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390 Milliarden Euro – erster Durchbruch im Finanzstreit bei EU-Sondergipfel



Im EU-Streit über das milliardenschwere Finanzpaket gegen die Corona-Wirtschaftskrise ist eine erste grosse Hürde genommen: Die 27 Länder seien sich einig, statt 500 Milliarden Euro nur 390 Milliarden Euro an Zuschüssen einzuplanen, bestätigten EU-Vertreter und Diplomaten am Montag in Brüssel. Diese Corona-Hilfen fallen damit deutlich kleiner aus als von Deutschland und Frankreich gefordert. Und es ist nur ein Teil des Gesamtpakets, um das am vierten Tag des Sondergipfels immer noch gerungen wurde. Es wurde eine weitere lange Verhandlungsnacht erwartet.

Erst gegen 21.30 Uhr am Montagabend trafen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die übrigen Staats- und Regierungschefs wieder in grosser Runde zusammen. Auf dem Tisch lag ein neuer Kompromissvorschlag von EU-Ratspräsident Charles Michel, der den ganzen Tag über vorbereitet worden war. Dafür war die Gipfelrunde seit dem frühen Montagmorgen unterbrochen. Eigentlich sollte der am Freitag gestartete Gipfel nur zwei Tage dauern, doch der Streit über Details zog sich immer weiter in die Länge und brachte das Treffen zeitweise an den Rand des Scheiterns.

Der neue Vorschlag sei nun «die Frucht kollektiver Arbeit», sagte Michel. Zwar seien die letzten Schritte immer die schwierigsten. Aber: «Ich bin überzeugt, dass eine Einigung möglich ist.»

epa08556916 European Council President Charles Michel makes a statement prior to a round table meeting for the fourth day of the European Council meeting in Brussels, Belgium, 20 July 2020. European Union nations leaders meet face-to-face for a fourth day to discuss plans responding to coronavirus crisis and new long-term EU budget.  EPA/FRANCISCO SECO / POOL

Charles Michel Bild: keystone

Bundeskanzlerin Merkel hatte sich zuvor schon vorsichtig optimistisch gezeigt. «Wir haben gestern Nacht nach langer Verhandlung einen Rahmen für eine mögliche Einigung erarbeitet. Das ist ein Fortschritt», sagte die CDU-Politikerin. Wie Merkel warnte der französische Präsident Emmanuel Macron aber, das grosse Finanzpaket sei noch nicht in trockenen Tüchern.

Es geht um den Plan, die Wirtschaftskrise nach der Corona-Pandemie mit einem gemeinsamen EU-Konjunktur- und Investitionsprogramm im Umfang von 750 Milliarden Euro zu bekämpfen. Das wird im Paket verhandelt mit dem nächsten siebenjährigen EU-Haushaltrahmen im Umfang von mehr als 1000 Milliarden Euro.

Der zentrale Baustein sei nun bereits Konsens, sagten mehrere Diplomaten und EU-Vertreter: die Verringerung der Zuschüsse aus dem Corona-Hilfsprogramm von ursprünglich geplanten 500 Milliarden Euro auf 390 Milliarden.

epa08556167 German Chancellor Angela Merkel arrives for the fourth day of the European Council meeting in Brussels, Belgium, 20 July 2020. European Union nations leaders meet face-to-face for a fourth day to discuss plans responding to coronavirus crisis and new long-term EU budget.  EPA/FRANCOIS LENOIR / POOL

Angela Merkel hat sich auf harte Verhandlungen eingestellt. Bild: keystone

Um diesen Punkt war schier endlos gerungen worden zwischen den südlichen EU-Staaten Italien und Spanien, die auf die Hilfen stark angewiesen sind, und den sogenannten Sparsamen Ländern Österreich, die Niederlande, Schweden, Dänemark und Finnland. Deutschland und Frankreich hatten sich lange gewehrt, unter 400 Milliarden Euro zu gehen.

Trotz dieser ersten Einigung äusserten sich die Beteiligten vorsichtig. Ein EU-Diplomat sagte, es blieben noch viele Debatten, so etwa über neue Finanzquellen der EU, die Finanzierung von Klimaschutz, Migration, Verteidigung, Agrar sowie der Mechanismus zur Sicherung der Rechtsstaatlichkeit. Es werde «lange Diskussionen» und Hürden geben.

