Kriegswende im Mai? Erstmals seit 2023 verliert Russland mehr Gebiete, als es erobern kann
Erstmals seit der gescheiterten ukrainischen Gegenoffensive von 2023 hat Russland im vergangenen Monat netto kein Gelände gewonnen. Im Gegenteil: Die ukrainischen Streitkräfte konnten im Mai mehr Gebiet zurückerobern, als die russische Armee gleichzeitig besetzte. Das vermeldet die unabhängige ukrainische Militäranalysegruppe Deep State auf Telegram.
Auf ihrer öffentlich zugänglichen Karte verzeichnete Deep State für Mai zwar russische Geländegewinne von 14 Quadratkilometern. Die tatsächliche Bilanz falle jedoch anders aus, weil ukrainische Vorstösse aus Sicherheitsgründen erst mit Verzögerung veröffentlicht würden. Unter Berücksichtigung dieser Daten sei die russische Territorialbilanz erstmals seit Jahren negativ ausgefallen, schreibt Deep State, ohne diese aber zu beziffern.
Im Gegensatz dazu liefert das Washingtoner Institute for the Study of War (ISW) genaue Zahlen: Wenn man nur die zuvor von Russland kontrollierten Gebiete betrachte, haben die russischen Streitkräfte laut eigenen ISW-Berechnungen zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 über 280 Quadratkilometer verloren, gegenüber Geländegewinnen von rund 40 Quadratkilometern.
Bemerkenswert ist die Entwicklung auch deshalb, weil Russland seine Angriffe zuletzt deutlich intensiviert hat. Gemäss Deep State stieg die Zahl der Sturmangriffe im Mai um 37,5 Prozent. Einen Schwerpunkt davon bildet die Festungsstadt Konstantiniwka, welche Russland seit Monaten mit aller Macht berennt. «Leider bleibt die Lage in Konstantiniwka weiterhin problematisch und die Zukunftsaussichten für die Stadt sind alles andere als rosig», räumt Deep State ein.
Dennoch gelang es den russischen Truppen insgesamt nicht, ihr Vorstoss-Tempo zu erhöhen. «Normalerweise rückt Russland zwischen Frühling und Herbst schneller vor. Diesmal sehen wir keine Beschleunigung», sagte der Militäranalyst Rob Lee zum Onlineportal «Kyiv Independent».
Auch andere Beobachter sehen Anzeichen dafür, dass Moskaus Frühjahrsoffensive an Schwung verliert. Der australische Militärexperte und Generalmajor Mick Ryan erklärte, Russland habe bislang «keinen echten Durchbruch» erzielt und deutlich weniger Gelände erobert als in vergleichbaren Zeiträumen der vergangenen Jahre.
On CNN tonight with @kimbrunhuber discussing the shifting momentum in the war in Ukraine. pic.twitter.com/xVKR1swTmc
— Mick Ryan, AM (@WarintheFuture) May 31, 2026
Ukrainische Drohnen-Offensive gegen Nachschublinien
Die Entwicklung fällt in eine Phase, in der die Ukraine ihre Gegenangriffe ausweitet und zunehmend russische Nachschublinien ins Visier nimmt. Mit einer Kampagne gegen die Logistik der Invasionsarmee zerstören ukrainische Drohneneinheiten nach eigenen Angaben zahlreiche Lastwagen und Versorgungsknotenpunkte tief hinter der Front.
Allerdings bleibt die tatsächliche Lage schwierig zu beurteilen. Die Frontlinie verändert sich im Zeitalter der Drohnen ständig. Zwischen den Stellungen beider Seiten entstehen immer wieder umkämpfte Grauzonen, deren Kontrolle häufig wechselt. Entsprechend unterscheiden sich die Einschätzungen von Militärs und unabhängigen Beobachtern teils erheblich.
Trotzdem deutet die jüngste Entwicklung darauf hin, dass es der Ukraine gelungen sein könnte, den russischen Vormarsch zumindest vorläufig zu bremsen. Ob daraus tatsächlich eine strategische Wende entsteht, dürfte sich jedoch erst in den kommenden Monaten zeigen. Traditionell erreichen die Kämpfe im Herbst ihren Höhepunkt. Bis dahin wird sich weisen, ob Kiew die Initiative dauerhaft zurückgewinnen kann. (aargauerzeitung.ch)

