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Mit 55 Jahren zurück in die Wohnung der Mutter: Der einst stolze Arbeiter Dionisis gehört zu den Verlierern in Griechenland. bild: watson/rafaela roth

Kaputtes Oxi-Land, kaputte Oxi-Existenz – die Reise des Taxifahrers Dionisis durch die Ruinen-Gesellschaft Griechenlands

Dionisis, einst stolzer Arbeiter und durch die Wirtschaftskrise zum Taxifahren gezwungen, hat Griechenland noch nie verlassen. Nach der Absage an die EU raubt ihm sein Land den Schlaf. 



Als drei Platzpatronen in kurzer Reihenfolge wenige Meter neben ihm die Ruhe der Athener Nacht zerreissen, beginnt auch Dionisis' Bein leicht zu wippen. Nervosität zugeben, nein, das würde er nicht. Der 60 Jahre alte Ex-Gewerkschafter und Kommunist hat seit Jahren zu hohen Blutdruck. Und schon Übleres gesehen. «That's just kids playing – Kinder beim Spielen», sagt er über die vermummten Anarchisten, die in der Nacht zum Freitag alles Lose aus Fassaden und Gehsteigen reissen, um es der Polizei entgegen zu schleudern. 

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Dionisis in einem Café im Athener Anarchisten-Viertel Exarchia. Weniger Meter dahinter liefern sich Vermummte Scharmützel mit der Polizei.  bild: watson/rafaela roth

Richtige Revoluzzer sind das für ihn nicht. «Viele von ihnen sind reiche Kinder aus dem Norden. Schau doch, wie sie rumsitzen, als würden sie nur über die beste Art, eine Flasche zu schmeissen, nachdenken», sagt er, und zeigt auf die jungen Menschen, die in dieser unruhigen Nacht kurz vor den Referendumswahlen den Platz des Anarcho-Viertels Exarchia bevölkern. «Wo bleibt die Ideologie? Wo bleiben die konkreten Forderungen?», fragt Dionisis.    

Dionisis ist ein alter Kommunist, er ist überzeugter Leninist, er ist Mitglied der OAKKE – und er ist ein Verlierer.  

Dionisis Forderungen treiben ihn nachts aus dem Bett, um Formulierungen für seine politischen Facebook-Posts zu notieren oder mit seinen Kameraden Botschaften seiner Partei an die Fassaden Athens zu leimen. Dionisis ist ein alter Kommunist, er ist überzeugter Leninist, er ist Mitglied der OAKKE, der Organisation für den Wiederaufbau der kommunistischen Partei Griechenlands – und er ist ein Verlierer.   

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Dionisis am Computer seiner Ex-Frau. Zuhause hat er kein Internet.   bild: watson/rafaela roth

Dionisis ist ein Arbeiter in einem Land ohne Arbeit. In einem Land, indem jeder Vierte arbeitslos ist. In einem Land, in dem es keine grossen Maschinenbauer gibt, keine grossen Autohersteller, keine nennenswerte Exportindustrie. Doch «nur Industrie kann Griechenland retten», sagt Dionisis. Der Alte hat wieder seinen Zeigefinger herausgeholt, um zu dozieren. «We need production, you understand me?», sagt er mit beinahe fiebrigem Eifer in den Augen. «Wir haben vergessen wie es ist, zu arbeiten. In Griechenland haben nur die Bürolisten überlebt», sagt er. «Die Arbeiter sind tot.»

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Dionisis mit seinem Zeigefinger. bild: watson/rafaela roth

Dionisis hat jetzt keine Lust Taxi zu fahren. Die Athener sind in ihre Heimatorte gereist, um abzustimmen. Um wie 61 Prozent ihrer Landsleute «Oxi» zu stimmen: Nein. Nein zum Reformzwang der EU, zum Joch der Troika, zur Demütigung durch immer neue Rentenkürzungen, Lohnsenkungen und Steuererhöhungen. 

Touristen sind wenige da. Das Taxigeschäft läuft harzig. Und sowieso, Dionisis macht sich Sorgen. Gestern Abend hat der ultrarechte Verteidigungsminister Chamenos davon gesprochen, den Frieden im Land wenn nötig mit Panzern zu verteidigen. 

