chegel mit jedem Jahr schwinden. Ich wünschte mir, mir zu sagen, es gehe auch ohne eigene Kinder, würde mich in irgendeiner Form beruhigen.

Tut es nicht. Mein Alter ist eine Realität. Meine Sorgen auch. Ich weiss zwar, dass ich das Leben auch mit mir allein aushalten würde und dafür bin ich sehr dankbar. Trotzdem macht sich immer wieder eine Art Wehmut um verpasste Chancen in mir breit, mit der ich eventuell für immer leben muss.

Es bleibt wohl nur der Optimismus. Und bis meine biologische Uhr endlich ihren blöden Mund hält, muss ich wohl mit dem Kind in mir Vorlieb nehmen.

Ich hoffe, es trägt ein Ganzkörperpischi mit Füessli. Jöö. Weisch wie herzig.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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