Ihr härtester Kampf: Wie ukrainische Veteranen neuen Mut schöpfen
Die Zahl der Kriegsveteranen ist in der Ukraine bereits nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbas ab 2014 laufend gestiegen. Mit Beginn des russischen Grossangriffes vor vier Jahren stieg sie sprunghaft an. Gemäss Zahlen von September 2025 waren 1,3 Millionen Ukrainer offiziell als Veteranen gemeldet.
Zehn Prozent der ukrainischen Kriegsveteranen haben wegen ihres Einsatzes eine Behinderung. Wie viele aktuell auf Stellensuche sind, wird nicht erhoben. Es dürften mehrere zehntausend Personen sein. Bei Befragungen von Betroffen zeigt sich, dass die Arbeitslosigkeit unter ihnen deutlich höher ist als im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt der Ukraine.
Doch bei all dem Leid gibt es auch Hoffnung, wie die Geschichte von Oleksij und Wolodymyr zeigt.
Der Bergmann, der sich nicht unterkriegen lässt
Oleksij Gryscha
Auf dem schwarzen Kapuzenpullover von Oleksij steht in weissen Buchstaben: «Fürs Lernen ist es nie zu spät». Im Arbeitsamt von Boryspil, einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, bekommt Oleksij Unterstützung bei der Arbeitssuche und bei der Weiterbildung.
Beraten wird er von Iryna Gopkalo. Die 25-jährige ausgebildete Juristin arbeitet für den Dienst für Beschäftigung und steht Oleksij bei der Jobsuche zur Seite. Sie hat eine Weiterbildung besucht und gelernt, wie sie auf Veteranen und Menschen mit Behinderungen während der Jobsuche eingehen kann.
Finanziert wurde diese Weiterbildung von der Schweizer Non-Profit-Organisation Helvetas. Die Ausbildung habe ihr sehr viel gebracht, erzählt Iryna Gopkalo:
Noch bevor ich Oleksij die erste Frage stellen kann, scherzt er: «Hauptsache, die Aufschrift auf meinem Pullover ist gut lesbar». Humor hilft dem 38-Jährigen im Umgang mit seiner schwierigen Situation: Der Krieg hat Oleksij sein Zuhause und seine Arbeit genommen. «Ich habe während mehr als sieben Jahr als Bergarbeiter in Kohlebergwerken im Donbas gearbeitet.»
Der Ukrainer rührt mit dem kleinen Löffel in der filigranen Porzellantasse vor ihm und erzählt: «Ich kann nicht mehr in meinen alten Job zurück. Die Kohleminen liegen alle in der Region Donezk.»
Verletzung mit Folgen
Die Region Donezk wird zu grossen Teilen von der russischen Armee kontrolliert. Donald Trump setzt die Ukraine unter Druck, dieses Gebiet an Russland abzutreten. Auch unabhängig davon, wer das Gebiet in Zukunft kontrollieren wird, ist eine Rückkehr unter Tage für Oleksij ausgeschlossen: «Mit meiner Gesundheit lässt es sich nicht mehr im Stollen arbeiten. Bei meiner Einstufung ist die Arbeit in Bergwerken gar verboten.»
Oleksij spricht die Invaliditätsstufe 2 an, die ihm nach seiner Verwundung an der Front attestiert wurde. Seit dem dritten Tag des russischen Angriffskrieges hat Oleksij als Soldat in der ukrainischen Armee gekämpft. Nach einem knappen Jahr – ausgerechnet am Valentinstag – nahm sein Dienst ein jähes Ende: «Ich bin am rechten Bein, aber auch an inneren Organen schwer verletzt worden.»
Sein Blick schweift in die Ferne.
Ein halbes Jahr war Oleksij in der Rehabilitation, danach hat er Schritt für Schritt versucht, Fuss zu fassen im zivilen Leben. Die erste Arbeitsstelle, die ihm vermittelt werden konnte, musste er in der Zwischenzeit wieder aufgeben. Die Arbeit bei der ukrainischen Post war mit den schweren Paketen eine zu grosse Belastung für den kriegsgeschundenen Körper.
In enger Zusammenarbeit mit ukrainischen Hilfsorganisationen und lokalen Behörden engagiert sich Helvetas auch im Wiederaufbau von Wohnraum und lebenswichtiger staatlicher Infrastruktur – etwa der Wasserversorgung. Gleichzeitig unterstützt die Schweizer Organisation ukrainische KMUs und hilft Menschen dabei, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
Helvetas fördert gemeinsam mit dem ukrainischen Arbeitsamt und dem Arbeitgeberverband die bessere Integration von Veteranen, Menschen mit Behinderung und aus ihrer Heimat Vertriebenen in den Arbeitsmarkt. Im Jahr 2025 hat der Dienst für die Beschäftigung – das ukrainische Pendant zum Schweizer RAV – insgesamt 18’000 Veteranen beraten, davon konnten 4000 eine neue Stelle vermittelt werden.
