Ein unsichtbarer Kampf schwächt die Schweizer Geschäfte
Wie Millionen von Konsumentinnen und Konsumenten warst auch du schon nur zwei Klicks davon entfernt, einen Online-Kauf abzuschliessen. Alles ist da: ein verlockendes Produkt, ein unschlagbarer Preis, eine schnelle Lieferung. In wenigen Sekunden ist der Deal abgeschlossen. Eine einfache, fast beiläufige Geste – doch dahinter verbirgt sich ein stiller Preis, den unsere Wirtschaft nach und nach zu zahlen beginnt.
Es wäre zu einfach, den Online-Handel als den alleinigen Schuldigen zu bezeichnen. Das ist er nicht. Im Gegenteil: Er stellt eine enorme Chance dar in einer Welt, in der sich das Konsumverhalten tiefgreifend verändert hat, in der der Klick zum Reflex geworden ist und die Lieferung zur Selbstverständlichkeit.
Röstibrücke
Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Ein besorgniserregender Anstieg ausländischer Websites
Die Zahlen sprechen für sich. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Schweizer Online-Handelsmarkt verdoppelt. 2025 wird er 15.8 Milliarden Franken erreichen, was einem Anstieg von 6 Prozent innerhalb eines Jahres entspricht. Davon entfallen 13 Milliarden auf Käufe bei Schweizer Anbietern, während 2.8 Milliarden aus direkten Bestellungen im Ausland stammen.
Auf den ersten Blick scheint das Gleichgewicht gewahrt zu sein. In Wirklichkeit ist es jedoch brüchig. Geleitet von unschlagbaren Preisen, nehmen die Einkäufe im Ausland weiterhin zu (+8 Prozent im Jahr 2025), nach einem Anstieg von 18 Prozent aus dem Jahr 2024. Gleichzeitig wachsen die Schweizer Plattformen bescheidener, mit einer Zunahme von nur 6 Prozent.
In dieser Landschaft, in der ausländische Riesen allmählich an Boden gewinnen, betrachten heute mehr als 60 % der Schweizer Geschäfte ihre Entwicklung als besorgniserregend oder sehr besorgniserregend. Eine Sorge, die umso verständlicher ist, da fast zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer bereits auf ausländischen Plattformen, insbesondere chinesischen, bestellt haben.
Der Verlust der Menschlichkeit
Jenseits dieser Zahlen vollzieht sich eine weitere, subtilere Transformation. Sie betrifft das Wesen des Handels selbst: die menschliche Beziehung. Auch hier müssen unsere Unternehmen die Folgen tragen!
Tatsächlich stösst ein kleines oder mittelständisches Unternehmen, das als Lieferant versucht, Kontakt mit einer internationalen Plattform aufzunehmen, häufig auf eine generische Adresse. Die Antwort kommt in der Regel einige Tage später, standardisiert, unpersönlich, unterzeichnet mit einem gesichtslosen Vornamen und verschickt von einer E-Mail-Adresse, die keinen Austausch ermöglicht. In diesem Umfeld, in dem der Dialog dort endet, wo er beginnen sollte, wird alles von Algorithmen gesteuert. Entscheidungen werden nicht mehr diskutiert, sie werden durchgesetzt. Bestellungen, die manchmal unlogisch erscheinen, müssen ausgeführt werden.
Stattdessen fallen Sanktionen mit automatisch erhöhten Rabattwerten an. Was den Kundenservice betrifft, ist es ebenso. Jeglicher menschliche Kontakt ist ausgeschlossen.
Äusserst ungleiche Bedingungen
Zu diesem ersten Bruch kommt ein zweiter, ebenso entscheidender: die logistischen Bedingungen, insbesondere die Versandkosten. Vor Ort ist die Ungleichheit offensichtlich. Heute gibt ein Schweizer Händler im Durchschnitt 8.50 Franken aus, um ein Paket von 501 Gramm zu versenden. Gleichzeitig kann ein ausländischer Absender ein schwereres und grösseres Paket zu deutlich geringeren Kosten verschicken.
Das Paradox ist brutal: Es kostet manchmal viel weniger, ein Produkt aus der anderen Ecke der Welt zu importieren, als es aus der Strasse nebenan zu verschicken. Hinzu kommt ein weitreichendes Phänomen, das die Sicherheit der Verbraucher betrifft. Tatsächlich kommen täglich fast 500'000 kleine Pakete aus China in die Schweiz, was einen Strom bildet, der die Kapazitäten der Zollbehörden unter Druck setzt.
In diesem Volumen zirkulieren Produkte, die nicht immer den Anforderungen entsprechen, die an Schweizer Unternehmen gestellt werden, was eine Wettbewerbsverzerrung verstärkt, die ebenso real wie schädlich für die lokale Wirtschaft ist.
Die Bedeutung der Verbraucherentscheidung
Angesichts dieser Realität ist eine Reaktion erforderlich. Nicht um den Wettbewerb zu bremsen, sondern um ihn fair zu gestalten. In dieser Perspektive hat die politische Welt begonnen, zu handeln. Kürzlich hat der Ständerat zwei Motionen verabschiedet, die darauf abzielen, einen gesunden Wettbewerb aufrechtzuerhalten, indem die Qualitätskontrollen für kleine Pakete aus Asien verstärkt und die Vorteile bei den Versandkosten abgeschafft werden.
Der Ball liegt nun im Spielfeld des Nationalrates, wo parallel dazu ähnliche Motionen eingereicht wurden. Das Ziel ist klar: faire Wettbewerbsbedingungen wiederherstellen, die Sicherheit der Verbraucher garantieren und Vorteile beenden, die kaum gerechtfertigt werden können.
Es bleibt eine oft vergessene Wahrheit: Die Macht liegt nicht nur in politischen Entscheidungen. Sie wird auch täglich durch unsere Konsumentscheidungen ausgeübt. Auf einer Plattform mit niedrigen Preisen zu kaufen, bedeutet, ein Modell zu unterstützen, in dem der Preis die Qualität, die Nähe und die Verantwortung verdrängt.
Im Gegensatz dazu bedeutet die Wahl eines lokalen Anbieters, eine Wirtschaft zu unterstützen, Arbeitsplätze zu erhalten und ein lebendiges soziales Gefüge zu bewahren. Die Frage geht über die rein wirtschaftliche Ebene hinaus. Sie ist zutiefst gesellschaftlich. In dieser Perspektive ist die wahre Frage nicht, wie viel ein Produkt kostet. Was wirklich zählt, ist der Preis des Modells, das wir uns entscheiden zu unterstützen.
Die Antwort liegt bei jeder und jedem selbst, doch sie beruht auf einer einfachen Erkenntnis: Der niedrigste Preis ist nicht zwangsläufig der vorteilhafteste – weder für den Konsumenten noch für die Gesellschaft.
Seit 2015 ist er Präsident des Verbands der Unternehmen der Romandie (FER), der über 47'000 Mitglieder in den Kantonen Genf, Wallis, Freiburg, Neuenburg und Jura zählt. Zudem ist er Vizepräsident der CIEPP, einer gemeinnützigen Vorsorgeeinrichtung mit fast 50'000 Mitgliedern.
