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Neujahresvorsätze: Diese 7 Dinge brauchst du garantiert nicht mehr

Arrgh. Es ist von allem zu viel. Was kann weg?

Bild: Collage olivia el sayed
29.01.2026, 10:0129.01.2026, 10:01
Nachtschicht

Ich habe zu viele Dinge. Und ich glaube, ich habe auch deswegen zu viele Dinge, weil ich zu viele Gefühle und falsche Hoffnung für Dinge habe. Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung:

  • Vier Eierschachteln, die Kind 1 an einem Sommernachmittag vor zwei Jahren stundenlang zu einem mehrstöckigen Schiff umgebaut hat, mit Geheimfächern und kleinen Schatzkarten drin? Kann ich unmöglich wegwerfen. Aber zum Aufbewahren: so unpraktisch.
  • Zwei leere Tagebücher und sieben leere Notizbücher, in die ich niemals reinschreibe, weil sie zu schön sind für allfällige Verschreibereien (sie sind aber eben auch zu schön zum Verschenken).
  • Der riesige Pulli mit den giftgrünen Ärmeln, der niemandem steht? Der erinnert mich an die Ferien in London, wo Kind 2 so krank war und fror, dass ich das Teil unüberlegt und auf dem Heimweg vom Arztbesuch von der Stange zog und dem zitternden Knirps überstülpte. «Ja und?», denkst du nun zu recht. Aber ich schwöre: Das Ding riecht noch immer nach der Erleichterung, die ich verspürte, als es dem Kind endlich wieder besser ging. Der Pulli muss bleiben.

Aber ich weiss natürlich auch: Zu viel von allem ist nicht gut. Irgendwann ertrinke ich in all den Biigeli und Hüüfeli, die ich um mich baue wie eine Burg. Und gerade in Zeiten wie diesen, wo es von allem zu viel gibt und sich von Screenshots über T-Shirts und protofaschistischen Entwicklungen bis hin zu unnötigen Glaubenssätzen einfach a-l-l-e-s in unseren Leben und vor unseren Burgfenstern stapelt, ist es unabdingbar, ab und an zu entrümpeln.

Deshalb habe ich zumindest da, wo ich konnte, schon mal angefangen: Hier drum also 7 kleine Dinge, die man getrost hinter sich lassen kann für mehr Platz im Leben, für Gutes und für Weitsicht.

Freue mich über Ergänzungen in den Kommentaren.

Die Matcha-Latte-Sucht

Eine mittelgut getarnte Frau frönt ihrer Matcha Latte Sucht
Fast anonyme Frau mit Matcha Getränk und Ube Latte.Bild: Collage

Cascara, Kurkuma, Hojicha, bla bla. Auch in diesem Jahr wird wieder ein neues Getränk um die Ecke schwappen, was die trendaffinen Mäuse unter uns meinen, sich mehrmals wöchentlich für 9.80 pro Becher reinorgeln zu müssen. Damit du finanziell wie emotional dafür bereit bist, verabschiede dich am besten innerlich schon mal von deinem grünmilchigen Matcha und mach dich darauf gefasst, dass du allenfalls auch dein ganzes Farbkonzept überarbeiten musst, wenn das nächste grosse Ding lila ist (Ube Latte, händs gseit).

Und ja, natürlich, noch besser wäre gar keine Trendgetränkesucht und die 9.80 pro Woche zur Seite legen oder jemandem geben, der sie nötiger hat oder damit was Klügeres tut als du (und ich). Eine erstrebenswerte Option, ja. Andererseits ist das Jahr aber auch noch jung und bislang recht hart und an irgendwas müssen wir uns ja festhalten.

Die zu kleinen Hosen

Ok, pass auf: Ich habe von real existierenden Menschen gehört, die so gut organisiert sind, dass sie im Januar die runtergesetzten Adventskalender für Dezember kaufen und diese dann schön eingepackt und alphabetisch nach Göttikind sortiert und beschriftet in ihren Schränken aufbewahren (hätte dieser Text Ton, käme hierhin ein Schrei).

Wenn du auch so ein Mensch sein möchtest, wäre das also dein Argument, warum du den Stapel zu kleiner Hosen in deinem Schrank endlich in den Caritas Sack verschwinden lassen könntest, weil weniger Gmoscht = mehr Platz (eben für Geschenke zum Beispiel).

Und falls dir dieses umständliche Argument noch nicht reicht, hier das eigentliche: Wir werden auch nächstes Jahr nicht aus Versehen dünn oder plötzlich wieder dirrrty, und diese Christina Aguilera Jeans mit vorne dem Lederbändeli statt dem Reissverschluss auch nie mehr modern. Tu den Stapel jetzt weg, hopp.