Neu arbeitet Helvetas in einem Projekt des SECO mit der Schweizer Firma Divario zusammen, um vom Krieg betroffene Menschen in Not mit ökologisch nachhaltigen Modulhäusern zu unterstützen.
Zukunftswünsche
Eines der Kriterien für die Invaliditätsstufe 2 ist die körperlich starke Einschränkung im Alltag und im Beruf. Diese bleibenden Einschränkungen zu akzeptieren, ist eine der schwierigsten Herausforderungen für Veteranen bei der Rückkehr in den Alltag fern der Front.
Die Gesundheit ist für Oleksij das grösste Hindernis, wieder Fuss zu fassen. Damit ist er nicht allein:
Auf die Frage, welche Arbeit er sich denn wünschen würde, zögert Oleksij und sagt dann:
Kriegsveteranen sind gefragt für den Beruf des Fernfahrers, denn ihr Status gibt ihnen die Möglichkeit, die Grenze der Ukraine legal zu überqueren. Dies vereinfacht Transportunternehmen die Arbeit ungemein, da es ansonsten für Männer im wehrpflichtigen Alter eine Sondergenehmigung braucht, damit diese die Landesgrenzen überqueren dürfen.
Das Interview mit Oleksij:
Langfristig sieht sich Oleksij jedoch nicht als Lastwagenfahrer, weswegen er jetzt das Programmieren lernt. «Ich hoffe, dass ich in Zukunft in diesem Bereich arbeiten kann.» Während er noch eine neue Arbeit sucht, hat er zumindest ein neues Zuhause im Vorort der ukrainischen Hauptstadt gefunden. 600 Kilometer westlich von seinem Heimatort. Die Wege, die ukrainische Veteranen überwinden müssen, sind weit.
Vom Kriegsgefangenen zum Unternehmer
Wolodymyr Ljach
Wolodymyr gehörte zu den Veteranen der allerersten Schlacht zwischen ukrainischen und russischen Truppen. Er ist einer von mehreren tausend Soldaten, die im August 2014 in Ilowajsk von der russischen Armee eingekesselt wurden. Wladimir Putin nutzte sie als Geiseln, um die Ukraine bei diplomatischen Gesprächen zu Zugeständnissen zu zwingen. Seither steht der Name Ilowajsk in der Ukraine für eine der schmerzhaftesten Niederlagen der ukrainischen Armee.
Wolodymyr wurde verwundet und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Er sagt:
Während mehrerer Wochen war Wolodymyr in Gefangenschaft in Donezk gefoltert worden. Innerhalb weniger Wochen verlor er 30 Kilogramm an Gewicht. Seine Eltern dachten, ihr Sohn sei in Ilowajsk gefallen, als sie nichts mehr von ihm hörten. Die schlimmsten Befürchtungen sollten sich jedoch nicht bewahrheiten. Wolodymyr kam bei einem Gefangenenaustausch frei und konnte in seine Heimatstadt Charkiw zurückkehren.
Weg in die Selbstständigkeit
Der Krieg hat jedoch Spuren bei Wolodymyr hinterlassen, im Sommer 2015 musste er die Armee wegen der körperlichen Langzeitschäden der Folter verlassen. Er versuchte wieder in seinen ursprünglichen Beruf als Fahrer von Metrozügen einzusteigen, doch höllische Rückenschmerzen machten ihm dies unmöglich.
Wolodymyr musste sich neu orientieren und fand eine Arbeit in einem Unternehmen, welches Sicherheitssysteme – wie etwa Überwachungsvideokameras – verkauft, installiert und wartet.
Im Unternehmen stieg Wolodymyr Ljach schnell auf, bis hin zum Direktor der Niederlassung in Charkiw. Doch mit Ausbruch des russischen Angriffskrieges zog sich das Unternehmen aus Charkiw nach Kyjiw zurück und Wolodymyr verlor seine Arbeit, weswegen er sich 2023 entschied, sich selbstständig zu machen mit einem Unternehmen in derselben Sparte.
Um sich auf diesen grossen Schritt vorzubereiten, besuchte Wolodymyr Kurse bei einer Organisation für private Unternehmer in Charkiw. Diese Organisation arbeitet seit vielen Jahren eng mit der Schweizer NGO Helvetas zusammen und führt Schulungen in den Büroräumen der Hilfsorganisation durch. Er erzählt:
Mit der Unterstützung konnte er beispielsweise Praktikanten beschäftigen und ausbilden. 163 Unternehmerinnen und Unternehmer haben in der Ukraine von diesem Programm profitiert. Finanziert wird das «Ukraine Economic Resilience Programme» von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, die dem Schweizer Aussenministerium unterstellt ist.
