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Yonnihof

Liebe besorgte MitbürgerInnen ...

31.08.2015, 14:1231.08.2015, 16:02

Wir müssen reden.

Ich weiss, es wurde schon so viel gesagt. Viele wütende Worte, auch von mir. Ich will's heute mal vernünftig versuchen, soweit ich das kann. Erklären, wieso ich denke, wie ich denke. 

Es scheint, als sei die Welt links und rechts schwarz/weiss geworden. 

Zwischen dem Hippie und dem Nazi gibt es aber circa 570'947 Shades of Grau und so wie Sie, liebe/r MitbürgerIn, befinde ich mich irgendwo dazwischen. 

Ich bin auch besorgt. Zu denken, dass diese Verschiebung in der Weltordnung mich kalt lässt, nur weil ich links bin, ist falsch. Genauso falsch, wie dass alle von der Mitte bis zum Nazi dumm sein sollen. 

Dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungsferne und Rechtsextremismus gibt, hat die Forschung x-fach gezeigt, nur gibt es dabei erstens durchaus noch moderierende Faktoren (wie z.B. Armut, Missbrauch, Drogenmissbrauch der Eltern) und zweitens sind bei weitem nicht alle, die nun Angst haben, rechtsextrem. 

Die Angst kann ich nachvollziehen. Dennoch gibt es eine gefährliche Schwelle zwischen «sich bedroht fühlen» und Hass, die nunmehr immer öfter überschritten wird, nicht nur ganz rechts aussen. 

Diesen Unterschied der «Dummheit der Rechten» zuzuschieben, ist in meinen Augen aus folgenden Gründen problematisch: 
Erstens ist, wie oben erwähnt, nicht jeder Rechte dumm. Gerade Exponenten in der Parteispitze der SVP, welche zwar gerne auf Intellektuelle schimpfen, selber aber Doktoren- oder gar Professorentitel tragen, beweisen das Gegenteil.
Zweitens nimmt man denen, die tatsächlich hetzen, so ein Stück Verantwortung ab, die sie sehr wohl tragen können und müssen. Jeder, auch jemand mit eher niedriger Intelligenz, kann Recht von Unrecht unterscheiden. Jeder von uns kennt Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit. Jeder von uns weiss, dass man Schutzlosen helfen soll. 

Woher dann aber diese blinde Wut, dieser ungefilterte Hass, liebe besorgte MitbürgerInnen? 

Eine Theorie, die ich habe, liegt in den individuellen Konstrukten «Zuwanderung», «Flüchtlinge» und «Asylchaos», die ich aus vielen Meinungsäusserungen herauslese. Dieser Strom von Menschen, diese Fremden, das ist ein grosses graues Etwas, das über Europa schwappt. Diese Flüchtlinge, das ist eine Gewalt, die sich nicht kontrollieren lässt, die nicht fassbar ist. Sie ist bedrohlich und man fühlt sich in seiner Angst nicht ernst genommen oder eben für dumm hingestellt. 

Auch hier: Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. 

Nur fehlt mir in dieser Wahrnehmung eins: Der einzelne Mensch und seine Würde. 

Sie können einen Ferrari fahren, fünf Häuser besitzen und den geilsten Job der Welt haben – Ihre Würde ist genauso wenig antastbar wie die eines eritreischen Flüchtlings. Ihre Bedürfnisse, Ihre Wünsche sind nicht mehr wert als seine. Nie. Daran ändert auch nichts, dass Sie das unglaubliche Glück hatten, in der Schweiz geboren worden zu sein. 

Fakt ist doch, und ich zitiere hier Jorge Ramos, als er sich bezüglich der Immigrationspolitik der USA äusserte: «Die Grösse eines Landes bemisst sich nicht daran, wie es mit den Mächtigen umgeht. Die Grösse eines Landes bemisst sich daran, wie es mit den Machtlosen umgeht.»

