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Assads schwerreicher Cousin postet heikle Facebook-Videos – jetzt haben beide ein Problem

Jan Kuhlmann / dpa



Es gehört zu den Merkmalen der herrschenden Elite in Syrien, dass sie sich in tiefer Verschwiegenheit übt. Die Clique der Reichen und Mächtigen um Präsident Baschar al-Assad schottet sich ab.

Um so erstaunlicher sind zwei Videos, die vor Kurzem ein Mann verbreitet hat, dessen Name unter Syrern berühmt-berüchtigt ist: Rami Machluf, Unternehmer, Milliardär und vor allem Cousin Assads. In den Filmen gibt er ungewohnte Einblicke in das Innenleben des syrischen Herrschaftssystems – und offenbart tiefe Risse zwischen den Mächtigen.

FILE - In this April 24, 2010, file photo, Rami Makhlouf, a cousin of Syrian President Bashar Assad and one of that country's wealthiest businessmen, attends an event to inaugurate a hotel project in Damascus, Syria. In a homemade video posted on Facebook late Thursday, April 30, 2020, Makhlouf pleads with the Syrian leader to help prevent the collapse of his telecommunications company through excessive and â??unjustâ? taxation, exposing a major rift in the tight knit Assad family. (AP Photo, File)
Rami Makhlouf

Rami Machluf auf einer Aufnahme von 2010. Bild: AP

Machluf kommt aus einer der einflussreichsten syrischen Familien, die wiederum eng mit dem Assad-Clan verbunden ist. Schon sein Vater kümmerte sich um die Finanzen von Baschars Vater Hafis, der das Land über Jahrzehnte regierte.

Als Mitglied des innersten Machtzirkels machte Rami Machluf sein Geld vor allem mit Syriatel, dem führenden Mobilfunkunternehmen, dessen Haupteigner er ist. Sein Vermögen vor dem Bürgerkrieg wurde auf fünf Milliarden US-Dollar geschätzt.

Für Gegner der Regierung verkörpert Machluf zugleich wie kein zweiter das korrupte Gesicht einer mafiaähnlichen Herrschaftsclique. Kritiker werfen ihm vor, die Vetternwirtschaft ausgenutzt zu haben, um sich schamlos zu bereichern. «Rami al-Harami» («Rami, der Dieb») lautet sein Spitzname.

«Wir spielen kein Spiel mit dem Staat.»

Rami Machluf

Die USA hatten ihn schon 2008 auf die Sanktionsliste gesetzt. Die EU ergriff später dieselbe Strafmassnahme, weil er das syrische Regime finanziere und unterstütze. Mit seinem Reichtum galt er als einer der wichtigsten Pfeiler der Regierung im Bürgerkrieg.

Doch um die Kontakte zwischen Machluf und Assad scheint es schlecht bestellt zu sein. Das legen jedenfalls die zwei Videos nahe, die der Cousin des Präsidenten vor einigen Tagen über Facebook verbreitete. Im ersten – etwa 15 Minuten lang – wehrt er sich gegen den Vorwurf, ein korrupter Steuersünder zu sein. Natürlich bezahle seine Firma Steuern, beteuert er. «Wir spielen kein Spiel mit dem Staat.»

Was die Regierung jedoch von Syriatel verlange, könnte zum Zusammenbruch der Firma führen, klagt er, während er offenbar auf der Treppe einer Villa sitzt. Im Hintergrund ist Kaminholz zu erkennen.

Machlufs erstes Video:

Damit wurde öffentlich, was seit Monaten immer wieder durch Medien geisterte: dass es zum Bruch zwischen Machluf und Assad gekommen ist. So soll die Regierung schon im vergangenen Jahr von seinem Cousin eine hohe Summe verlangt haben, angeblich weil Syriens Verbündeter Russland von Damaskus Geld forderte. In dem Video spricht Machluf von 130 Milliarden Syrischen Pfund, die Syriatel zahlen solle.

