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Une eleve de 6e primaire de la classe de la maitresse d'ecole Elodie F. leve le doigt, lors de la rentree scolaire de l'ecole primaire de Secheron, ce lundi 25 aout 2014 a Geneve. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Eine Genfer Schülerin meldet sich an ihrem ersten Schultag im August 2014.   Bild: KEYSTONE

Interview zum Lehrerpranger der SVP

«Das Problem ist nicht, dass es zu viele politische Lehrer gibt. Es gibt zu viele apolitische Lehrer»

Albert Arnold, der politischste Lehrer der Schweiz, äussert sich zum Lehrerpranger der JSVP. Ein Gespräch über politische Provokation, das Jahr 1936 und Chicken Nuggets. 



Herr Arnold, die JSVP ruft Schüler und Bevölkerung auf, Lehrer zu melden, die in der Schule politische Propaganda betreiben. Was war Ihre erste Reaktion auf die Idee? 
Albert Arnold: Es geht den Jungpolitikern vermutlich in erster Linie um Provokation und Medienaufmerksamkeit. Was den Initianten vermutlich nicht bewusst ist, ist die heikle historische Dimension der Aktion. Ähnliche Vorgänge kennen wir aus der Geschichte. Das ist auch das erste, was mir in den Sinn gekommen ist. Stichwort: «Meldet die Juden». Insofern hatten die Erfinder der Plattform vermutlich eher zuwenig politische Bildung mit auf den Weg gekriegt, als zu viel. Egal aus welcher Perspektive. 

Aber die Behauptung, es gäbe keine politische Beeinflussung an den Schulen, stellen Sie ja hoffentlich nicht auf. Ich hatte einen Kommunisten als Geschichtslehrer. Wenn er sich über irgendwelche Kreise aufregte, sagte er immer: «Ich weiss, ich darf das nicht sagen, aber EIN BISSCHEN RÄTEREPUBLIK WÜRDE DENEN GANZ GUT TUN!» 
Natürlich gibt es vereinzelt Lehrer, die missionieren. Aber nicht nur im politischen Bereich. Ich ging auf eine stockkatholische Schule im Kanton Luzern und musste jeden Morgen das Vater Unser runterbeten. Trotzdem bin ich heute in keiner Kirche mehr. Primarschülerinnen und Schüler sind für politische Beeinflussung kaum empfänglich. Man kann denen aber einen Film über eine Pouletfabrik zeigen, dann essen die nachher drei Wochen lang keine Chicken Nuggets mehr. Aber auch dieser Effekt hält nicht für immer an. 

Lehrerpranger

Die Junge SVP (JSVP) hat eine Webseite aufgeschaltet, auf der Schüler und die Bevölkerung Lehrer melden können, die in der Schule mit «politisch motivierter Indoktrinationsversuchen» auffallen. Die eingehenden Meldungen würden überprüft und das Gespräch mit den betreffenden Lehrern gesucht. 

Albert Arnold

Der ehemalige Primarlehrer und Schulleiter aus dem Kanton Solothurn ist Leiter des Ressorts Politik und Kantonale Verbände im Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH). In dieser Funktion ist er für das politische Lobbying der Schulleiter und deren Kontaktpflege mit den nationalen und kantonalen Bildungsgremien zuständig. 

«Man kann Primarschülern einen Film über eine Pouletfabrik zeigen, dann essen die nachher drei Wochen lang keine Chicken Nuggets mehr.»

Aber an den Gymnasien sieht das anders aus. Unser Geschichtslehrer sagte einmal, als wir ihn darauf ansprachen, was er von jedem einzelnen von uns im Kampf für die internationale Linke erwarte: «Es geht mir nicht um jeden einzelnen von euch, es geht mir um die Masse.» 
War er erfolgreich? Sind Sie und Ihre Schulkameraden alles brave Kommunisten geworden? 

Bild

Albert Arnold, Leiter Ressort Politik im VSLCH. zvg

Nein. Aber in der Finanzbranche arbeitet auch keiner, soviel ich weiss.
Nun, wenn die Befürchtungen der JSVP zuträfen, dass eine Verschwörung linker 68er-Lehrer sämtliche Schüler politisch links indoktriniere, dann hätten wir heute ein sozialistisches Regime in der Schweiz und nicht eines, das von der SVP vor sich her getrieben wird. Dieser Umstand ist vermutlich auch ein Grund dafür, dass sich die JSVP legitimiert sieht, mit Schulleitungen über die Leistungen ihrer Lehrer zu verhandeln. Das ist geradezu absurd. 