Und zurzeit machen Menschen wie ein Christoph Mörgeli mit dem Elend der Ärmsten der Armen auch noch Wahlkampf und das in einer in meinen Augen unüberlegten und verabscheuenswürdigen Art und Weise. 

Wie kann es sein, dass man sich mehr mit Immigranten mit teurem Handy beschäftigt, als mit denen, die in Lastwagen verrecken und im Meer ersaufen? Wie kann es einem, ganz grundsätzlich menschlich, wichtiger sein, Ersteren abzustrafen und wegzuweisen, als Zweiterem zu helfen?

Vielleicht muss man dem Elend wieder mehr Gesichter geben. 

Ein totes Kind, das im Meer treibt, ist keine links-politische Stimmungsmache, es ist ein totes Kind, das im Meer treibt und somit eine menschliche Tragödie. Ein totes eritreisches Kind ist genauso eine Tragödie wie ein totes Schweizer Kind. 

Können Sie sich noch an die letzte Beerdigung erinnern, an der Sie waren? Und daran, wie traurig dieses eine verlorene Leben eine ganze Gruppe von Menschen machte? Jeder, der im Mittelmeer ertrinkt oder im Lastwagen erstickt, ist ein Sohn oder eine Tochter oder eine Mutter oder ein Vater. Eine Schwester, ein Bruder, ein Onkel, eine Tante, ein Ehemann, eine Ehefrau. Es spielt sich gerade das Elend tausender Beerdigungen ab. 

Uns Schweizern ist die Familie heilig, sie ist bei fast jedem oberste Priorität. Wahrscheinlich auch bei Ihnen. Glauben Sie, das sei in anderen Ländern anders? Dass diese Menschen ihre Kinder nicht abgöttisch lieben, ihre Ehepartner und ihre Eltern? Hat die Schweiz Familienwerte für sich gepachtet? 

Und dann lese ich Meinungen wie: «Die kommen für ein Leben im Schlaraffenland, fürs teure Handy und gratis Saus und Braus, diese Wirtschaftsflüchtlinge!» 

Gehen wir einmal davon aus, dass tatsächlich kein Krieg im Herkunftsland herrscht. Glaubt jemand, der sowas schreibt, ernsthaft, jemand wache in Afrika eines Morgens auf und denke sich: «Hey, jetzt lasse ich mal meine Familie zurück, gebe mein Leben in die Hände von Schleppern, schippere in einem Kahn übers Meer, von dem ich nicht weiss, ob ich lebendig wieder runterkomme, um in ein Land zu gehen, dessen Sprache ich nicht spreche und in dem ich völlig allein bin»? Für ein paar Franken und ein Handy?

Fakt ist doch, dass es für einen solchen Schritt enorme Verzweiflung braucht. Ich glaube, es ist für uns alle hier unvorstellbar, welche Perspektivenlosigkeit, Angst und Hoffnungslosigkeit es braucht, um all diese Risiken einzugehen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele SchweizerInnen (und EuropäerInnen) solche Entscheidungen blindlings und ohne Überlegung als leichtfertig, als reine Habgier oder Schmarotzertum hinstellen. 

Man kann auch an Armut sterben. 

Es gilt nun, Verantwortung zu übernehmen. Seitens der Regierungen, aber auch seitens jedes einzelnen von uns. Es gilt, sich zu entscheiden, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen. 

«Noch brennen bei uns ja keine Flüchtlingsheime», las ich gestern als Kommentar. Noch... Als ob das etwas sei, worauf man stolz sein kann.

Ich glaube, wir haben noch immer die Möglichkeit, ein Erbe zu schaffen, auf das unsere Nachfahren einst stolz sein können und das geht am besten, indem wir nicht mehr von Asylantenflut und Wirtschaftsflüchtlingen reden, sondern von Menschen in bitterer Not.

Und deshalb denke ich so, wie ich denke.

Herzlichst,
eine besorgte Mitbürgerin

Yonni Meyer
Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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