Hochnebel
DE | FR
51
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
International
Analyse

Untergrund-Armee in der Ukraine: Das ist Wladimir Putins Endgegner

Ein ukrainischer Soldat an der Front: Neben regulären Soldaten und Freiwilligen kämpfen auch Partisanen hinter den feindlichen Linien.
Ein ukrainischer Soldat an der Front: Neben regulären Soldaten und Freiwilligen kämpfen auch Partisanen hinter den feindlichen Linien.Bild: keystone
Analyse

Die ukrainische Untergrund-Armee: Das ist Wladimir Putins Endgegner

Ukrainische Partisanen operieren unerkannt hinter den feindlichen Linien, sprengen Bahngleise und töten Kollaborateure. Ihr unermüdlicher Widerstand kratzt an der Moral der russischen Invasoren.
25.09.2022, 06:52
Patrick Diekmann / t-online
Ein Artikel von
t-online

Sie schleichen nachts durch dunkle Pfade, spähen russische Stellungen für die ukrainische Artillerie aus und töten Kollaborateure, die mit der Besatzungsmacht Russland zusammenarbeiten. Oft sind es kleine Einheiten, die hinter den feindlichen Linien operieren – in Städten und Dörfern, die die russische Armee besetzt hat.

Die Untergrundarmee besteht aus Hobbyjägern, Bauern oder Jugendlichen, die sich mit Computern, Funk oder mit Drohnen auskennen. Diese irregulären Truppen haben vor allem eines gemeinsam: Sie verteidigen ihre Heimat mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.

Für Moskau dagegen sind die zahlreichen Partisanenkämpfer in der Ukraine das Symbol einer fatalen Fehlkalkulation vor diesem Krieg. So hatte die russische Armee zumindest in Teilen des Landes damit gerechnet, mit Jubel und Blumen empfangen zu werden. Daraus wurde nichts und stattdessen versetzt der Widerstand der Zivilbevölkerung Russland auch militärisch immer wieder schmerzvolle Nadelstiche.

epa10166290 People lit candles as they take part in a rally organized by the 'Association of Families of Defenders of Azovstal', in memory of the Ukrainian prisoners of war (POW) killed in a blast at  ...
Trauernde Menschen in Kiew: Durch Russlands Angriffe auf Wohngebiete und zivile Infrastruktur wächst die Wut auf die russischen Besatzer.Bild: keystone

Für den Kreml läuft seine sogenannte Spezialoperation nicht nach Plan, im Nordosten werden russische Truppen weiter zurückgedrängt. Nun will Wladimir Putin wahrscheinlich die besetzten Gebiete in der Ukraine annektieren.

Aber wie will Russland Regionen kontrollieren, in denen es als Besatzungsmacht von der Bevölkerung abgelehnt wird? Die ukrainischen Partisanen werden somit zum Endgegner für den russischen Präsidenten in seinem Krieg.

Partisanenkrieg hat «militärische Wirkung»

Mit Blick auf drohende Referenden in Cherson und Saporischschja rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Bewohner der von Russland besetzten Gebiete Anfang August zum Widerstand auf. Sie sollten den ukrainischen Streitkräften über sichere Kanäle Informationen zum Feind oder über Kollaborateure übermitteln, sagte Selenskyj am 10. August in seiner abendlichen Videoansprache. Dabei erwiesen sich die Partisanenkämpfer als effektive Waffe gegen die vermeintliche militärische Übermacht Russlands.

Die russische Armee in der Ukraine, Stand: 22. September.
Die russische Armee in der Ukraine, Stand: 22. September. grafik: t-online

«Der Sinn des Partisanenkrieges ist es, die feindliche Besatzungsmacht zu zermürben. Wenn Russland nicht sicher sein kann, dass einzelne Versorgungskonvois unterwegs angegriffen werden, dann braucht sie Sicherungstruppen. Und alles, was man als Sicherungstruppen von der Front abzieht, fehlt dort natürlich», erklärte Oberst a. D. Wolfgang Richter dem ZDF-Magazin «Frontal». «Insofern hat der Partisanenkrieg mit seinen wenigen Kräften durchaus eine militärische Wirkung.»

Doch der militärische Nutzen geht für die Ukraine mittlerweile offenbar weit darüber hinaus, wie die «New York Times» berichtet. Demnach hätten Untergrundkämpfer in den vergangenen Wochen eine immer wichtigere Rolle in dem Krieg übernommen und die Moral der russischen Streitkräfte erschüttert. Ihre Operationen sollen vom ukrainischen Militärgeheimdienst und von Spezialeinheiten überwacht werden.

Was tun die Partisanen konkret?

