Grosse Krankenkasse streicht Zahlungen für Rückenweh-Leidende rigoros zusammen
In ihren Unterlagen kürzt sich die Groupe Mutuel gerne selber ab. «GM» heisst es dann jeweils. Doch für viele Therapeutinnen und Kunden dürfte das Akronym derzeit für etwas anderes stehen: Geizt massiv.
Grund dafür ist die Sparpolitik der Krankenkasse mit Sitz in Martigny VS, die sich bei den Leistungskürzungen für medizinische und andere, präventive Therapieformen zeigt. Denn im Dezember hat Groupe Mutuel den Therapeuten ein Schreiben geschickt, in dem die Kasse ihren neusten Sparhammer bekannt gibt. CH Media liegt das Schreiben vor. Betroffen sind Patienten, die zum Beispiel wegen regelmässiger Muskelverspannungen Massagebehandlungen buchen.
Konkret geht es um die Einführung eines neuen Tarifrahmens für Leistungen der Alternativmedizin. «Angesichts der deutlich steigenden Gesundheitskosten verfolgt diese Massnahme das Ziel, eine kontrollierte Kostenentwicklung in den Zusatzversicherungen sicherzustellen und Prämienerhöhungen zu begrenzen», schreibt die Krankenkasse. Deshalb wende man ab dem 10. April neue Regeln an in Bezug auf die Kostenübernahme von Behandlungen. Konkret: Die Dauer einzelner Sitzungen wird stark gekürzt. Die Patienten werden erst in diesem Jahr informiert.
Mehrere zehntausend Patienten
Laut Firmensprecherin Lisa Flückiger sind weniger als 5 Prozent der Groupe-Mutuel-Zusatzversicherten von diesen Leistungskürzungen betroffen. Allerdings: Anfang 2025 zählte die Krankenkasse 1,1 Millionen Zusatzversicherte. Die 5 Prozent entsprechen somit immerhin bis zu 55'000 Personen.
Künftig bezahlt die Kasse nur noch 60 Minuten einer Massage oder anderen Behandlungen. Zuvor gab es keine zeitliche Begrenzung, wobei die Behandlungen maximal 90 oder 120 Minuten dauern.
Es ist der zweite Leistungsabbau für die betroffenen Patienten innert Kürze. Denn per 2025 strich Groupe Mutuel auch die Anzahl Behandlungen zusammen. Zuvor gab es keine offizielle Limite. Sprich: Auch 20 oder 30 Behandlungen pro Jahr wurden akzeptiert und rückerstattet. Doch plötzlich hiess es: Nur noch 5 garantierte Massagen und 8 andere Therapien. Für jeweils 4 zusätzliche Behandlungen wird ein medizinischer Bericht verlangt.
Rechnung zeigt Sparpotenzial
Ein Rechenbeispiel zeigt die dadurch entstehenden Sparvorteile für die Kasse. Hätte die fiktive Patientin Karin Meier in einem Jahr 30 Massagen à 90 Minuten für 210 Franken gebucht, hätte ihr Groupe Mutuel mehr als 5000 Franken erstatten müssen. Bei nur 5 garantierten Massagen sind es weniger als 1000 Franken.
Doch sowohl bei der ersten als auch bei der neusten Kürzung wurde die Prämie für die Zusatzversicherung nicht gesenkt. Weniger Leistungen, gleich hohe Preise also. Wie ist dies zu rechtfertigen? Man wolle mit der Massnahme Ausreisser in der Rechnungsstellung kontrollieren und eindämmen, sagt Flückiger. Eine Maximaldauer für Behandlungen in der Branche sei üblich.
Ziel sei es, Prämienerhöhungen zu begrenzen, «die durch die verstärkte Inanspruchnahme von alternativmedizinischen Leistungen in den letzten Jahren entstehen könnten». Wie viel mit dem Schritt gespart werden soll, verrät Flückiger nicht. Auch nicht, mit wie vielen Kündigungen deswegen gerechnet wird. Allerdings: Für viele Kunden einer Zusatzversicherung ist es mit zunehmendem Alter und länger werdender Krankenakte schwierig, eine neue Zusatzversicherung überhaupt zu erhalten. Das weiss auch Groupe Mutuel.
Mehr Alternativbehandlungen
Flückiger verweist auf Zahlen der Branchenverbände ASCA und EMR, wonach die Anzahl Therapeuten in der Alternativmedizin von 6000 im Jahr 2000 auf rund 30'000 im Jahr 2024 angestiegen seien. Zudem hätten laut Analysen des Bundesamts für Statistik vor drei Jahren erst 16 Prozent aller Versicherten innerhalb von 12 Monaten alternativmedizinische Leistungen in Anspruch genommen. 2024 seien es bereits 30 Prozent gewesen. «Dieser Anstieg zeigt sich auch in unseren Zahlen.»
Das Verständnis von Rémy De Tomasi, Geschäftsleiter des Schweizerischen Verbands für Medizinische Massage (SVMM), hält sich dennoch in Grenzen. Man erachte die zunehmende Sparpolitik der Krankenkassen zulasten der Alternativ- und Komplementärmedizin «als ineffizient und kontraproduktiv». Aus Verbandssicht verursache die auf Reparaturmedizin ausgerichtete Gesundheitsversorgung langfristig höhere Kosten.
Zuletzt zeigte der neuste Public-Health-Index, dass die Schweiz 11,8 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitswesen ausgibt. Doch im europäischen Vergleich belegt die Schweiz beim Thema Prävention den letzten Platz, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.
Beschränkung auf fünf Sitzungen
Als problematisch bezeichnet De Tomasi zudem eine weitere Einschränkung, die mit der neuen Massnahme einhergeht: Für Therapeutinnen und Therapeuten ohne eidgenössischen Fachausweis beschränkt Groupe Mutuel die Anzahl Therapiesitzungen ohne ärztliche Verordnung auf maximal 5 Therapiesitzungen pro Jahr. Firmensprecherin Flückiger rechtfertigt dies damit, dass man weiterführende Ausbildungen aufwerten wolle.
Es ist derweil nicht das erste Mal, dass Groupe Mutuel die Präventivtherapeuten vor den Kopf stösst. Vor knapp drei Jahren verschickte die Westschweizer Kasse ein Massenschreiben an Therapeutinnen und Therapeuten. «Darin teilte sie mit, dass sie Behandlungen von Therapeutinnen und Therapeuten, deren Tarif über dem kantonalen Durchschnitt liege, nicht mehr rückvergüten werde», sagt De Tomasi. Dafür habe allerdings jegliche rechtliche Grundlage gefehlt. Entsprechend hätten sich die Branchenverbände erfolgreich dagegen wehren können.
Beschwichtigend sagt De Tomasi, dass andere Krankenkassen teils noch strenger seien. So habe die Axa-Versicherung, die seit kurzem aktiv im Zusatzversicherungsgeschäft mitmischt, beispielsweise ein Kostendach von 250 Franken für Behandlungen bei medizinischen Masseuren festgelegt. (aargauerzeitung.ch)