Der Tabubruch

Mit dem Auftritt brach der Milliardär ein Tabu: Interne Streitigkeiten werden in Syriens Herrschaftselite intern gelöst – und nicht vor aller Augen. «Das ist eines der grössten Zerwürfnisse innerhalb des Regimes, das man bisher beobachten konnte», sagt ein westlicher Diplomat, der seit langem mit Syrien vertraut ist.

Offenbar brachte der erste Auftritt jedoch nicht den gewünschten Erfolg, weshalb Machluf wenige Tage später ein zweites Video folgen liess. Darin beklagt er, dass Sicherheitsdienste Mitarbeiter seiner Firmen verhaftet hätten – dabei sei er doch der grösste Unterstützer genau dieser Sicherheitsdienste gewesen, beteuert Machluf.

Machluf legt am 3. Mai nach:

Wie im ersten Video wendet er sich direkt an Assad: «Herr Präsident, die Sicherheitsdienste haben angefangen, die Freiheit der Menschen anzugreifen. Das sind Ihre Menschen», sagt er leise, aber eindringlich. «Ich bitte Sie, lassen Sie uns Gerechtigkeit widerfahren.» In den Ohren der Assad-Gegner muss Machlufs Anklage wie Hohn klingen.

Experten rätseln jetzt, warum die Regierung Machluf so stark unter Druck setzt, dass er in dieser ungewöhnlichen Form aufbegehrt. Da er sich in den Videos direkt an Assad wendet, liegt der Schluss nahe, dass er keinen Zugang mehr zu seinem Cousin hat.

«Machluf kaltzustellen, ohne die Netzwerke zu zerstören, die Assad so gut gedient haben, wird schwierig sein.»

Syrien-Kenner Faysal Itani und Bassam Barabandi.

Das Middle East Institute aus Washington geht davon aus, dass sich Machluf zu einem «gefährlichen Spieler» entwickelt habe, «mit zu viel Einfluss und Macht, die während des Kriegs unkontrollierbar geworden sind». In den Medien kursieren auch Gerüchte, Machluf habe sich zu eng mit der Iran-treuen Schiitenmiliz Hisbollah aus dem Libanon verbündet, die in Syrien an der Seite der Regierung im Einsatz ist.

FILE - In this Monday, Dec. 15, 2003 file photo, Syrian President Bashar Assad reviews the presidential guard during a welcoming ceremony in Athens. The tide of global rage against the Islamic State group lends greater urgency to ending the jihadis’ ability to operate at will from a base in war-torn Syria. That momentum could also force a reevaluation of what to do about President Bashar Assad’s future and puts a renewed focus on the position of his key patrons, Russia and Iran. (AP Photo/Petros Giannakouris, File)

Schweigt eisern: Baschar al-Assad. Bild: AP/AP

Gleichzeitig braucht die Regierung dringend Milliardensummen, weil Syrien unter einer schweren Wirtschaftskrise leidet. Grosse Gebiete sind zerstört, es fehlen die Ressourcen für den Wiederaufbau. International ist das Land wegen der Sanktionen stark isoliert.

Weder Assad noch andere hochrangige Vertreter Syriens haben sich zu den Videos geäussert. Machluf ist zu mächtig, als dass ihn die Regierung einfach festnehmen oder gar umbringen könnte. «Machluf kaltzustellen, ohne die Netzwerke zu zerstören, die Assad so gut gedient haben, wird schwierig sein», heisst es in einer Analyse der Syrien-Kenner Faysal Itani und Bassam Barabandi.

Gleichzeitig dürfen Machlufs Auftritte in der Logik der Herrschaftselite für ihn nicht folgenlos bleiben – ansonsten liefe Assad Gefahr, dass der Fall seine Macht untergräbt. «Es ist nicht denkbar, dass Machluf einfach so weitermachen kann», sagt der westliche Diplomat. «Er muss mindestens das Land verlassen.» (sda/dpa)

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