Partisanenkämpfer agieren zwar oft autark, im Verborgenen, und sind je nach Region unterschiedlich stark aufgestellt und ausgerüstet. Trotzdem kann den paramilitärischen Einheiten im Ukraine-Krieg eine Vielzahl von Aufgaben zugeordnet werden:

  • Partisanen klären hinter den feindlichen Linien auf. Sie kennen das Gelände ihrer Heimat viel besser als die russischen Invasoren und sind oft in kleinen Gruppen in der Dunkelheit auf Schleichpfaden unterwegs.
  • Die Aufklärung ist besonders für die ukrainische Artillerie wichtig, aber Untergrundkämpfer können auch Schwachstellen der russischen Frontlinie ausspähen.
  • Sie stören ausserdem russische Nachschublinien, indem sie Bahnschienen sprengen oder Brücken angreifen. Mit Sprengsätzen greifen die Partisanen Munitionsdepots an.
  • Guerillakämpfer verüben Attentate oder Mordanschläge auf Beamte der russischen Militärverwaltung und auf Ukrainer, die sie als Kollaborateure betrachten.
  • Auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser sollen die Gruppen erschweren, indem sie diese vergiften.

Die Ukraine musste nach der russischen Annexion der Krim damit rechnen, dass Russland angreifen könnte. Auch mithilfe westlicher Ausrüstung und Ausbildung wurde die Armee gestärkt, aber das allein hätte gegen die russische Militärübermacht wahrscheinlich nicht ausgereicht. Deshalb wurde der Partisanenkampf zu einem Eckpfeiler der ukrainischen Verteidigungsstrategie gegen Putins imperialistischen Traum.

«Sie können nicht bequem schlafen.»

Wie sieht das Partisanenprogramm aus?

«Das Ziel ist, den Besatzern zu zeigen, dass sie nicht zu Hause sind, dass sie sich nicht niederlassen sollten, dass sie nicht bequem schlafen können», sagte ein Guerillakämpfer der «New York Times». Seinen Namen gibt er aus Sicherheitsgründen nicht bekannt. Aber sein Codename ist Svarog, benannt nach einem heidnisch-slawischen Gott des Feuers.

A Ukrainian national guard serviceman stands atop a destroyed Russian tank in an area near the border with Russia, in Kharkiv region, Ukraine, Monday, Sept. 19, 2022. This region of rolling fields and ...
Ein zerstörter russischer Panzer in der Region Charkiw: Putins Armee musste im Nordosten der Ukraine zuletzt empfindliche Niederlagen einstecken.Bild: keystone

Laut Svarog stellte die Ukraine ein Partisanenprogramm auf. Seine Angaben können zwar nicht verifiziert werden, aber sie decken sich mit ukrainischen Medienberichten. Schon vor dem Krieg wurden sie teilweise an Wochenenden von paramilitärischen Einheiten ausgebildet. Sie sollten sich unter die Zivilbevölkerung mischen, Sprengfallen stellen, Bomben legen und gezielt Menschen mit Pistolen erschiessen können.

Während Svarog laut «New York Times» an einem öffentlichen Programm teilnahm, gab es offenbar auch geheimere und besser strukturierte Trainings der Regierung. Dabei sollen in vielen Regionen in der Ukraine auch Waffenlager angelegt worden sein.

Nach der Invasion, sagte Svarog, sei er zu einem Lagerschuppen ausserhalb von Melitopol geleitet worden, wo er laut eigenen Angaben Sprengstoffplatten, Zünder, Kalaschnikow-Gewehre, einen Granatwerfer und zwei mit Schalldämpfern ausgestattete Pistolen fand. Melitopol, die südukrainische Stadt, in der Svarog tätig ist, hat sich seitdem zu einem Zentrum des Widerstands entwickelt.

Militärische Erfolge der Guerillas

Der Widerstand der Partisanen zehrt an den Kräften der russischen Armee und greift vor allem auch die Moral von Putins Soldaten an. Ihnen wurde versprochen, dass sie als Befreier in die Ukraine gehen, nun werden sie von einem unsichtbaren Feind erschossen, in die Luft gesprengt oder vergiftet.

Die Ukraine dagegen versucht natürlich, die Wirkung ihrer Untergrundarmee als besonders grossen Erfolg zu verkaufen, damit die Angst auf russischer Seite weiter wächst.

Trotzdem ist unklar, an welchen Einsätzen in den vergangenen Monaten Guerillakämpfer beteiligt waren, aber es gibt Indizien:

  • Die ukrainischen Partisanen haben in Berdjansk ein lokales Hauptquartier der prorussischen Bewegung «Gemeinsam mit Russland» bombardiert.
  • Der von Russland ernannte Bürgermeister der Stadt Mychailiwka in der Region Saporischschja, Iwan Suschko, wurde im August durch eine Autobombe getötet.
  • Ein anderer Separatistenführer in Cherson, Oleksij Kowaljow, wurde in seinem Haus erschossen. Dabei wurde auch seine Frau getötet.
  • Ebenso gab es immer wieder Angriffe auf russische Munitionsdepots und Kasernen. So sollen Partisanenkämpfer zuletzt an den Explosionen auf der Krim beteiligt gewesen sein.
  • Am 6. August wurde zudem Vitaliy Hura, ein von Russland ernannter stellvertretender Bürgermeister der ukrainischen Stadt Nowa Kachowka in der Region Cherson, beim Verlassen seines Hauses von einem nicht identifizierten Angreifer erschossen.
  • Der Leiter der Direktion für Jugendpolitik in der Verwaltung der Region Cherson, Dmytro Savluchenko, wurde Ende Juni in Cherson von einer Autobombe getötet.
  • Ein ukrainischer Militärbeamter erzählte ausserdem der «New York Times», dass Partisanen 15 russische Soldaten in der Region Saporischschja vergiftet und getötet hätten. Ausserdem sei die Sabotage eines Getreidespeichers in der Region Cherson gelungen, die die russischen Streitkräfte daran hinderte, 60'000 Tonnen Getreide zu stehlen.