Verständnis ohne Worte
In der schwierigen Zeit nach seiner Rückkehr von der Front fand Wolodymyr neben einer beruflichen Neuausrichtung im Fussball einen neuen Sinn für sein Leben. Er fing an, mit anderen Veteranen Fussball zu spielen, allen gesundheitlichen Schwierigkeiten nach der Verletzung und der Kriegsgefangenschaft zum Trotz. Der 36-Jährige ist von der positiven Wirkung des Sports überzeugt:
Seine eigene Erfahrung hat ihn dazu bewegt, mit einem Bekannten 2025 eine Fussballmannschaft zu gründen für jene, die aufgrund einer Kriegsverletzung einen Arm oder ein Bein amputieren mussten. Sie nennen sich «Die Ungebrochenen» und trainieren einmal pro Woche in Charkiw. Die Aufgabe des Torwarts übernehmen jene, die nur noch einen Arm haben. Wer Teile eines Beines verloren hat, rennt mit Krücken dem Ball auf dem Spielfeld hinterher.
Von der Halle, in der die Männer trainieren, bis zur Front im Norden von Charkiw sind es gerade einmal 35 Kilometer. Die Männer sind konzentriert beim Training. Es ist augenfällig, dass es hier um mehr geht als nur um ein Spiel. Die Männer finden hier nicht nur Ablenkung, sondern auch Verständnis, das es andernorts so nicht gibt.
Wolodymyr beschreibt die besondere Bedeutung der Mannschaft: «Der Krieg ist etwas, das für das ganze Leben im Gedächtnis bleibt.» Über den Krieg zu sprechen – besonders mit seinen Kindern oder der Frau – wolle man oft nicht. Denn:
Schicksalsgemeinschaft
Die Halle ist klein und von kalten Neonlampen ausgeleuchtet. Die Anweisungen des Trainers Oleksandr Tebenkow hallen als lautes Echo von den Wänden. «Es ist ihm nicht anzusehen, aber er hat zwei Beinprothesen», sagt Wolodymyr und zeigt auf seinen Kameraden. Bei Kämpfen an der Front im Südosten des Landes wurde der 27-jährige Oleksandr so schwer verwundet, dass es für keines seiner Beine noch eine Rettung gab.
Gemäss den Regeln im Amputiertenfussball kann er nicht als Spieler in der Mannschaft mitmachen. Er hat jetzt seine Berufung als Trainer gefunden. Die Männer sind unterschiedlichsten Alters, die meisten von ihnen Veteranen, ihre Lebensläufe hören sich alle ähnlich tragisch an. «Wurde während eines Kampfeinsatzes verletzt», oder «erlitt durch eine Minenexplosion infolge einer Fernverminung eine Verletzung».
Der Jüngste der Mannschaft, Artur Petruschyn, ist kein Veteran, sondern ein Zivilist und gerade einmal 17 Jahre alt. Er wurde bei einem Luftangriff der russischen Armee auf die Stadt Charkiw im Mai 2024 verletzt, ausgerechnet während eines Fussballspiels mit Schulfreunden. Artur Petruschyn spielt mit den Männern im Team auf Augenhöhe. Jeder in dieser Halle hat seinen eigenen Kampf zurück ins Leben ausgestanden.
Wolodymyr hat es sich zur Aufgabe gemacht, weitere Kriegsverletzte für den Sport zu begeistern. «Ich fahre zu den Leuten nach Hause, spreche mit ihnen. Man muss sich um jeden bemühen.»
Er hat an der Front und in Gefangenschaft gelernt, nicht aufzugeben, gerade in der schwierigsten Stunde.
Das Interview mit Wolodymyr:
Die Reporterin
Die Journalistin Luzia Tschirky, Jahrgang 1990, berichtete ab 2019 als Korrespondentin für das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) aus Russland und anderen postsowjetischen Ländern. Mit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine wurde sie zur Kriegsreporterin.
2023 machte sie sich beruflich unabhängig und veröffentlichte ihr erstes Buch. Als Expertin für die Ukraine, Russland, Belarus und den russischen Angriffskrieg hält sie auch Referate für Schulen, Behörden, Unternehmen und Vereine. Und sie betreibt einen eigenen Podcast.
Luzia Tschirkys jüngste Ukraine-Reise wurde durch die Hilfsorganisation Helvetas ermöglicht.
