Schwere Vorwürfe in Crans-Montana – Lokalbesitzer sprechen von «mafiösen Zuständen»
Auf den Strassen von Crans-Montana überdeckt die Trauer (noch) alles. Man nimmt kaum ein Gespräch wahr, das sich nicht um die jungen Opfer des Barbrands oder ihre Familien dreht. Das jüngste Opfer ist 14 Jahre alt. Immer wieder überhört man unfreiwillig Nachbarn, die nach dem Verbleib der nebenan wohnenden Kinder fragen – oder sieht Dorfbewohner, die Blumen und Kerzen zu den Gedenkstätten vor der abgebrannten Bar tragen.
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In den Häusern, hinter den weniger öffentlichen Hausmauern aber, wird immer lauter die Schuldfrage gestellt – insbesondere in Richtung der Gemeinde, die für die Kontrolle der Brandschutzsicherheit zuständig ist. Die Anwohner fragen sich, wie so eine Katastrophe hier in Crans-Montana, in der Schweiz, passieren konnte – und wer für die mangelnde Sicherheit in der Bar verantwortlich ist.
Der italienische Vize-Premier Matteo Salvini schrieb auf dem Nachrichtendienst X, die Verantwortlichen gehörten ins Gefängnis. Er äusserte sich so dezidiert, wie es in der Schweiz noch niemand zu tun wagte:
Niemand will für die Tragödie verantwortlich sein
Im Fokus der Ermittler steht derzeit das französische Wirtepaar: Die Kantonspolizei des Kantons Wallis teilte am Samstagabend mit, dass sie strafrechtliche Ermittlungen gegen die Betreiber der «Constellation» aufgenommen hat. «Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen», schrieb die Behörde in einer Medienmitteilung, nachdem beim Brand in der Silvesternacht mindestens 40 Personen getötet worden waren. Die Staatsanwältin betont jedoch auch: Es gelte die Unschuldsvermutung.
Bei den Beschuldigten handelt es sich um Jacques und Jessica Moretti, die aus Korsika stammen und seit mehreren Jahren in Crans-Montana in der Gastronomie tätig sind. Die Morettis hatten die «Constellation» vor über zehn Jahren übernommen und sie schrittweise zu einem erfolgreichen Nachtlokal ausgebaut, das insbesondere bei jungen Saisonniers und Touristen beliebt war. Das Paar, das in der Region auch die beiden Lokale «Senso» und «Vieux Chalet» betreibt, steht im Zentrum der Ermittlungen.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich unter anderem auf die in der Bar verwendeten Materialien – insbesondere auf die Schallisolierung an der Decke. Sie dürfte eine zentrale Rolle bei der schnellen Ausbreitung des Feuers gespielt haben. Bilder zeigen, wie der Brand durch Wunderkerzen auf Champagnerflaschen ausgelöst worden ist.
Experten äusserten in verschiedenen Medien die Vermutung, dass die Betreiber billigen Schaumstoff für die Isolierung verwendet haben. Auch an der fachgerechten Montage wird gezweifelt. Die zuständige Staatsanwältin Béatrice Pilloud mahnte gegenüber dem «SonntagsBlick» jedoch zur Zurückhaltung: Ob das Material den geltenden Normen entsprochen habe oder nicht, sei Gegenstand laufender Untersuchungen. Eine abschliessende Beurteilung sei derzeit nicht möglich.
Offen ist auch, ob die Gemeinde den Schaumstoff inspiziert und für gut befunden hat. Das behördliche Dossier zur Bar wurde nicht veröffentlicht. Es liegt bei der Staatsanwaltschaft.
Bilder vom Umbau der Bar, die dieser Redaktion vorliegen, zeigen, dass eine Schaumstoff-Isolierung schon 2015 an der Decke angebracht worden war. Glaubt man den Ausführungen von Wirt Jacques Moretti, wurde diese in den Kontrollen der letzten zehn Jahre nie beanstandet. Die Kontrolle der Gemeinde wäre in diesem Fall also mangelhaft gewesen.
Betriebsinhaber widersprechen Gemeindepräsidenten
Im Dorf selbst äusserten mehrere Lokalbesitzer gegenüber CH Media einen ähnlichen Verdacht. Sie kritisieren die Behörden, die ihrer Verantwortung zur Kontrolle der lokalen Brandschutz-Bestimmungen nicht nachgekommen seien: «Unser Geschäft wurde nur ganz am Anfang einmal bezüglich Brandschutz kontrolliert», sagt der Chef eines stark frequentierten Betriebs.
Es gebe jedes Jahr eine Kontrolle, ob man die Bestimmungen zum Ausschank von Alkohol einhalte und eine zusätzliche Gesundheitskontrolle.
Ein weiterer Geschäftsinhaber spricht von «mafiösen Zuständen»: Wer einen guten Stand im Dorf habe, sei in den letzten sieben Jahren kaum je kontrolliert worden.
Anders als in anderen Kantonen sind im Wallis die Gemeinden für die Durchführung der Brandschutzkontrollen zuständig.
Gemeinde startet rechtliche Schritte gegen Morettis
Diese Darstellung widerspricht den Ausführungen von Gemeindepräsident Nicolas Féraud. An der ersten Medienkonferenz am Donnerstag, 1. Januar, erklärt er, dass Brandschutz-Kontrollen in Crans-Montana «jährlich oder zweijährlich» stattfänden.
Allerdings säte schon der Besitzer der abgebrannten Bar in einem Gespräch mit den Tamedia-Zeitungen Zweifel an der Aussage von Gemeindepräsident Féraud. Constellation-Wirt Jacques Moretti sagte nämlich, dass er in den letzten zehn Jahren dreimal bezüglich Brandschutz kontrolliert worden sei und jeweils «alles vorschriftsmässig abgelaufen» sei.
Das ist auch vor dem Hintergrund brisant, dass sich die Gemeinde Crans-Montana am späten Samstagnachmittag dazu entschlossen hat, sich als Nebenklägerin an dem von den Strafverfolgungsbehörden eingeleiteten Verfahren zu beteiligen. Die Zivilklage sei vom Gemeinderat einstimmig beschlossen worden. Damit bahnt sich ein womöglich jahrelanger Rechtsstreit zwischen der Gemeinde und dem aus Korsika stammenden Besitzerpaar der abgebrannten Bar an.
Eine Anfrage von CH Media beantwortete ein Kommunikationsbeauftragter der Gemeinde am Sonntag inhaltlich nicht. Er verweist darauf, dass die entsprechenden Dokumente der Staatsanwaltschaft übergeben worden sind. Gegenüber RTS wehrte sich Gemeindepräsident Féraud allerdings mit einer allgemeinen Aussage: «Nein, es gab kein lasches Verhalten seitens der Gemeinde Crans-Montana.» (aargauerzeitung.ch)