Wegen Scheinreferenden ist noch grösserer Widerstand wahrscheinlich

Die oben aufgeführten Aktionen sind vor allem die militärischen Operationen der Partisanen in der Ukraine. Aber der Widerstand durch die Zivilbevölkerung verteilt sich auch auf andere Bereiche:

  • Zu den Guerillas gehören auch Menschen, die Flugblätter drucken und verteilen.
  • Andere zerschneiden Zäune, damit ukrainische Kämpfer russische Kontrollposten umgehen können, oder
  • Jugendliche klären mit Drohnen auf oder hören den russischen Funk ab.
epa10201043 A local casts his ballot at a polling station in Luhansk, Ukraine, 23 September 2022. From September 23 to 27, residents of the Donetsk People's Republic, Luhansk People's Republic, Kherso ...
Gläserne Urnen in Luhansk: In vier ukrainischen Gebieten sollen die Menschen in einem Scheinreferendum seit Freitag über den Anschluss an Russland abstimmen.Bild: keystone

Fest steht: Die Ukrainer, die sich dem Widerstand im Untergrund anschliessen, leben gefährlich. Sie gelten laut Genfer Konvention nicht als Soldaten, wenn sie in Kriegsgefangenschaft geraten. Nach internationalem Recht werden Zivilisten zu Kombattanten, wenn sie beginnen, an Feindseligkeiten teilzunehmen. Wenn sie in Gefangenschaft geraten, droht ihnen ein Urteil nach russischem Besatzungsrecht. Sie werden laut ukrainischen Berichten verhört und gefoltert.

Trotzdem nehmen viele Menschen diese Gefahr in Kauf, um ihr Heimatland zu verteidigen. Die geplanten Scheinreferenden in Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson werden ihre Risikobereitschaft wahrscheinlich noch einmal erhöhen. Besonders im Süden der Ukraine sind die Wahllokale natürlich symbolträchtige Ziele für Anschläge.

Aber die ukrainischen Guerillas werden ihren Kampf auch dann fortsetzen, wenn Moskau ihre Regionen nach russischem Recht annektiert hat. Mutmasslich wird somit der Kampf auch hinter der Frontlinie weiter eskalieren und auch hier ist unklar, ob Putin an dieser Front überhaupt gewinnen kann.

Quellen

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Ukraine veranstaltet «Militärparade» und trollt Putin

1 / 14
Ukraine veranstaltet «Militärparade» und trollt Putin
quelle: keystone / roman pilipey
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Arnold Schwarzeneggers Rede an das russische Volk: Die Highlights

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

51 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Jakob Meier
25.09.2022 07:56registriert November 2020
Grössten Respekt an die Partisanen. Ich kann nicht abschätzen, ob ich den Mut dazu hätte...
1687
Melden
Zum Kommentar
avatar
Prinz Eugen
25.09.2022 08:48registriert März 2021
Putin manövriert sich immer weiter ins Abseits. Irgendwann gehts nichtmehr weiter und am Schluss hat er weniger als vor dem Krieg. Dann wird auch die Krim befreit und sein Land hat Milliarden an Schulden aber niemanden den es interessiert. Russland wäre auf eine Stufe mit Nordkorea aber die konnten sich lange mit ihrer Situation arrangieren. Für die Russen wäre es neu.
Die Ukrainer werden früher oder später ihr Land zurückholen und das ist gut so.
1265
Melden
Zum Kommentar
avatar
rodolofo
25.09.2022 08:47registriert Februar 2016
Hut ab vor diesen gewaltigen militärischen Leistungen der Ukraine!
Gleichzeitig sollten sie sich aber auch bewusst sein, dass die Mittel des Partisanenkriegs sich auch irgendwann gegen die eigene Bevölkerung und gegen die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit richten könnten.
Aber ich sehe im Moment auch keine realistischere Möglichkeit, als "Böses mit Bösem zu bekämpfen"...
8414
Melden
Zum Kommentar
51
Belarus: Inhaftierte Kolesnikowa soll am Montag Krankenhaus verlassen

Die zu einer langen Haftstrafe verurteilte belarussische Oppositionelle Maria Kolesnikowa soll nach einer Behandlung auf der Intensivstation das Krankenhaus am Montag wieder verlassen. Das teilte die belarussische Opposition unter Berufung auf ihren Vater Alexander Kolesnikow, der den Arzt der politischen Gefangenen getroffen hatte, am Freitag mit. Maria habe gefrühstückt und fühle sich normal, teilte Kolesnikow demnach mit. Warum die prominenteste Gefangene des Landes auf der Intensivstation behandelt werden musste, war aber weiter unklar.

Zur Story