So stimmt Verleger Peter Wanner bei der Halbierungsinitiative ab
Was fällt Ihnen auf im Abstimmungskampf um die 200-Franken-Vorlage?
Peter Wanner: Die Debatte wird zunehmend emotional und polemisch geführt. Leider verlässt man die Ebene der Sachlichkeit. Beide Lager übertreiben massiv. Die Befürworter zeichnen das Bild eines linken Medienmolochs, die Gegner beschwören das Ende der Demokratie und der Meinungsfreiheit herauf. Besonders negativ aufgefallen ist mir Bernard Thurnheer.
Wieso?
In einem Video behauptet er, dass nach einem Ja zur Vorlage Schwingfeste nur noch im Bezahlfernsehen zu sehen wären, für einen Abopreis von 499 Franken pro Monat. Dabei haben die Fernsehsender von CH Media schon 20 kantonale Schwingfeste übertragen. Ohne Aufpreis. Auch das Eidgenössische Schwingfest würden wir gerne ausstrahlen. Es lässt sich mit Werbung refinanzieren. Dass die Zuschauer für solche Programme bei privaten Sendern zusätzlich etwas zu bezahlen hätten, ist völlig falsch.
Ein zentrales Argument der SRG lautet: Bei einem Ja am 8. März müssten Programme gestrichen werden, die private Anbieter nicht finanzieren können. Trifft das zu?
Welche Programme und Formate sie dann streicht, ist noch offen. Klar aber ist: Werbekunden gehen dorthin, wo viele Zuschauer sind. Sie schauen vor allem Sport- und Unterhaltungsprogramme. CH Media ist mit einem Marktanteil von zehn Prozent der grösste private Fernsehveranstalter in der Schweiz, und wir wollen Sport und Unterhaltung ausstrahlen, weil sich die Sendungen refinanzieren lassen. Fussball, Eishockey und eine Show wie «Sing meinen Song» sind kommerziell interessant. Die SRG ist ein gebührenfinanzierter Service-public-Veranstalter, sie sollte sich vor allem komplementär verhalten.
Was bedeutet das?
Die SRG sollte sich in erster Linie auf den Service public konzentrieren, das heisst auf Information, Bildung, Kultur. Unterhaltung und Sport können auch die Privaten leisten. Primäre Aufgabe des öffentlichen Rundfunks ist es, Formate und Programme auszustrahlen, die der Markt nicht finanziert. Dafür bekommen sie ja Gebühren. Eines fällt mir auf.
Nämlich?
Das Westschweizer Fernsehen scheint mir wesentlich besser gemacht als SRF, es ist fokussierter, professioneller, auch spritziger. Und es kostet 200 Millionen Franken weniger. Es ist offensichtlich, dass es Sparpotenzial gibt bei der SRG. Ein Ja zur Initiative würde aber zu einem zu starken Einschnitt führen.
SRG-Verantwortliche warnen davor, dass die regionale Berichterstattung nach einem Ja stark reduziert werden müsste.
Die gibt es nennenswert schon heute nicht mehr. SRF ist der sprachregionale Platzhirsch in der Deutschschweiz. Aber regional sind die Privaten führend. Wir leisten dort den Service public. CH Media beschäftigt in der Ost- und in der Zentralschweiz je rund 100 Journalisten, beim regionalen TV geschieht das in enger Kooperation mit der NZZ. Bei der SRG sind es vielleicht noch je zehn. Sie macht im Vergleich eine stark reduzierte regionale Berichterstattung. Das im Abstimmungskampf vorgebrachte Argument hält keiner Prüfung stand.
Medienminister Albert Rösti sagte vergangene Woche: Der Bundesrat wolle die Medienabgabe auf 300 Franken senken, weil die Privaten damit mehr Spielraum erhielten. Ist das aus Ihrer Sicht richtig?
Ich unterstütze das Gegenprojekt des Bundesrates. Die Gebühren sinken, ohne dass es zu harten Schnitten kommt. Die SRG muss sich fokussieren auf ihren Kernauftrag. Leider hat sie in letzter Zeit gerade Formate gestrichen, die dem Service-public-Charakter entsprechen. Dabei muss das Ziel in der Schweiz ein komplementäres Medienangebot sein: Die SRG und die Privaten setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Die privaten Radio- und Fernsehstationen wollen stärker an den Erträgen der Medienabgabe beteiligt werden. Der Markt funktioniert ohne Gebühren offenbar nicht.
Wenn wir die Information in den Regionen stärken wollen, sind Gebühren unerlässlich. Erhielten regionale Fernsehsender keinen Anteil aus der Medienabgabe, müssten wir einige von ihnen schliessen. Nur Tele Züri kommt knapp ohne Gebühren aus.
Private Radiosender haben ihr Informationsangebot reduziert. Warum?
Wir sind der Marktführer bei den Privatradios und waren in den vergangenen zwei Jahren mit einem Rückgang der Werbeerträge konfrontiert. Jetzt sieht es deutlich besser aus, dank Radio Central können wir vermehrt in Informationssendungen investieren. Die News-Sendungen verkaufen wir an andere Anbieter. Erfreulich ist zudem: Mit unseren acht regionalen und vier nationalen Sendern wachsen wir konsequent in der Reichweite, wir profitieren auch von der UKW-Abschaltung der SRG-Sender.