Kanzlerin Merkel hat eine Vermittlerrolle, weil Deutschland seit 1. Juli den Vorsitz der 27 EU-Staaten führt. Sie sagte: «Es war klar, dass es unglaublich harte Verhandlungen gibt. Die werden sich auch heute noch fortsetzen.» EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte: «Wir haben es noch nicht geschafft, aber die Dinge gehen in die richtige Richtung.» Frankreichs Präsident Macron warnte vor allzu grossem Optimismus und sagte, er bleibe extrem vorsichtig.

epa08556513 Austrian Chancellor Sebastian Kurz arrives for the fourth day of the European Council meeting in Brussels, Belgium, 20 July 2020. European Union nations leaders meet face-to-face for a fourth day to discuss plans responding to coronavirus crisis and new long-term EU budget.  EPA/STEPHANIE LECOCQ / POOL

Ist zufrieden: Österreichs Kanzler Sebastian Kurz. Bild: keystone

Der Konflikt zwischen den «Sparsamen», die mehr in den EU-Haushalt einzahlen, als sie herausbekommen, und den von der Krise besonders hart getroffenen Ländern im Süden war teils mit grosser Heftigkeit und persönlichen Angriffen ausgetragen worden. Die «Sparsamen» wollten zunächst gar keine Auszahlung als Zuschüsse aus dem schuldenfinanzierten Programm akzeptieren – denn das bedeutet, dass die Kredite von allen EU-Staaten getilgt werden müssen und nicht nur von den Nutzniessern. Das gab es bisher in der EU nicht.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz äusserte sich nach der dritten Gipfelnacht aber «sehr zufrieden», es sei «ein sehr gutes Ergebnis gelungen». Er lobte auch das Bündnis der «Sparsamen». Sonst machten Deutschland und Frankreich etwas miteinander aus «und alle andern müssen’s abnicken». Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte betonte ebenfalls: «Ich bin sehr zufrieden über die Texte, die nun vorliegen.» Dennoch könne es «auch immer noch schief gehen».

Die Reaktionen auf die Hängepartie bei dem ursprünglich nur auf zwei Tage angesetzten Gipfels fielen teils kritisch aus. «Wir sind besorgt über eine Zukunft, in der die europäische Solidarität und die Gemeinschaftsmethode verloren gehen», erklärte EU-Parlamentspräsident David Sassoli. Der CDU-Aussenpolitiker Norbert Röttgen nannte das «Ausmass von einzelnen Egoismen einzelner Teilnehmer» in der ARD erschreckend. (sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Abendländer 21.07.2020 20:54
    Highlight Highlight Hallo Frau Lagard, Hallo Regierungschefs
    Die angepeilten 38 Jahre für die Amortisation sind zu lang, dies kann und darf nicht auf die jungen kommenden Generationen abgewälzt werden. Diese Schulden sind in den nächsten 2 - 3 Jahren zu tilgen. Deshalb, sofortige Einführung von Sonderabgaben und Zwangshypotheken für Vermögende sowie flächendeckende Konfiskation von Lohn und Gehalt, Einführung von Bezugsmarken und Volksverköstigung durch Feldküchen der Armee, für die restlichen Teile der Bevölkerung der EU.
  • Fruchtzwerg 20.07.2020 22:42
    Highlight Highlight Liebe EU: Vielleicht endlich mal darüber nachdenken, die grossen Firmen (Amazon, Google, FB usw.) in jedem Land nach Umsatz besteuern.
    Dann wäre das Geld sehr sehr schnell zusammen...
    • Oberon 21.07.2020 00:07
      Highlight Highlight Die Digitalsteuer ist ein ganz anderes Thema.

      Aber wir können ja bei uns mal nachfragen wie es damit steht...
    • Der Rückbauer 21.07.2020 00:49
      Highlight Highlight Weshalb auch die Superreichen verärgern, wenn Geld einfach so "aus dem Nichts" geschöpft werden kann?
      Im übrigen spielt es gar keine Rolle, ob Subvention oder Kredit. Dieses Fiatgeld kam aus dem Nichts und wird ins Nichts gehen. Es kommt nie unten an, es bleibt ganz oben, auf der finanzindustriellen Wolke des Schneeballkreditbetrugssystems.
    • Hierundjetzt 21.07.2020 01:23
      Highlight Highlight Lieber Fruchtzwerg, der EUHG hat letzte Woche ein 4 Mrd Steuernachforderung an Apple gegancelt.

      Steuern werden dort bezahlt wo die operative Tätigkeit ist.

      Warum wohl ist die Schweiz der grösste Hochseeschiffreeder, der grösste Bergbauer, Ölplattformbetreuber, Goldhändler Vermögensverwalter, Nahrungsproduzent usw usw der Welt...?

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      Wegen den Bergen und der Schoggi?

      Wir als Schweizer sollten ganz fest still sein zu diesem Themenkreis 😉

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