Ein Land hat besonders viele «Feinde»: Wer am ESC die wenigsten Punkte bekommt
Zum ersten Mal seit 2019 hat die Schweiz den Einzug in den Final des Eurovision Song Contests verpasst. Veronica Fusaro zeigte im zweiten Halbfinal zwar eine mitreissende Performance, ihr Song «Alice» – eine dunkle und explosive Rockhymne – war aber zu wenig ESC-tauglich und so muss die 28-jährige Thunerin vorzeitig zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus Aserbaidschan, Luxemburg, Armenien und Lettland die Heimreise antreten.
Für den erhofften Finaleinzug hätte es aber nicht nur eine Top-Performance und einen starken Song gebraucht, sondern auch eine möglichst grosse Unterstützung der restlichen Teilnehmerländer. Doch auch da stand Fusaro bereits vor ihrem Auftritt auf verlorenem Posten. Zwar ist noch nicht bekannt, wer der Schweizerin die so dringend benötigten Punkte vorenthielt, doch anders als viele andere Länder hat die Schweiz am ESC keine traditionellen Unterstützer.
Nicht einmal unsere Nachbarländer voten regelmässig mit hohen Punktzahlen für uns. Seit Einführung des aktuellen «Douze Points»-System im Jahr 1975 hat die Schweiz von den bis zu 12 möglichen Punkten von Deutschland im Schnitt lediglich 3,5 Zähler erhalten. Von Italien sind es 3,31 Punkte, von Frankreich 2,96 Punkte. Etwas besser schneiden die Österreicher ab, sie schenkten uns bislang immerhin 4,43 Punkte im Schnitt.
Wer bekommt wie viele Punkte?
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Grafik: watson – Quelle:
DatagraverDamit gehört unser östlicher Nachbar bereits zu unseren grössten Unterstützern mit mindestens fünf Punktevergaben. Nur das ehemalige Jugoslawien und Luxemburg haben uns zwischen 1975 und 1992 im Schnitt noch etwas besser bewertet. Rang 4 und 5 belegen die Niederlande und Finnland, dahinter folgen Albanien, Dänemark und Estland. Erst auf Rang 28 folgt Frankreich.
Die grössten «ESC-Freunde»
Andere Länder haben «bessere Freunde». Aserbaidschan und die Türkei bewerten sich beispielsweise traditionell mit der Maximalwertung von 12 Punkten. Auch Griechenland und Zypern, Spanien und Andorra oder Rumänien und Moldau sind sich stets wohl gesinnt. Gegenseitig Punkte schanzen sich auch Serbien und Bosnien sowie Russland und Armenien zu.
Etwas weniger eng, aber immer noch ausgeprägt ist die Bande zwischen den nordischen Ländern Schweden, Norwegen, Dänemark und Island. Schweden erhält von Dänemark im Schnitt beispielsweise 8,6 Punkte und von Norwegen 8,04 Punkte. Die Finnen sind hingegen knausriger: Nur 6,49 Punkte – weniger als von Estland und Island – erhält Schweden im Schnitt von seinem östlichen Nachbar.
Und immer wieder «Zero Points»
Doch wo es Freunde gibt, gibt es auch Feinde – oder einige Länder haben einfach nicht den gleichen Musikgeschmack. So hat Aserbaidschan bislang überhaupt keinen Gefallen an den armenischen Darbietungen gefunden. Bei allen 31 bisherigen Bewertungen kassierten die Armenier von ihrem Nachbarn «Zero Points». Kein Wunder: Nach Kriegen in den 1990er-Jahren und 2020 sowie der aserbaidschanischen Machtübernahme in Bergkarabach 2023 ist das Klima zwischen den beiden Ländern eher frostig.
Wenig Freunde scheint auch Nordmazedonien zu haben. Von Belgien und Spanien hat der Balkanstaat bei 47 Bewertungen noch nie einen Punkt erhalten. Noch öfter – und zwar gleich siebenmal – taucht Montenegro in den Top 20 der Null-Punkte-Liste mit mindestens fünf Bewertungen auf. Neben den beiden Balkanländern haben es auch Kleinstaaten wie San Marino oder Andorra meist schwer. So hat auch die Schweiz Andorra in fünf Anläufen noch nie einen Punkt vergeben.
Die Diaspora befiehlt
Und wen bewertet die Schweiz im Schnitt am besten? Es sind traditionell diejenigen Länder, die eine grosse Diaspora bei uns haben. Mit 6,72 Punkten im Schnitt führt Serbien die Liste an. Es ist keine gegenseitige Liebe: Im Gegenzug erhalten wir von den Serben nur gerade 2,52 Punkte im Schnitt.
Wer vergibt wie viele Punkte?
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Grafik: watson – Quelle:
DatagraverNeben Serbien sind wir auch gegenüber Albanien, Italien, Portugal, Bosnien und der Türkei eher grosszügig. Dahinter folgen Irland, Israel und schliesslich Schweden. Von unseren Nachbarländern vergeben wir am wenigsten Punkte an Österreich, das mit 2,96 Punkten allerdings nur knapp hinter Deutschland (3,13) und Frankreich (3,67) liegt.
Natürlich sagt die Vergangenheit nichts über die Gegenwart aus. Einen ersten Eindruck der «Vetterliwirtschaft» zwischen den einzelnen Teilnehmerländern haben wir wohl schon am Dienstag und Donnerstag in den beiden Halbfinals erlebt. Mit Sicherheit wissen wir dies allerdings noch nicht: Um eine Beeinflussung beim Abstimmverhalten zu vermeiden, wird die Punkteverteilung aus den Semis nämlich erst nach dem Final bekannt gegeben.
Erst am Montag wird also feststehen, wie deutlich oder knapp Fusaro den Final verpasst hat, und wer wem die Punkte für den Sieg oder ein Topresultat zugeschanzt hat. Gemäss den Wettbüros darf sich Finnland derzeit die grössten Hoffnungen auf den Siegerpokal machen. Mit einer Gewinnchance von 42,6 Prozent liegt das Duo Linda Lampenius und Pete Parkkonen mit ihrem Song «Liekinheitin» deutlich vor Australien, Griechenland und Israel.