Duolingo (aka King of «nöd hässig, nur enttüscht»)

Das manipulative Duolingo Vögeli

Ich mein, eh: Alle Apps wollen, dass wir ihretwegen möglichst oft am Bildschirm kleben. Auf welche Art und Weise dieser grüne Duolingo-Vogel das versucht, sorgt bei mir dafür, dass ich die App zusammen mit allen anderen toxischen Dingen in meinem Leben hochkant und sofort aus dem Fenster schiessen möchte. «Du machst mich traurig», schreibt die App, «wolltest du nicht lernen?». Dude. So bekomme ich keine Lust zu lernen, sondern ein Magengeschwür. «Dann wohl auf Nimmerwiedersehen», winkt mir der Vogel mit Tränen in den Augen zu. Wirklich niemand – ausser vielleicht ägyptische Väter, und das sage ich als Tochter eines ebensolchen – übertreiben es derart mit dem manipulativen schlechten Gewissen wie diese Sprachlernapp. Die Pushnachrichten lesen sich wie 1:1 übernommene Vorschläge aus dem «nöd hässig, nur enttüscht»-Lehrbuch frostig beleidigter Eltern.

Drum thank you for the lessons learned, little bird. Aber jetzt house!

Geräte zur Schönheitsoptimierung

Random Schönheitsprodukte

In einer Lutealphase (für Menschen ohne Zyklus: Das ist dann, wenn Menschen mit Zyklus aus Versehen meinen, alles, vor allem sie, seien unmöglich) meinte ich wieder einmal, etwas für mehr Haarwachstum und gegen Cellulite zu benötigen.

Meist ahnt man ja schon beim Auspacken, dass das spätnachts Bestellte im Tageslicht wohl nichts taugt: Ich bekam entsprechend zweimal fast das identische Gerät, einmal rot mit vorne einer kreisenden Bürste und einmal das gleiche in Weiss, aber mit einer Art Saugnapf versehen, den ich nur unter Schmerzen wieder von meinem zuckenden Bein wegbrachte. Monatelang habe ich beide Geräte trotzdem behalten, weil ein kleiner Teil in mir hoffte: Wenn ich sie nur lang genug anwende, dann zeigen sie allenfalls doch noch Wirkung.

Gleichzeitig weiss ich ja aber auch, dass ich 2025 noch nicht mal das Durchhaltevermögen hatte, drei Abende in Folge nur Suppe zu essen, geschweige denn massierte ich mir 31 Tage am Stück die Kopfhaut mit dem Kopfhautmassierer und die Cellulite mit dem Cellulitewegmassierer, um dann zu sehen, ob ich deswegen nun tatsächlich mehr Haare oder weniger Cellulite hätte. Drum jetzt: Weg damit. Kleben wir doch lieber s Magnetli mit dem kleinen Reminder, dass der grösste Protestakt manchmal darin besteht, sich selber zu mögen, wieder an den Spiegelrand. ❤️

Den Anspruch, Dinge erst zu machen, wenn sie richtig gut sind

Besser scheps als gar nicht.
Bild: growth by visuals

Wenn ich Dinge erst dann veröffentlichen, abgeben oder sagen würde, wenn sie so gut sind wie in meinen kühnsten Träumen, tatsächlich ganz fertig und final, dann hätte ich allenfalls noch gar nie irgendwas veröffentlicht, abgegeben oder gesagt. Weil noch besser geht halt eigentlich fast immer. Aber da man ja nie weiss, wann das Leben zu Ende ist, ist es eben doch besser, die Dinge zu tun - halt auch mal nur halbfertig und bitz scheps - statt gar nicht. Also zum Beispiel Liebesbriefe schreiben und verschicken, wenn sie noch ankommen können, auch wenn sie nicht ganz so überwältigend sind, wie wir sie eigentlich beabsichtigt hätten (aber das kann man ja dazuschreiben, es ist herzig).

Proteinprodukte

Screenshot
Bild: x/itspkav

Nun da wir uns als Gesellschaft endlich halbwegs angewöhnt haben, nicht an all diesen sperrigen Proteinprodukten mit Karton-Karamell-Geschmack zu ersticken, wird festgestellt, dass Ballaststoffe der eigentliche Shit sind. Stichwort fibremaxxing, las ich noimet. Nei chum. Ich leg das bis anhin für Proteinprodukte ausgegebene Geld fortan zu den 9.80 vom Matcha und räume im Schränkli den Platz frei. Aber fibremaxxen könnt ihr ohne mich, ich mag nüme.

