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«...als wüsste er, dass etwas Schlimmes passieren würde» – wo ist Roman Protassewitsch?

24.05.2021, 10:41
Die entführte Maschine landet in Vilnius.
Die entführte Maschine landet in Vilnius.
Bild: keystone

Auch einen Tag nach der erzwungenen Landung einer Passagiermaschine in Belarus gibt es zum Verbleib des festgenommenen Oppositionsaktivisten und Bloggers Roman Protassewitsch keine offiziellen Angaben. Mehrere Passagiere des Ryanair-Flugs bestätigten Medien in Litauen nach ihrer Landung die Festnahme des 26-Jährigen.

Roman Protassewitsch.
Roman Protassewitsch.
Bild: keystone

Protassewitsch, der in seiner Heimat unter anderem wegen Anstiftung zu Protesten gegen Machthaber Alexander Lukaschenko zur Fahndung ausgeschrieben war, kam am Sonntag auf dem Flughafen in Minsk in Haft. Das teilten auch der belarussische Journalistenverband und die Menschenrechtsorganisation Wesna mit.

Protassewitschs Vater Dmitri zeigte sich im Interview des belarussischen Radiosenders Radio Swoboda überzeugt, dass es sich um eine sorgfältige Operation «wahrscheinlich nicht nur von den Geheimdiensten von Belarus» handelte. Russland ist enger Verbündeter von Belarus. Sein Sohn war demnach auf der Rückreise von einem Griechenland-Urlaub in die litauische Hauptstadt Vilnius, als Lukaschenko das Flugzeug zur Landung zwingen liess. Er selbst habe nicht gewusst, wann sein Sohn fliege.

Dmitri Protassewitsch sprach von einem «Terrorakt» des Machthabers Lukaschenko. «Die Operation hatte ein grosses Ausmass, um auf die gesamte internationale Gemeinschaft zu spucken und auf deren Meinung», sagte Dmitri Protassewitsch. Lukaschenko gilt als «letzter Diktator Europas». Die EU erkennt ihn seit der umstrittenen Präsidentenwahl vom 9. August nicht mehr als Staatschef an. Die EU forderte auch die sofortige Freilassung Protassewitschs.

Ryanair-Chef vermutet KGB-Agenten an Bord von umgeleiteter Maschine
An Bord der Ryanair-Maschine, die von belarussischen Behörden zur Landung gezwungen wurde, waren nach Ansicht von Unternehmenschef Michael O'Leary auch Agenten des Geheimdienstes KGB. «Es wirkt, dass es die Absicht der Behörden war, einen Journalisten und seine Reisebegleiterin (aus dem Flugzeug) zu entfernen», sagte der Chef der irischen Billigfluglinie am Montag dem irischen Radiosender Newstalk. «Wir vermuten, dass auch einige KGB-Agenten am Flughafen (in Minsk) abgeladen wurden.» O'Leary sagte, es handle sich um einen «Fall von staatlich unterstützter Entführung, (...) staatlich unterstützter Piraterie».

Der Ryanair-Chef lobte die Besatzung für ihren «phänomenalen Job». Der Vorfall sei «sehr beängstigend» gewesen, für Personal und Passagiere, die stundenlang von Bewaffneten festgehalten worden seien. Der irische Aussenminister Simon Coveney forderte die EU zu einer «sehr deutlichen Antwort» auf. Die Führung von Belarus besitze keine demokratische Legitimität und verhalte sich wie eine Diktatur, sagte Coveney dem Sender RTÉ. (sda/dpa)

«Wir sind sehr besorgt um unseren Sohn», sagte Protassewitsch. «Leider wissen wir nicht, wo er ist und was mit ihm ist. Wir hoffen auf das Beste.»

Augenzeuge: Protassewitsch war klar, dass die Notlandung ihm gilt

Bei der erzwungenen Notlandung des Ryanair-Flugs in Minsk soll dem regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch schnell klar geworden sein, dass die Aktion ihm gilt. Das berichtete am Montag ein Passagier dem griechischen TV-Sender Mega. «Als ich hörte, dass das Flugzeug nach Weissrussland zurückkehrt, sah ich seine Reaktion. Er legte die Hände über den Kopf, als wüsste er, dass etwas Schlimmes passieren würde», gab der Grieche Nikos Petalis per Videoschalte aus Vilnius zu Protokoll. Protassewitsch habe gleich verstanden, dass die Notlandung ihm gilt.

Sie warten vergebens auf Roman Protassewitsch.
Sie warten vergebens auf Roman Protassewitsch.
Bild: keystone

Er selbst habe in der Nähe des Aktivisten gesessen. Dieser sei verängstigt gewesen. «Man hat ihn angesehen und gedacht, irgendetwas ist nicht in Ordnung mit ihm.» Anschliessend aber sei Protassewitsch ruhiger geworden. «Uns wurde nur gesagt, wir müssten in Minsk notlanden.» Dann hätten die Passagiere ohne weitere Informationen eine Stunde im Flieger ausharren müssen. Er selbst habe gedacht, es handele sich womöglich um eine Art Notfall-Übung, sagte Petalis.

«Später haben wir im Wartebereich des Flughafens gesessen. Sie haben uns nicht einmal auf die Toilette gelassen. Protassewitsch sass neben mir, als ob nichts geschehen sei. Nach einer Weile kamen Polizisten und nahmen ihn fest.» Die Passagiere hätten einen Horrorfilm erlebt, bilanzierte Petalis.

Behörden in der autoritär regierten Republik Belarus hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen in die litauische Hauptstadt Vilnius nach Minsk umgeleitet und zur Landung gezwungen. An Bord war der vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko international gesuchte Blogger Roman Protassewitsch. Über den Vorfall und mögliche Sanktionen gegen Belarus soll bei einem ohnehin geplanten EU-Sondergipfel beraten werden, der am Montagabend beginnt.

Amnesty fordert Freilassung von belarussischem Blogger Protassewitsch

Amnesty International hat die erzwungene Landung einer Passagiermaschine in Belarus scharf kritisiert und die sofortige Freilassung des Bloggers Roman Protassewitsch gefordert. «Es besteht kein Zweifel, dass die belarussischen Behörden eine falsche Bombenwarnung und einen MiG-Kampfjet eingesetzt haben, um ein Flugzeug, das von einem EU-Land in ein anderes fliegt, zur Landung zu zwingen, mit dem offensichtlichen alleinigen Ziel, einen im Exil lebenden kritischen Journalisten festzuhalten, den sie unbedingt zum Schweigen bringen wollten», sagte Marie Struthers, Osteuropa-Expertin der Menschenrechtsorganisation, einer Mitteilung vom Sonntagabend zufolge.

Der Fall klinge nach einer Hollywood-Idee, sei aber keine. «Die Realität dieses offensichtlichen Aktes der Luftpiraterie ist erschreckend», sagte Struthers. Die EU und «der Rest der Welt» müssten unverzüglich reagieren und Protassewitschs Freilassung fordern. Der vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko gesuchte Blogger müsse umgehend in ein Land seiner Wahl ausreisen dürfen, forderte Struthers.

(aeg/sda/dpa)

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