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Russland verliert erstmals seit 2023 mehr Gebiete, als es erobern kann

FILE - Ukrainian soldiers, of 43rd artillery brigade, fire by 2s7 self-propelled howitzer towards Russian positions at the frontline in Donetsk region, Ukraine, June 24, 2024. (AP Photo/Evgeniy Malole ...
Ukrainische Soldaten feuern mit der selbstfahrenden Haubitze vom Typ 2S7 auf russische Stellungen.Bild: keystone

Kriegswende im Mai? Erstmals seit 2023 verliert Russland mehr Gebiete, als es erobern kann

Monatelang rückten Putins Truppen trotz hoher Verluste langsam vor. Nun sehen Experten weitere Anzeichen für eine Trendwende an der Front.
02.06.2026, 16:4902.06.2026, 16:49
Bojan Stula
Bojan Stula

Erstmals seit der gescheiterten ukrainischen Gegenoffensive von 2023 hat Russland im vergangenen Monat netto kein Gelände gewonnen. Im Gegenteil: Die ukrainischen Streitkräfte konnten im Mai mehr Gebiet zurückerobern, als die russische Armee gleichzeitig besetzte. Das vermeldet die unabhängige ukrainische Militäranalysegruppe Deep State auf Telegram.

Auf ihrer öffentlich zugänglichen Karte verzeichnete Deep State für Mai zwar russische Geländegewinne von 14 Quadratkilometern. Die tatsächliche Bilanz falle jedoch anders aus, weil ukrainische Vorstösse aus Sicherheitsgründen erst mit Verzögerung veröffentlicht würden. Unter Berücksichtigung dieser Daten sei die russische Territorialbilanz erstmals seit Jahren negativ ausgefallen, schreibt Deep State, ohne diese aber zu beziffern.

Im Gegensatz dazu liefert das Washingtoner Institute for the Study of War (ISW) genaue Zahlen: Wenn man nur die zuvor von Russland kontrollierten Gebiete betrachte, haben die russischen Streitkräfte laut eigenen ISW-Berechnungen zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 über 280 Quadratkilometer verloren, gegenüber Geländegewinnen von rund 40 Quadratkilometern.

«Normalerweise rückt Russland zwischen Frühling und Herbst schneller vor. Diesmal sehen wir keine Beschleunigung.»
Militäranalyst Rob Lee

Bemerkenswert ist die Entwicklung auch deshalb, weil Russland seine Angriffe zuletzt deutlich intensiviert hat. Gemäss Deep State stieg die Zahl der Sturmangriffe im Mai um 37,5 Prozent. Einen Schwerpunkt davon bildet die Festungsstadt Konstantiniwka, welche Russland seit Monaten mit aller Macht berennt. «Leider bleibt die Lage in Konstantiniwka weiterhin problematisch und die Zukunftsaussichten für die Stadt sind alles andere als rosig», räumt Deep State ein.

Dennoch gelang es den russischen Truppen insgesamt nicht, ihr Vorstoss-Tempo zu erhöhen. «Normalerweise rückt Russland zwischen Frühling und Herbst schneller vor. Diesmal sehen wir keine Beschleunigung», sagte der Militäranalyst Rob Lee zum Onlineportal «Kyiv Independent».

Auch andere Beobachter sehen Anzeichen dafür, dass Moskaus Frühjahrsoffensive an Schwung verliert. Der australische Militärexperte und Generalmajor Mick Ryan erklärte, Russland habe bislang «keinen echten Durchbruch» erzielt und deutlich weniger Gelände erobert als in vergleichbaren Zeiträumen der vergangenen Jahre.

Ukrainische Drohnen-Offensive gegen Nachschublinien

Die Entwicklung fällt in eine Phase, in der die Ukraine ihre Gegenangriffe ausweitet und zunehmend russische Nachschublinien ins Visier nimmt. Mit einer Kampagne gegen die Logistik der Invasionsarmee zerstören ukrainische Drohneneinheiten nach eigenen Angaben zahlreiche Lastwagen und Versorgungsknotenpunkte tief hinter der Front.

Ukrainian servicemen of Khartia brigade launch a drone towards Russian positions at the front line in the Kharkiv region, Ukraine, Wednesday, May 20, 2026. (AP Photo/Andrii Marienko)
Russia Ukraine Wa ...
Ukrainische Soldaten eine Drohne in Richtung russischer Stellungen.Bild: keystone

Allerdings bleibt die tatsächliche Lage schwierig zu beurteilen. Die Frontlinie verändert sich im Zeitalter der Drohnen ständig. Zwischen den Stellungen beider Seiten entstehen immer wieder umkämpfte Grauzonen, deren Kontrolle häufig wechselt. Entsprechend unterscheiden sich die Einschätzungen von Militärs und unabhängigen Beobachtern teils erheblich.

Trotzdem deutet die jüngste Entwicklung darauf hin, dass es der Ukraine gelungen sein könnte, den russischen Vormarsch zumindest vorläufig zu bremsen. Ob daraus tatsächlich eine strategische Wende entsteht, dürfte sich jedoch erst in den kommenden Monaten zeigen. Traditionell erreichen die Kämpfe im Herbst ihren Höhepunkt. Bis dahin wird sich weisen, ob Kiew die Initiative dauerhaft zurückgewinnen kann. (aargauerzeitung.ch)

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