«Das ist Putins grösste Angst»: Russland-Experte sagt, was im Ukraine-Krieg Hoffnung macht
Herr Schmid, der russische Krieg gegen die Ukraine geht ins fünfte Jahr. Wer ist aktuell im Vorteil, die Russen oder die Ukrainer?
Ulrich Schmid: Im Moment sieht es so aus, dass die Ukrainer wieder einen leichten Vorteil haben. Das hat damit zu tun, dass Elon Musk die Russen von seinem Satellitensystem Starlink ausgeschlossen hat. Das war eine direkte Anfrage des neuen, sehr jungen ukrainischen Verteidigungsministers Mykhaylo Fedorow, der aus der Tech-Branche kommt und offensichtlich einen guten Draht zu Elon Musk hat.
Die Ukrainer konnten deshalb einen grösseren Landstrich zurückerobern. Wie wichtig war dieser Erfolg?
Es ist kein «Game Changer», aber doch ein erheblicher Bremsklotz für die Russen. Die Ukrainer haben Gebiete zurückerobert in der Grössenordnung von etwa 200 Quadratkilometern. Das ist zwar nicht wahnsinnig viel, lässt aber das Pendel leicht zugunsten der Ukraine ausschlagen.
Wie stabil ist Russlands Wirtschaft nach 4 Jahren Krieg?
Die offiziellen Zahlen der Zentralbank sehen relativ gut aus. Die Inflation soll demnach bei sechs Prozent liegen. In Wahrheit sieht es natürlich anders aus. Wirtschaftsexperten vermuten, dass die tatsächliche Inflation in Russland mindestens doppelt so hoch ist – und mittlerweile auch bei den Konsumenten angekommen ist.
Wie wirkt sich das aus?
Die Lebensmittelpreise steigen stark. Ausserdem sind Hypotheken in Russland extrem teuer geworden. Die Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten, an Kredite zu kommen. Insgesamt steht die russische Wirtschaft vor grossen Problemen.
Wie lang machen die Russen das noch mit?
An beiden Enden der russischen Gesellschaft gibt es etwa 15 Prozent, die den Krieg vehement unterstützen oder für eine Beendigung der Militäraktion sind. Dazwischen ist eine grosse graue Menge, die leicht beeinflussbar ist. Die russische Gesellschaft ist sehr atomisiert, alle Strukturen einer politischen Opposition sind gründlich zerschlagen. Widerstand ist von der russischen Gesellschaft in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.
Ist Russlands Armee heute stärker oder schwächer aufgestellt als beim Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren?
Der Charakter des Kriegs hat sich natürlich geändert. Am Anfang hat Putin etwa Luftlandetruppen und leichte Polizeieinheiten in die Ukraine geschickt, weil er fälschlicherweise davon ausging, dass die Russen als Befreier-Armee begrüsst würde. Mittlerweile hat Putin ein ähnliches Problem wie die Ukraine: Er kann nicht genügend Leute rekrutieren für diese Militäraktion, die ja immer noch kein offizieller Krieg ist. Russland hat der Ukraine den Krieg bis heute nicht erklärt. Es ist für Putin schwierig, Soldaten zu finden, die er in den Fleischwolf in der Ukraine schicken kann. Ähnlich ergeht es den Ukrainern. Der neue Verteidigungsminister hat bei seinem Amtsantritt kritisiert, dass es zwei Millionen Männer im Land gebe, die sich dem Kriegsdienst entziehen. Dazu kämen 200'000 Deserteure. Russland intensiviert derweil die kriegsverbrecherische Angriffstaktik auf die ukrainischen Energieanlagen.
Wie lange kann Putin diesen Krieg noch finanzieren und militärisch durchhalten?
Putin hat leider noch relativ viel Geld in der Kasse. Die Zentralbankreserven liegen bei rund 800 Milliarden Dollar – auf etwa die Hälfte kann er wegen Blockaden im Ausland nicht zugreifen. Gleichzeitig ist der Goldpreis stark gestiegen, und die russische Zentralbank hält bedeutende Goldbestände. Auf dem Papier hat Putin also noch eine Kriegskasse.
Heisst das, er kann einfach weitermachen?
Nicht ohne weiteres. Dieses Geld lässt sich nicht beliebig mobilisieren. Man schätzt, dass der Krieg Russland rund 120 Milliarden Dollar pro Jahr kostet. Das ist enorm – und die Budgetsituation wird in Zukunft immer klammer. Europas Käufe von russischem Flüssiggas liefen bisher weiter, sollen aber Anfang 2027 enden. Mittel- und langfristig sieht es eher schlecht aus für Putin – das ist die gute Nachricht für die Ukraine. Die schlechte: Für etwa ein bis eineinhalb Jahre dürfte Putin noch genug Mittel haben, um den Krieg weiterzuführen. Gleichzeitig geraten die russischen Regionen zunehmend unter Druck. Wegen des hohen Leitzinses können sie sich kaum noch refinanzieren.
Russland sitzt inzwischen wieder am Verhandlungstisch, zuletzt in Genf. Was ist Putins Ziel?
Mittlerweile haben alle eingesehen, dass Putin Verhandlungsbereitschaft nur simuliert – ausser möglicherweise Donald Trump. Das zeigte sich spätestens im April 2025. Damals legten die Amerikaner ein ausserordentlich weitgehendes Angebot vor, das Putins damaligen militärischen Möglichkeiten nicht entsprach. Die USA wären bereit gewesen, die Krim als russisch anzuerkennen, die Ukraine auf einen Nichtbeitritt zur NATO zu verpflichten und die faktische Kontrolle Russlands über die besetzten Gebiete in der Ostukraine zu akzeptieren. Es wurde sogar ein Auslaufen von Sanktionen in Aussicht gestellt. Putin hat das abgelehnt.