Nehmen Sie die Informationssendungen von SRF als politisch ausgewogen wahr?
Das erachte ich nicht als grosses Problem. SRF könnte auf beide Seiten hin mehr Kante zeigen. Wichtiger scheint mir, dass das Schweizer Fernsehen bei der journalistischen Qualität seiner Berichterstattung ansetzt. Gerade in der Auslandsberichterstattung gibt es Verbesserungspotenzial. Wenn ich mich am Fernsehen über die USA, die Ukraine oder andere Regionen informieren will, schaue ich ARD oder ZDF – weil meiner Meinung nach ihre Auslandskorrespondenten besser sind.
Steht die Übereinkunft zwischen der SRG und den privaten Medienunternehmen noch?
Ja, obwohl die Wettbewerbskommission Kritik geäussert hat. Die SRG hat in drei Bereichen ein Entgegenkommen signalisiert: Die Textlänge auf den Online-Portalen ist beschränkt, bei den Sportrechten sind Kooperationen angesagt, und bei der zeitversetzten Werbung wurde eine Einigung erreicht. Darum halten wir uns an die Vereinbarung.
Die Wettbewerbskommission sieht in der Übereinkunft eine mögliche Benachteiligung der SRG, geht aber nicht auf den Vorteil – 1,2 Milliarden Gebühren jährlich – ein. Wie werten Sie das?
Die Kommission ist auf einem Auge blind. Sie betrachtet nur den Wettbewerb, beachtet aber die finanziellen Voraussetzungen der Beteiligten nicht.
Bald wird die neue Konzession der SRG ein Thema. Worauf kommt es dabei an?
Der Fokus der SRG sollte auf einer guten Information in allen Landesteilen liegen und auf Kultursendungen, die man mit Werbung nicht finanzieren kann. Ich erwarte nicht, dass sich die SRG völlig aus dem Sport und aus der Unterhaltung zurückzieht. Aber sie sollte ein grösseres Stück dieses Kuchens den Privaten überlassen.
Welche Einschränkung der SRG im Online-Bereich ist aus der Sicht privater Veranstalter wünschenswert?
Die Spiesse sind nicht gleich lang. Die SRG sollte keine Formate kreieren, die ausschliesslich online oder über soziale Medien verbreitet werden. Damit füttert sie die amerikanischen Tech-Giganten. Die Jungen wenden sich ihr nicht wirklich zu – sie konsumieren einzelne Inhalte auf TikTok, Instagram oder YouTube. Dadurch stärkt sich die SRG nicht.
Einige Experten stellen fest: Für private Medienhäuser sei die Verlagerung der Werbung zu amerikanischen Big-Tech-Konzernen ein grosses Problem, aber nicht die gebührenfinanzierte Konkurrenz der SRG. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
Die Tech-Giganten ziehen in hohem Ausmass Werbeerträge von den Privaten ab, ohne dass sie eine einzige Journalistin beschäftigen. Das ist tatsächlich ein grosses Problem. Tatsache ist aber auch: Die SRG betreibt gebührenfinanzierte Newsportale, während die Privaten für ihre Online-Angebote Abonnenten und Werbekunden finden müssen. Wieso sollte jemand bei uns ein Abo abschliessen, wenn es ein vergleichbares Angebot bei der SRG gibt?
Das Schweizer Fernsehen zeigt nicht nur auf dem ersten und dem zweiten Sender Sportübertragungen, sondern auch auf dem Wiederholungskanal.
Das ist bedauerlich. Wir erwarten im Sinne einer vernünftigen Kooperation, dass die SRG einige Angebote den Privaten überlässt und nicht alles an sich reisst. SRF zeigte an den Olympischen Spielen einen Eishockey-Match der Schweiz gegen Italien nicht – weil seine Sender übervoll waren mit Sport. Warum überlässt man ein solches Spiel nicht den Privaten?
Weil sie dafür von den Konsumenten Geld verlangen würden?
Nein! Wir machen kein Pay-TV, die Zuschauer bezahlen nichts. Wir sind nicht Swisscom, Sunrise, Sky. Ist es sinnvoll, dass die gebührenfinanzierte SRG die Privaten bei den Übertragungsrechten von Fussballspielen im Free TV überbietet? Zum Beispiel bei der Champions League. Das ist meines Erachtens nicht Aufgabe eines Service-public-Senders.
Empfehlen Sie ein Ja oder ein Nein zur Halbierungsinitiative?
Ich habe Sympathien für die Initiative, aber sie ist insgesamt zu radikal. Erstens haben die Verleger eine Vereinbarung mit der SRG erzielt. Daran halten wir uns. Zweitens: Wenn man zu viel Geld aus einem Mediensystem abzieht, könnte das dazu führen, dass die SRG den Service public, die Information, noch stärker vernachlässigt und sich Programmen und Formaten zuwendet, die Werbegelder anziehen. Dies sollte man aber besser privaten Anbietern überlassen. (aargauerzeitung.ch)
