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Yonnihof

Weihnachtsmarkt 2.0 – Oder: Leise kieselt René

Bild: pexels
Auch für Weihnachtsmärkte gilt: Es ist nümen wie frühner. Fast.
07.12.2016, 15:4308.12.2016, 11:21

Erinnern Sie sich noch, liebe LeserInnen? Als wir klein waren und die Welt gross und die Adventszeit voller Magie? Als wir noch Fäustlinge trugen, die mit einer Schnur verbunden waren, damit wir sie nicht verlieren? Als wir auf dem Eisfeld noch «Schliiferli» mit zwei Kufen anhatten?

Und dann waren da die Weihnachtsmärkte. Lebkuchenduft, Samichläuse, Glöckchen und Lichtlein überall. Vielleicht sogar das eine oder andere Eseli. Ein kleines Universum voller Wunder.

Tja. Meine Kindheit ist zwar schon circa vier Jahre her; trotzdem bin ich noch immer ein Adventsfan. Nichts ist schöner, als das Märlitram mit dem Samichlaus am Steuer durchs winterliche Züri kurven zu sehen.

Also dachte ich mir vor einer Weile, ich könnte auch den Zauber des Weihnachtsmarktes mal wieder aufleben lassen. Ich suchte mir dafür den allergeeignetsten unter den Märkten aus, nämlich den am Zürcher Hauptbahnhof. Heimelige Adventsstimmung in einer zugigen Riesenhalle zu Rush-Hour-Zeit – was konnte schiefgehen?

Erst einmal stellte sich mir die Aufgabe, überhaupt vom Zug zum Markt zu kommen. Die Strecke zwischen Treffpunkt und Sprüngli-Durchgang hatte sich zum feierabendlichen Flaschenhals gewandelt und dass viele Zürcher das Gefühl haben, es sei uuuuuu mega wichtig, dass sie sieben Sekunden früher zum After-Work-Business-Drink erscheinen, machte die Sache nicht einfacher. Jedenfalls war ich eingeklemmt zwischen einem riesigen Mann mit einer noch riesigeren Tasche, die rhythmisch gegen meine Möpse schlug, und einem sehr kleinen, dafür umso älteren Herrn, der in regelmässigen Abständen «So, ZUELAUFE!!» in meinen Rücken krächzte. Partytime.

Auf Höhe des Gruppentreffpunkts quetschte ich mich aus der Menschenschlange und war mir sicher, ab hier beginnt die Besinnlichkeit. 

Mhm.

Ich sage Euch: Weihnachtsmärkte sind nicht mehr, was sie mal waren. Ich wurde in der kurzen Zeit, die ich mich auf dem Gelände aufhielt, gefühlte 47 mal fast über den Haufen gerannt. Da war nichts mit gemächlicher Vorweihnachtszeit. EINS ZWEI, EINS ZWEI, WEI-TER-GEH-HEN! Bei jedem Stand kam ich grad mal dazu, ein paar Gegenstände in der Auslage zu betööplen (was die Verkäufer sicher am liebsten haben), bevor ich zur Seite gedrückt und weitergeschoben wurde.

Beim Swarovski-Baum musste ich gleich von drei asiatischen Pärchen Fotos schiessen, machte ich aber natürlich gerne. Naja, mittelgerne.

Die Glühweinstände rochen zwar wie eh und je, ich konnte aber beobachten, wie ein Angestellter seelenruhig mehrere Zwei-Liter-TetraPak mit Glühweinfertigmischung in einen Topf kippte und das aufgewärmte Resultat dann für circa 3 Millionen Franken pro Becher verkaufte. Wenigstens den Schein hätte man ja wahren können.

Und dann war da der im Titel erwähnte «René». Wahrscheinlich hiess er nicht so, sondern Orlando-Maximilian oder Rodrigo-Karlheinz. Jedenfalls war er Teil einer Gruppe Jugendlicher, die wohl alle ein bisschen zuviel Glühwein und/oder Eierpunsch und/oder Vodka und/oder «Haschischzigaretten» erwischt hatten.

Und René entlud in der Konsequenz seinen mit Burger-King-Brei gefüllten Magen dekorativ an die dem Bahnhofquai zugewandte Seite der Bahnhofshalle. Seine Freunde waren so nett und hielten dieses schöne Ereignis grölend mit ihren Handys fest. Herzige Jugend.

Nach 20 Minuten war ich reichlich desillusioniert und unverzaubert-möglichst. Wollte mich gerade mit hängendem Kopf zum Tram aufmachen, da sah ich eine Gruppe etwa 4- bis 5-jähriger Kinder vor dem riesigen, glitzernden Weihnachtsbaum stehen.

Und da war er wieder, der Zauber. Mit offenen kleinen Mündern standen sie da, die Zwerge, und zeigten einander die ihrer Meinung nach schönsten Funkelsteinchen. Die Magie dieses Anblicks war so ansteckend, dass ich mich dabei ertappte, wie ich laut «Jöö nei!» sagte.

Und das, meine Lieben, war den ganzen Trubel fürschi und hinderschi Wert! Sogar am Weihnachtsmarkt am HB.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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