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Die Hormonspirale Mirena von Bayer ist umstritten.
Die Hormonspirale Mirena von Bayer ist umstritten.
So geht Pharma-Werbung

«Das kann ich voll empfehlen»: Bayer gibt falsche Jubel-Postings für Hormon-Spirale in Auftrag 

Ein Artikel von Infosperber
Infosperber
Viele Frauen informieren sich im Internet über Verhütungsmittel. Der Bayer-Konzern hat für seine Spirale «Mirena» eine PR-Agentur damit beauftragt, positive Erfahrungsberichte ins Netz zu stellen.
13.11.2014, 18:3113.01.2015, 14:08
urs p. gasche / <a href="http://www.infosperber.ch/" target="_blank">infosperber</a>

«Mirena® bietet für die Dauer von 5 Jahren eine äusserst zuverlässige Verhütung ohne dass täglich/wöchentlich/monatlich an die Anwendung eines Verhütungsmittels gedacht oder etwas eingenommen werden muss.»

So wirbt der Pharmakonzern Bayer für seine Hormonspirale Mirena. Kein Wort von teils schwerwiegenden Nebenwirkungen, die in den letzten 14 Jahren bekannt wurden. Der K-Tipp hatte schon 2006 über grössere Probleme berichtet. 

Frauen, die sich unabhängig informieren möchten, konsultieren häufig Erfahrungsberichte anderer Frauen im Internet. Dort finden sich unter andern folgende Einträge von angeblich echten Erfahrungen:

«...also ich hab mir vor einem jahr die hormonspirale mirena einsetzen lassen und ich muss sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin. hatte am anfang angst vor dem einsetzen, doch das war halb so schlimm». 
Olivia 34, psychologie.at
«Ich habe mir die Mirena einsetzen lassen, ist ebenfalls eine Hormonspirale und damit hatte mein Frauenarzt sehr gute Erfahrungen bereits gemacht (…) – das kann ich voll empfehlen.»
«@sporzal: mein tip es könnte auch eventuell nicht von der mirena kommen, sondern eventuell eine Allergie sein, ich hab das leider auch erst mal in vor kurzer zeit festgestellt, ich hatte echt total oft Kopfweh und das ist nicht lustig – das kann ich nachvollziehen». MauMau, hormonspirale-forum.de
MauMau, hormonspirale-forum.de

Die Postings wurden inzwischen aus dem Netz gelöscht.

Mit gefälschten Identitäten gepostet

Die Leserinnen solcher Einträge waren getäuscht worden. Denn sie stammten aus der Küche der Wiener PR-Agentur Mhoch3. Diese hat während vieler Jahre im Internet mit gefälschten Identitäten Postings in Online-Foren veröffentlicht – bezahlt vom Hersteller Bayer. 

In der Anleitung der PR-Agentur für ihre Schreiberlinge steht: 

Mehrere hunderttausend Postings

Im Auftrag von Pharmafirmen, Banken, Automarken, Reisebüros und Parteien hat die PR-Agentur insgesamt mehrere hunderttausend Postings unter falschen Namen veröffentlicht. Das geht aus einer Recherche hervor, die das österreichische Magazin Datum Anfang November mit dem Titel «Die Nestflüsterer» veröffentlicht hat. 

Die NGO Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) prangert diese Werbung in sozialen Netzwerken als «unlauter» an. Jan Pehrke vom CBG-Vorstand fordert strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen bei Bayer: «Unlautere Medikamentenwerbung hat bei Bayer Tradition. Im vorliegenden Fall sollten ganz offensichtlich die Gesetze umgangen werden, denn Werbung für verschreibungspflichtige Präparate wie Mirena ist verboten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Pharmahersteller die Risiken von Medikamenten verharmlosen und schamlos die öffentliche Diskussion manipulieren!».

Anschuldigungen «prüfen»

Bayer Austria erklärte bisher lediglich, sie werde die von Datum erhobenen Anschuldigungen «prüfen». Unter den Stichworten «Mirena», «Mhoch3» oder «Datum» ist auf der Webseite von Bayer über die schweren Vorwürfe nichts zu finden. 

Um das Werbeverbot für Medikamente zu umgehen, betreibt das Unternehmen eigene Webseiten wie Pille.com oder testosteron.de (beide über die Bayer-Tochter Jenapharm), die als «Informationsangebote» getarnt werden.

In der Schweiz ist Werbung für rezeptpflichtige Medikamente wie Mirena ebenfalls verboten. Doch weder Swissmedic noch das Bundesamt für Gesundheit setzen dieses Verbot strikt durch.

Selbst dem Ethikrat der Branche geht's zu weit

Der Österreichische PR-Ethik-Rat verurteilt das Vorgehen der Wiener Agentur scharf und eröffnet ein Verfahren. Der angegebene Grund: «Versuche der Manipulation öffentlicher Meinung durch das verdeckte Auftreten von Unternehmen und Parteien als Konsumenten und Bürger sind mit den ethischen Prinzipien von Public Relations nicht vereinbar und daher strikt abzulehnen.» 

Das Selbstkontrollorgan der Branche verweist auf Prinzip 6 seiner kürzlich veröffentlichten Acht Prinzipien zur Kommunikationsethik in Social Media. Es behandelt das Thema Transparenz im Umgang mit Postings im Internet. Der Rat tritt dafür ein, dass PR-Berater mit «offenem Visier» agieren und ihre Identität und Motive offenlegen.

Transparenzbox
Der Autor Urs P. Gasche vertritt Patientinnen und Konsumenten in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.
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