Was sagt das über seine Absichten?
Es zeigt: Putin wollte selbst dann keinen Deal, als er extrem günstig gewesen wäre. Und dann kam der katastrophal vorbereitete Alaska-Gipfel. Putin bekam hervorragende Bilder. Ihm wurde buchstäblich der rote Teppich ausgerollt. Trump bekam nichts. Fatal war, dass Putin Trump «süsses Gift» ins Ohr träufelte und ihn überredete, keinen Waffenstillstand, sondern gleich einen «dauerhaften Frieden» anzustreben. Wenn man wirklich an Frieden interessiert ist, gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, nicht zuerst auf einen Waffenstillstand zu drängen.
Was müsste passieren, damit Russland tatsächlich einem Frieden zustimmt?
Zwei Faktoren. Erstens: Putin will keinen Frieden. Zweitens: Trump ist offensichtlich unfähig oder nicht willens, die Daumenschrauben wirklich anzuziehen. Das Einzige, was ihn derzeit daran hindert, einen russisch-amerikanischen Diktatfrieden zu installieren, ist innenpolitischer Druck. Ein grosser Teil seiner Wähler fordert einen härteren Kurs gegen Russland – und Trump will die Midterms (Kongresswahlen im Herbst 2026, Anm. d. Red.) gewinnen.
Sind die aktuellen Verhandlungen also Zeitverschwendung?
Die Runde in Genf war eine Seifenblase. Das erkannte man schon daran, dass die russische Delegation vom abgehalfterten Ex-Kulturminister Medinski geführt wurde. Statt substanzieller Gespräche gab es geschichtsphilosophische Vorträge darüber, warum die Ukraine angeblich zu Russland gehöre. Nicht einmal die beiden Verhandlungstage wurden voll ausgeschöpft – die Delegationen reisten mit leeren Händen ab.
Was ist aus ukrainischer Sicht in solchen Gesprächen derzeit realistisch?
Kurzfristig geht es darum, einen Waffenstillstand zu erreichen und den Konflikt einzufrieren. Langfristig darum, die Personalie Putin zu «überwintern». Gleichzeitig muss man Russlands finanzielle Möglichkeiten aushungern. Entscheidend ist dabei nicht Gas, sondern Öl. Der russische Staatshaushalt speist sich vor allem aus Öleinnahmen. Der relativ tiefe Ölpreis ist deshalb eine Gunst der Stunde. Russland ist letztlich ein Petrostaat – wie der verstorbene US-Senator John McCain sagte: «eine Tankstelle, die sich als Staat verkleidet».
Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht mit Blick auf das kommende Kriegsjahr?
Ja. Die wirtschaftliche Situation Russlands wird sich weiter verschlechtern. Der Krieg frisst enorme Summen, während die Einnahmen unter Druck geraten. Das ist auf lange Sicht nicht durchzuhalten. Zweitens deutet sich eine neue ukrainische Politik gegenüber Weissrussland an. Bisher hat Kiew vermieden, offen mit der weissrussischen Opposition zusammenzuarbeiten, aus Angst, Lukaschenko könnte sich militärisch stärker auf Putins Seite schlagen. Dieses Tabu beginnt zu bröckeln. Eine Destabilisierung von Weissrussland wäre ein schwerer Schlag für Moskau.
Ein weiterer potenzieller Schwachpunkt ist Tschetschenien. Der dortige Machthaber Ramsan Kadyrow ist schwer krank, die Nachfolgefrage ungeklärt. Das ist für Putin eine Horrorvision. Seine grösste Angst ist, dass die Russische Föderation zerfällt wie einst die Sowjetunion – und der erste Dominostein wäre Tschetschenien.
Hinzu kommen die wachsenden Fähigkeiten des ukrainischen Geheimdienstes. In den vergangenen Monaten gab es mehrere erfolgreiche Attentate auf russische Militärs sowie Sabotageakte im russischen Hinterland. Die Ukraine trägt den Krieg zunehmend nach Russland hinein, vor allem durch Angriffe auf Raffinerien und die Erdölindustrie. Dort tut es dem Kreml am meisten weh.
Geheimdienste warnten zuletzt vermehrt vor einem möglichen russischen Angriff auf NATO-Staaten in nicht allzu ferner Zukunft. Wie realistisch ist diese Gefahr?
Ich halte dieses Narrativ für problematisch. Es spielt dem Kreml in die Hände. Denn jeder Euro, der in nationale Verteidigungshaushalte fliesst, ist ein Euro, der möglicherweise nicht in die Unterstützung der Ukraine geht. Russland hat derzeit weder die finanziellen noch die militärischen Ressourcen, um einen grossen Angriff auf Westeuropa zu führen. Die eigentliche Gefahr liegt unterhalb der Kriegsschwelle: Destabilisierung, Einflussnahme, Stimmenkauf, politische Manipulation, etwa in Georgien oder Moldau.
Der Krieg wird auch im fünften Jahr nicht enden?
Nein. Solange Putin an der Macht ist, gibt es keine realistischen Anzeichen für ein baldiges Ende.
(aargauerzeitung.ch)