Er wäre lieber auf dem Balkon seiner Ex-Frau geblieben. Kurz zuvor hat er da stolz in den Nacken seines 23-jährigen Sohnes gefasst. «Du überraschst mich heute», hat er zu ihm gesagt. «Wir brauchen Europa. Ein ‹Ja› oder ‹Nein› zu einem Referendum ist gar nicht die Frage», hat sein Nikos in gutem Englisch gesagt. «Griechenland kann nicht immer Geld verlangen und nichts damit anfangen», hat er gesagt. «Wir haben vergessen, wie man arbeitet» – etwas vom Gedankengut des Vaters ist im Kopf dieses tättowierten Jungen, der seine Muskeln auf eine Gym-Instruktor-Karriere vorbereitet, hängen geblieben.  

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Dionisis mit seinem Sohn Nikos. bild: watson/rafaela roth

Jetzt will Dionisis mir die Wurzeln des Übels zeigen. Die geschlossenen Fabriken in Piräus beim Hafen von Athen zeugen vom Niedergang seines Landes. Die 400 arbeitlosgewordenen Arbeiter der Ipasmata-Fabrik hat Dionisis vor rund zehn Jahren persönlich vors Europaparlament geführt, um ihre Löhne einzufordern. «Das war ein Staats-Verbrechen», sagt Dionisis und starrt auf die Ruinen der Düngerfabrik am Meer. Die Regierung hat die Schliessung mit den ökologischen Gefahren begründet, die von der Fabrik ausgingen.

Dionisis über Ipasmata

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YouTube/Rafaela Roth

Griechenland ist nicht nur das Land der archäologischen Ruinen, sondern auch der modernen. Dutzende verlassene Textil-, Beton- , Stahl oder Marmor-Fabriken liegen verstreut über das ganze Land. Einem Mann wie Dionisis tut das fast körperlich weh. Wenn Dionisis von seiner Zeit als Schweisser auf grossen Frachtschiffen und seinem Arbeitseinstieg im Alter von 16 Jahren auf dem Bau erzählt, leuchtet sein ganzes Gesicht. Dass er, der stolze Arbeiter, mal als Taxifahrer enden würde, das hätte er nie gedacht. «I'm a forced Taxisdriver», ein «erzwungener Taxifahrer», sagt er.

Heute verdient er vier- bis fünfhundert Euro im Monat. Dreissig Euro pro Tag muss er dem Besitzer des Taxis abgeben. Allein für die Miete bräuchte er 300 Euro, die hat er nicht mehr. Vor fünf Jahren ist Dionisis wieder in die Wohnung seiner alten Mutter eingezogen.  

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Dionisis Lieblingsbild von sich ich als junger Mann bei der Arbeit auf dem Bau (rechts).  bild: watson/rafaela roth

«Ich habe meine Freiheit verloren», sagt er auf der Fahrt zurück in die Stadt. Was ihm bleibe, sei seine Musik – obwohl er keinen Platz mehr hat, um seine Drums aufzustellen – und etwas Erspartes, dass er zwischen seinen Vinylplatten versteckt.  

Dionisis mit seiner Musik

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YouTube/Rafaela Roth

Und seine Frauen bleiben ihm. Seine Ex-Frau, die eine Strasse weiter mit seinem Sohn wohnt, seine Geliebte, die Ärztin, die er ein- bis zweimal im Monat für ein paar Stunden im Hotel trifft, seine 40-jährige Freundin, die es gerne hätte, wenn er bei ihr und ihren Kindern einzöge, in deren enges Nest sich der alte Revoluzzer aber nicht mehr setzen kann.

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Bild: screenshot/facebook Messenger

Es fällt Dionisis schwer, noch an bessere Zeiten zu glauben. Jetzt Sowieso, nachdem sein Volk an diesem denkwürdigen Sonntag ein Nein zum Referendum in die Urne gelegt hat. Einen Neuanfang für Griechenland? «Was für einen Neuanfang?», schreibt Dionisis auf Facebook. «Mit viel Armut, Korruption, Faschismus und russischer Invasion? Magst du die?», sagt er. Und schickt mir ein Bild. 

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bild: zvg

«Wir haben die Nazis ins Parlament geholt, you understand me?», sagt er. «Tsipras hat die Vertreter von Golden Dawn heute zu einem dringlichen Treffen eingeladen, you understand me?», schreibt er. 

Und erhebt dazu steil den Zeigefinger seiner Arbeiterhand. Einer Hand, die von besseren Zeiten zeugt. 

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Taxi-Fahrer Dionisis mit watson-Reporterin Rafaela Roth in Athen. bild: watson/rafaela roth

Der Tag danach: Das schreibt die griechische Presse

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