Sensation bei Kommunalwahl in München: 35-jähriger Grüner gewinnt Stichwahl
Die Stichwahlen um die Chefposten in Rathäusern und Landratsämtern Bayerns haben gleich zu mehreren kommunalpolitischen Erdbeben geführt. Die CSU erhielt einen herben Dämpfer und verlor neben einigen Oberbürgermeisterämtern rund ein Dutzend Landratsposten. Profiteur sind vor allem Hubert Aiwangers Freie Wähler. Eine Erkenntnis setzte sich quer durch den Freistaat durch: Der Amtsbonus war bei dieser Wahl weniger wert als noch vor sechs Jahren.
Die spektakulärste Wahl fand in München statt. Die Landeshauptstadt wird nach 42 Jahren SPD-Vorherrschaft künftig von einem grünen Oberbürgermeister regiert. Der erst 35 Jahre alte Dominik Krause fuhr mit mehr als 56 Prozent der Stimmen einen fulminanten Wahlsieg gegen den 67-jährigen Amtsinhaber Dieter Reiter von der SPD ein.
Reiter stand zuletzt wegen seines Umgangs mit Vereinsmandaten beim FC Bayern München samt Vergütungen in der Kritik. Schon im ersten Wahlgang hatte der SPD-Politiker, der als haushoher Favorit ins Rennen gegangen war, Punkte einbüssen müssen.
Reiter: «Habe es verbockt»
Reiter nahm die Schuld für die Wahlniederlage mit klaren Worten auf seine Kappe: «Ich hab's verbockt.» Das Wahlergebnis sei seine Schuld, betonte er. «Es war mir eine Ehre, hier in dieser Stadt Oberbürgermeister sein zu dürfen.» Reiter, der in München 12 Jahre regiert hatte, kündigte das Ende seiner politischen Laufbahn an: «Das war's von mir.»
In Bayerns drittgrösster Stadt Augsburg setzte es für die Amtsinhaberin Eva Weber von der CSU ebenfalls eine herbe Niederlage. Weber, seit 2020 an der Spitze der Fuggerstadt, musste sich dem SPD-Herausforderer Florian Freund klar geschlagen geben.
Schlappen für die CSU
Die Niederlage Webers war die vielleicht spektakulärste einer Reihe von Schlappen für die CSU. In Regensburg konnte die CSU trotz eines massiven Vorsprungs ihrer Bewerberin Astrid Freudenstein die Stichwahl nicht gewinnen – sie verlor gegen SPD-Mann Thomas Burger.
Generalsekretär Martin Huber bezeichnete das Wahlergebnis für seine Partei als «sehr durchwachsen». «Grosse Erfolge in Nürnberg, Erlangen oder Landshut, Hof und Aschaffenburg, aber auch schmerzhafte Niederlagen», sagte Huber der Deutschen Presse-Agentur.
Besonders auf dem Land, einer bisherigen Domäne der Christsozialen, mussten sie Federn lassen und sich bei Landratswahlen überraschend häufig vor allem den Freien Wählern geschlagen geben – etwa in Ansbach, dem Ostallgäu, dem Main-Spessart-Kreis der in Kelheim. In Aichach-Friedberg verlor der CSU-Bewerber Peter Tomaschko mit gerade einmal 22 Stimmen Rückstand gegen Mark Sturm (FW). Die Freien Wähler verdoppelten nach eigenen Angaben die Zahl ihrer Landratsposten von 14 auf 28.
CSU hält NürnbergIn Bayerns zweitgrösster Stadt Nürnberg konnte sich der seit 2020 regierende Oberbürgermeister Marcus König von der CSU gegen den SPD-Herausforderer Nasser Ahmed durchsetzen – mit 55,5 Prozent der Stimmen jedoch längst nicht so klar, wie das der Ausgang des ersten Wahlganges am 8. März hätte vermuten lassen können. Damals hatte König mit rund 20 Prozentpunkten geführt.
In Schweinfurt eroberte die SPD nach über 30 Jahren das Rathaus von der CSU zurück – Ralf Hofmann heisst das neue Oberhaupt der unterfränkischen Industriestadt. In Neustadt bei Coburg, einer Grossen Kreisstadt in Oberfranken, wurde der bislang dienstälteste Oberbürgermeister Deutschlands abgewählt. Frank Rebhan muss seinen Schreibtisch nach über 30 Jahren im Amt räumen, gewählt wurde Dominik W. Heike von der CSU.
Viele Wechsel in Rathäusern
In Aschaffenburg löste der für die CSU angetretene Kripochef Markus Schlemmer den Amtsinhaber Jürgen Herzing (SPD) ab – erstmals seit Jahrzehnten wird damit ein CSU-Mann die Geschicke der Stadt am Untermain leiten. Auch in Hof muss SPD-Oberbürgermeisterin Eva Döhla ihren Posten räumen und an den CSU-Bewerber Stefan Schmalfuss übergeben. Das gleiche Bild in Erlangen: Jörg Volleth (CSU) löst Florian Janik (SPD) ab.
In Bamberg bleibt der Chefsessel im Rathaus in SPD-Hand: Sebastian Niedermaier setzte sich in der Stichwahl gegen den Grünen-Bewerber Jonas Glüsenkamp durch und folgt damit auf seinen Parteifreund Andreas Starke, der nicht mehr angetreten war.
Dafür können die Grünen bei der Landratswahl in Landsberg am Lech punkten: Laut vorläufigem Endergebnis setzte sich die Grünen-Politikerin Daniela Gross mit 61,5 Prozent der Stimmen gegen den Amtsinhaber Thomas Eichinger (CSU) durch. Es ist damit der einzige Landratsposten für die Partei im Freistaat.
Geringere Wahlbeteiligung
Bei gutem Wetter hatten die Bayern offensichtlich weniger Lust zu wählen als vor zwei Wochen. In den drei grössten bayerischen Städten hatte sich am Nachmittag für die Stichwahl eine deutlich niedrigere Beteiligung abgezeichnet als bei der ersten Runde zwei Wochen zuvor. Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatte die Wahlbeteiligung bayernweit bei 63,4 Prozent gelegen – 4,7 Prozent höher als bei der Kommunalwahl davor, die damals aber auch in die Frühphase der Corona-Pandemie fiel. (sda/dpa)