Screenshots

Ich, wie ich noch einen weiteren Screenshot auf meinem Telefon speichere.
Bild: Meme

Ich weiss, du meinst du brauchst die alle noch. Aber nimm dir mal eine Stunde Zeit und flirre durch die gemachten Screenshots vom letzten Jahr. Ich bin sicher, da kann eigentlich fast alles weg. Bestell dir doch lieber eine Illustration von der Grafikerin, von der du jeden zweiten Post screenshottest. Schreib die schönen Zitate in ein Büchlein (zbsp in das schöne, anfangs erwähnte) und lern das Gedicht auswändig, das dich beim Lesen immer piekst (es tut gut, es immer dabeizuhaben). Und den Handstand lernen wir nicht, nur weil wir 27 Übungen dazu gebildschirmfotografiert haben. Wir müssen Dinge machen, im richtigen Leben, draussen, mit den Händen auf dem Erdboden und den Füssen in der Luft.

Und ich weiss. Sieben Dinge sind nicht viel. Aber es ist ein Anfang. Und Anfänge sind doch eigentlich fast immer was Gutes, auch wenn uns das Jahr bislang recht offensiv das Gegenteil unter die Nase hält.

Blog «Nachtschicht»
Olivia El Sayed denkt recht viel, einfach fast nichts zu Ende, weil sie immer irgendwie noch was muss: Zur DH, ein Formular ausfüllen, Kinder abholen, Geschenk einpacken, Pass erneuern, Text fertig schreiben, Körper einigermassen instand halten, Ufzgi kontrollieren. Ausser in der Nacht. Da liegt sie im Bett und starrt mit gefühlt offenen Augen an die Innenseiten ihrer Augendeckel – und denkt. Hinderschi und fürschi und so viel und laut, dass sie alles irgendwohin aufschreiben muss, damit sie jemals wieder schlafen kann. Und dieses irgendwohin ist: genau hier.
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Autorin und Instagrammerin (@oh_olives) Olivia El Sayed.Bild: olivia el sayed
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140 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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natalie74
29.01.2026 10:45registriert April 2017
Ich liebe ausmisten. Macht auch den Kopf frei.
Und je älter ich werde, umso sorgfältiger kaufe ich ein. Und bemerke auch immer wieder, dass es in meinem Haushalt Dinge gibt, die ich seit dreissig Jahren besitze. Sei es das Küchensieb, das mir mein Vater geschenkt hat. Oder den Bettüberwurf, den ich mir eigentlich nicht leisten konnte, aber trotzdem im Globus gekauft habe.

Und wenn ich mal wieder denke, ich müsse mich neu erfinden, dann fülle ich Online-Warenkörbe mit Kleidern, speichere sie, schaue sie drei Tage später erneut an und lösche das meiste wieder.
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Ameo
29.01.2026 13:33registriert Oktober 2025
Leider gibt es noch den Entsorgungsfluch. Hast du etwas entsorgt, nachdem es 5 Jahre oder so ungenutzt herumgelegen hat, hätte man das Teil gerade eine Woche später gut gebrauchen können.

Wer kennts auch?
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Vogman
29.01.2026 11:21registriert Mai 2020
Ich misste jedes Jahr einmal aus, aber jedes Mal wenn ich das gemacht habe, brauche ich dann eine Woche später sicher irgendwas was ich weggeworfen habe :-)
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Alles hat 1 Ende – nur die Wurst und Big Ben haben 2
Wir wussten es alle: Irgendwann ist Schluss. Aber immerhin hören wir nicht ganz abrupt auf, nein, wir verabschieden uns in zwei Schritten.
Bevor ich euch sage, warum ich aufhöre, muss ich euch Folgendes erzählen, weil es mich so erstaunt hat und ich eure Meinung wissen will. Also. Ein Freund von mir hat sich verlobt. Das allein ist etwas aussergewöhnlich, weil sich in meinem Freundeskreis eher wenig Leute verloben, so richtig, mit Verlobungsring und allem. Es heiraten auch die wenigsten. Einige wenige entscheiden, kurz bevor sie ein Kind kriegen, dass sie keine Lust auf den ganzen Papierkram haben, und rennen aufs Standesamt. Aber so richtige Hochzeiten gibt es selten in meinem Umfeld. Ich war dennoch an einigen. Weil man ja manchmal Plus 1 ist und manchmal auch von Leuten eingeladen wird, die nicht zum engsten Freundeskreis gehören.
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