Die Beschneidung der jüdischen Babys ist ein fragwürdiges Ritual
Religionen und Glaubensgemeinschaften leben von Traditionen, Ritualen und Zeremonien. Diese spirituellen Disziplinen sorgen für intensive emotionale Erlebnisse und fördern den Zusammenhalt und vor allem die Bindung an die Gemeinschaft.
Im Extremfall führen sie zu einer Massensuggestion und zur Verstärkung der religiösen Gefühle. Solche Emotionen interpretieren viele Gläubige als Ausdruck der göttlichen Inspiration, der spirituellen Glückseligkeit und der religiösen Wahrhaftigkeit.
Religiöse Versiegelung
Manche Glaubensgemeinschaften praktizieren aber auch schmerzhafte Rituale, die wie eine religiöse Versiegelung wirken und eine körperliche Markierung bedeuten. So ahmen Mitglieder der radikalen katholischen Gemeinschaft Opus Dei mit Geisselungen, einem dornenbehafteten Bussgürtel und anderen körperlichen Kasteiungen das Leiden von Jesus nach. Und am Karfreitag setzen sich manche Gläubige eine Dornenkrone auf und lassen sich ans Kreuz binden.
Das am weitesten verbreitete schmerzhafte Ritual ist aber die Beschneidung der Knaben im Islam und Judentum. Aktuell geistert das Thema durch die Medien, weil der ehemalige Rabbiner Moshe Friedman eine Strafanzeige wegen der Beschneidung bei der Zürcher Staatsanwaltschaft eingereicht hat. Das ist insofern speziell, als er ein Ritual seiner eigenen Glaubensbrüder anprangert.
Diese haben selbstredend keine Freude an ihrem «Nestbeschmutzer», denn sie schätzen es nicht, wenn öffentlich über das umstrittene Ritual diskutiert wird und weltliche Gerichte sich mit ihren religiösen Praktiken und Lehren befassen. Doch sie sind wie alle Religionsgemeinschaften in die Gesellschaft eingebunden und müssen sich an die Gesetze halten.
Synagogen sind wie christliche Kirchen kein rechtsfreier Raum. Denn es stellt sich die legitime Frage, ob die Beschneidung von Knaben gegen Gesetze und Menschenrechte verstossen. Führen wir uns vorerst das Ritual der Beschneidung vor Augen.
Die Knabenbeschneidung ist bei den Muslimen nur bedingt ein religiöses Ritual. Der Koran erwähnt sie nicht. Trotzdem wird sie oft religiös motiviert. Sie hat aber auch tiefgreifende soziale Aspekte und eine lange Tradition. Was das widersinnige Ritual nicht besser macht.
Anders im Judentum. Im Buch Genesis, das sowohl in der Thora als auch im Alten Testament der Bibel wiedergegeben ist, symbolisiert die Beschneidung das ewige Bundeszeichen und körperliche Merkmal für die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Das Ritual verpflichtet auch zum Gehorsam gegenüber Gott.
In der Genesis sagt Gott zu Abraham: «Dies ist mein Bund zwischen mir und euch und deinen Nachkommen nach dir, den ihr bewahren sollt: Alles, was männlich ist, muss bei euch beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. (…) Ein Unbeschnittener, eine männliche Person, die am Fleisch ihrer Vorhaut nicht beschnitten ist, soll aus ihrem Stammesverband ausgemerzt werden. Er hat meinen Bund gebrochen.» (Gen. 17).
Traditionelles Ritual
Das Ritual wird schon seit dem Altertum praktiziert. Das Christentum befreite sich von der Unsitte, im Judentum und im Islam ist die Beschneidung aber immer noch ein wichtiges Ritual. Schätzungen gehen davon aus, dass auch heute noch weltweit ein Viertel bis ein Drittel der Knaben und Männer beschnitten sind.
Die Juden beschneiden die männlichen Säuglinge bereits acht Tage nach der Geburt. Kurz nach dem Geburtsschock müssen die Babys auch noch die schmerzhafte Prozedur über sich ergehen lassen. Die «Ritualmeister» werden Mohel genannt, das Ritual heisst Brit Mila.
Früher war es ein brutaler Eingriff, der ohne Betäubung durchgeführt wurde. Eine Art Folter am eigenen Kind. Heute wird die Beschneidung bei den Juden meist unter einer lokalen Betäubung durchgeführt.
Das Blut am Penis absaugen
Manche Mohels wenden aber offenbar heute noch ein fragwürdiges Rital an: Sie nehmen den Penis des Säuglings in den Mund und saugen das Blut ab. Diese Tradition ist in doppeltem Sinn bedenklich: Das Absaugen ist eine Grenzüberschreitung und kann Krankheiten übertragen.
Gegen dieses Ritual wehrt sich Moshe Friedman mit seiner Strafanzeige. Der streitbare ehemalige Rabbiner sagt gegenüber CH Media, dass ein Mohel der Zürcher Synagoge Agudas Achim die Beschneidung so ausüben soll. Er soll es dort vor einigen Jahren mehrfach gesehen haben.