Warum? Vielleicht ist der eine oder andere Schulleiter froh über Hinweise? 
Beileibe nicht. Die Schulleiter wissen über Kritik an ihren Lehrern garantiert besser Bescheid als irgendeine Internetplattform. Ich komme aus einer Lehrerfamilie und kann relativ weit zurückblicken. Wenn der Lehrer vor 60 Jahren in die Beiz kam, dann verstummte der Stammtisch und grüsste. Heutzutage melden sich Eltern, die mit den Ansichten, den Leistungen der Lehrer oder deren Beurteilung ihrer Kinder nicht zufrieden sind, sofort beim Schulleiter, um sich über den unliebsamen Lehrer zu beklagen. Und in drei von zehn solchen Fällen, in denen man die Anliegen der Eltern abschmettert, kriegt man einen Tag später einen Anruf von einem Juristen. 

«Denn das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass es zu viele politische Lehrer gibt. Es gibt zu viele apolitische Lehrer.»

Kommt das häufig vor, dass sich Eltern wegen politischer Meinungsäusserungen der Lehrer melden? 
Nein. Denn das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass es zu viele politische Lehrer gibt. Es gibt zu viele apolitische Lehrer. Dabei gehörten, insbesondere an den Gymnasien, Kontroversen und Auseinandersetzungen über verschiedene Weltbilder und Werte dazu. Gymnasiasten, junge Menschen, die auf der grossen weltanschaulichen Suche sind, sollen in der Schule mit diesem Wettstreit der Ideen konfrontiert werden, im Sinne einer Initialzündung für die Politisierung. 

Sollen «linke» Lehrer gemeldet werden, wie die JSVP fordert?

Räterepublik in der Schule? 
Das schadet überhaupt nichts, denn die politischen Ansichten sind in der Biographie eines Menschen nie in Stein gemeisselt, sondern ändern sich mit dem Alter und den Lebensumständen. Klar ist es Aufgabe der Schulleitung, die Grenzen zu setzen und linke und rechte Extreme zurückzubinden. 

Trotzdem ist es unfair, als Lehrer auf die eine oder andere politische Seite im Unterricht mehr Gewicht zu legen. Besonders, wenn es nicht deklariert ist. 
Ja, aber wie gesagt: Das ist kein Problem, das zur Versozialisierung der Schweiz führt, wie von gewissen Kreisen befürchtet. Wenn Lehrpersonen im Unterricht offen politisch oder religiös missionieren, dann kostet sie das früher oder später ganz einfach die Stelle. Und das wissen die Lehrpersonen auch. 

«Wenn Lehrpersonen im Unterricht offen politisch oder religiös missionieren, dann kostet sie das früher oder später ganz einfach die Stelle.»

Mussten Sie jemals jemanden aus solchen Gründen entlassen? 
Nein, aber ich weiss von vereinzelten Fällen, in denen das nötig war. Aber ich sage es nochmal: Wenn Lehrer politisch dermassen aktiv wären, dann hätten sie eine viel grössere Lobby und viel mehr Vertreter in den Parlamenten, die ein Bildungssparprogramm nach dem anderen absegnen würden. Und das ist nicht der Fall. Wenn Schulleiter oder Rektoren in Parteien und politisch für diese aktiv sind, dann habe und hatte ich persönlich nie ein Problem damit. 

Warum nicht? 
Weil ich immer gesehen habe, dass sich diese Leute im Unterricht noch weniger exponieren können, als solche, die nicht offen politisch tätig sind. Sie verhalten sich im Unterricht absolut professionell.  

«Man müsste dann als Schulleiter vielleicht auch über den selbstentworfenen Lehrplan von Herrn Schlüer diskutieren?»

Zurück zur Plattform: Was empfehlen Sie Schulleitern, die von der JSVP kontaktiert werden zwecks eines Qualifikationsgesprächs mit einem ihrer Lehrer?
(Lacht) Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich würde antworten: «Sehr geehrte Damen und Herren, die Lehrer an unserer Schule unterrichten nach geltendem Lehrplan. Mit freundlichen Grüssen.»

Nichts weiter? 
Nein. Qualifikationsgespräche sind immer noch Sache der Schulleiter. Wo soll man sonst die Grenze ziehen? Man müsste dann als Schulleiter vielleicht auch über den selbstentworfenen Lehrplan von Herrn Schlüer diskutieren? Der ist grossartig. Für das Jahr 1936. Man müsste dann mit Kreationisten über den Biologieunterricht diskutieren. Das ist wirklich nicht der Job des Schulleiters. 

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