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Kreshnik B.: «Heilfroh», unversehrt aus Syrien heimgekommen zu sein. 
Kreshnik B.: «Heilfroh», unversehrt aus Syrien heimgekommen zu sein. Bild: EPA/DPA
Deutscher IS-Kämpfer in Frankfurt vor Gericht

«Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah»

In Frankfurt steht ein 20-Jähriger vor Gericht, der in Syrien für den IS kämpfte und schon nach einem halben Jahr heimkehrte. Es ist der Auftakt zu einer regelrechten Prozessflut. 140 Verfahren sind ausstehend.
16.09.2014, 07:2716.09.2014, 11:15
christoph reichmuth / aargauer zeitung
Ein Artikel von
Aargauer Zeitung

Der Angeklagte heisst Kreshnik B., ist 20 Jahre alt, in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen, Deutscher, Sohn kosovarischer Einwanderer. Kreshnik reiste im Juli letzten Jahres mit sechs weiteren Personen über die Türkei nach Syrien. Er wollte für die Sache der Islamisten kämpfen, für einen eigenen Staat nach Scharia-Gesetz. In der Provinz Aleppo schloss er sich der Terrormiliz IS an. 

Kreshnik leistete einen Treue-Eid auf den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, liess sich an der Kalaschnikow ausbilden, war bei Kampfeinsätzen dabei, schob Wachdienst und versorgte Verwundete. Umgerechnet 50 Euro soll ihm die Terrormiliz dafür monatlich bezahlt haben. 

Mit Kreshnik B. musste sich gestern zum ersten Mal ein IS-Kämpfer vor einem deutschen Gericht verantworten. Der Vorwurf: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat im Ausland und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. 

Falsche Freunde

Der Angeklagte, laut seinem Anwalt «heilfroh», unversehrt aus Syrien heimgekehrt zu sein, äusserte sich gestern nicht. Beim Prozessauftakt wurden zwei von den Behörden mitgeschnittene Telefongespräche zwischen Kreshnik und seiner älteren Schwester abgespielt. «Mit 25 wirst du das bereuen. Du bist jung, dumm und naiv», sagte seine besorgte Schwester. Ein anderes Mal versuchte sie ihm klarzumachen, er treibe sich mit den falschen Leuten herum: «Keiner wird dich jemals so sehr lieben, wie deine Familie dich liebt. Keiner!» 

«Mit 25 wirst du das bereuen. Du bist jung, dumm und naiv.»
Schwester von Kreshnik B.

Kreshnik liess sich nicht umstimmen. In Chatnachrichten bluffte der Möchtegern-Terrorist: «Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah.» Warum der 20-Jährige letzten Dezember dann doch zurückgekehrt ist, ist noch unklar. Wurde es ihm in Syrien zu gefährlich? Waren ihm die nächtlichen Wachtdienste vielleicht zu langweilig? Diese Fragen dürfte das Gericht nun klären. 

Wichtiger ist es für die Anklagebehörde herauszufinden, wie der stets unauffällig und gut integrierte junge Mann überhaupt auf die falsche Fährte geraten konnte. Offenbar ist der Realschüler in der Berufsschule in falsche Kreise geraten. Kreshnik bewegte sich um das Jahr 2011 herum in einer Gruppe strenggläubiger Muslime, besuchte eine bei Sicherheitsbehörden bekannte Moschee, behandelte plötzlich Frauen anders als Männer. 

140 Verfahren gegen deutsche IS-Kämpfer sind laut Spiegel hängig.
140 Verfahren gegen deutsche IS-Kämpfer sind laut Spiegel hängig.Bild: RALPH ORLOWSKI/REUTERS

Sogar Frauen und Minderjährige

Der Fall Kreshnik B. ist nach Ansicht des Terror-Experten Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik Beispiel dafür, dass die deutschen Behörden noch immer nicht in der Lage sind, Radikalisierungsprozesse frühzeitig zu erkennen. 

Steinberg fordert mehr Personal und eine strengere Überwachung. Denn Kreshnik B. ist nur einer von etwa 400 Gotteskriegern, die aus Deutschland in den Irak und nach Syrien gezogen sind. Etwa 100 sind wieder zurückgekehrt, 25 von ihnen sollen über Kampferfahrung verfügen. Deutschland hat es nicht geschafft, die Absichten der Gotteskrieger frühzeitig zu erkennen. 

Die deutschen Gerichte richten sich auf eine regelrechte Flut von «Dschihad»-Prozessen ein. Nach Informationen des Magazins «Spiegel» sind im Zusammenhang mit deutschen Kämpfern für die IS-Terrormiliz 140 Verfahren ausstehend. Die Zahl könnte sich weiter erhöhen, nachdem Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein Verbot rund um die Terrormiliz erlassen hat. Anwerben für die IS, das Schwenken der schwarzen IS-Fahne, Propaganda für die Gotteskrieger – wer das tut, dem drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Jetzt auf

Aufschlussreich sind die ebenfalls vom «Spiegel» veröffentlichten Ergebnisse einer Studie. Unter den rund 400 nach Syrien und in den Irak ausgezogenen deutschen Dschihadisten fanden sich 40 Frauen und etliche Minderjährige. Ein Drittel verfügte über eine abgeschlossene Ausbildung, manche besuchten eine Universität. Am stärksten radikalisiert wurden Islamisten durch Freunde und über das Internet. 

Die Furcht, dass die Rückkehrer den Dschihad von Deutschland aus fortführen, ist gross. Potenzielle deutsche Terroristen sollen künftig an der Einreise gehindert werden. Stehen Islamisten im Verdacht, mit terroristischen Absichten nach Syrien oder in den Irak ziehen zu wollen, sollen die Behörden zudem Pässe präventiv einziehen können. 

«Wir wollen Ihnen nicht mit aller Gewalt Ihre Zukunft verbauen», sagte der Vorsitzende Richter in Frankfurt zum Angeklagten Kreshnik B. Sollte dieser kooperieren und die Vorwürfe einräumen, drohen ihm maximal vier Jahre Haft. Kreshnik B., sagt sein Verteidiger, habe sich inzwischen vom radikalen Islam abgewandt.

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