Was hingegen noch stärker wiegt: Die Beschneidung verletzt möglicherweise Gesetze, sicher aber Menschen- und Kinderrechte. Es geht primär um die körperliche Unversehrtheit, auf die alle Menschen ein Anrecht haben.
Allenfalls liegt auch eine Körperverletzung, ein Kindsmissbrauch oder ein willkürlicher medizinischer Eingriff vor. Man kann auch darüber diskutieren, ob es sich um eine Verstümmelung handelt, denn die lebenslangen Folgen können erheblich sein, wie sich noch zeigen wird.
Keine gesetzliche Regelung
Trotzdem ist das Ritual in der Schweiz gesetzlich nicht geregelt. Und somit erlaubt. Die Eltern werden lediglich angehalten, ihr Recht zum Wohl des Kindes auszuüben. Ein Hohn. Die schmerzhafte Beschneidung trägt sicher nicht zum Kindswohl bei. Zumindest im körperlichen Sinn nicht. Ob das Ritual die religiöse Entwicklung oder Bindung fördert, ist mehr als fraglich.
Weil die Beschneidung bei uns nicht verboten ist, nimmt auch das Kinderspital Zürich, das sich sonst vorbildlich für das Recht der Kinder einsetzt, die Prozedur nach einer «Einzelfallabwägung» vor. Dabei soll das Kindswohl sorgfältig geprüft werden. Eine schwammige Formulierung. Denn die Folgen sind erst nachweisbar, wenn der beschnittene Knabe erwachsen geworden ist und sich selbst dazu äussern kann.
Es stellt sich die Frage, weshalb die Eltern und Rabbiner nicht warten, bis die Gläubigen volljährig sind und selbst über ihren Körper entscheiden können. Mit der Beschneidung wird den Betroffenen die Selbstbestimmung genommen. Fraglich ist auch, weshalb die Unsitte der Beschneidung toleriert wird, handelt es sich doch um einen medizinisch nicht notwendigen körperlichen Eingriff.
Politik und Justiz tun sich schwer
Die jüdischen Gemeinschaften profitieren dabei von zwei Aspekten. Einerseits tun sich Politik und Justiz schwer, bei religiösen Phänomenen eine klare Haltung einzunehmen. So wird die Religionsfreiheit gelegentlich stärker gewichtet als die Menschenrechte. Deshalb geniessen Religionsgemeinschaften oft einen Sonderstatus und werden zur «heilige Kuh».
Auf der anderen Seite profitieren die jüdischen Gemeinschaften von einem historischen Bonus. Wegen der jahrhundertelangen Verfolgung der Juden, speziell auch wegen ihrer Vernichtung während des Zweiten Weltkrieges, wagen es viele Politiker und Meinungsführerinnen nicht, Missbräuche anzuprangern. Sie befürchten, als Antisemiten gebrandmarkt zu werden. Ein Phänomen, das bei offensichtlichen Grenzüberschreitungen diskutiert und überdacht werden muss.
Ein Beispiel ist die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik orthodoxer Juden im Westjordanland. Aber auch die unverhältnismässige Reaktion der israelischen Regierung auf die zugegebenermassen brutalen Angriffe der Hamas und Hisbollah muss vorurteilsfrei diskutiert werden können.
Dass die Beschneidung auch aus medizinischer Sicht ein Unding ist, hat der Arzt Christoph Kupferschmid vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland schon vor Jahren angemahnt: «Die Beschneidung ist eine Verletzung des Körpers der Kinder, die nicht wieder rückgängig gemacht werden kann», erklärte er. Es bleibe nicht nur eine kleine Narbe zurück, sondern den Knaben würde danach etwas fehlen.
Sind Beschnittene bessere Gläubige?
«Es fehlt Schutz, es fehlt die Empfindsamkeit an seinem Penis.» Verletzt werde aber auch die Seele des Kindes, sagte Kupferschmid. «An intimster, an sensibelster Stelle werden ihm Schmerzen zugeführt, die über Tage anhalten. Die Erwachsenen bestimmen das so, sie halten ihn fest, sie machen ihn willenlos, er muss es über sich ergehen lassen, er versteht es nicht, und es tut noch so lange so weh.»
Das Recht eines Kindes auf einen unversehrten Körper zählt laut Kupferschmid mehr als das Recht der Eltern auf die Erziehung. «Das Selbstbestimmungsrecht des Kindes steht bei uns weit höher als das Bestimmungsrecht der Religionen.» Kupferschmid rief die Ärzte auf, dafür zu sorgen, dass nicht weiter jedes Jahr zigtausende Knaben grundlos verletzt werden. «Manchmal müssen wir den Kollegen in den Arm fallen und ihnen das Messer wegnehmen.»
Zum Schluss stellt sich die religiöse Frage: Was bringt es Gott, wenn Babys beschnitten werden? Macht das unsinnige Ritual die Beschnittenen zu besseren Juden? Zweifel sind angebracht.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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