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Emma Amour

Abserviert, geghostet und gebencht von der Vergangenheit

Breadcrumbing, Benching, Ghosting: Nie war Dating komplexer als in Zeiten wie diesen. Ein Fakt, den Emma gerade am eigenen Leib erfährt. Patrick, der Coolio von früher, stellt sich als Knacknuss von heute raus.
04.05.2018, 10:36

Auf dem Weg in meine Vergangenheit habe ich Herzklopfen. Ausserdem ist mir das T-Shirt, das ich trage, etwas peinlich. Es ist ein Nirvana-Shirt. Kein cooles. Hab auf die Schnelle kein anderes als diesen Billig-Fummel gefunden.

Für das Date mit Patrick muss es ein Nirvana-Shirt sein. Er steht am Perron, als mein Zug einfährt. Obwohl ich schon lange nicht mehr im Kaff wohne, wo ich aufgewachsen bin, riecht hier alles nach Heimat, Vergangenheit und Jugend.

Patrick strahlt mich an. Das letzte Mal haben wir uns vor drei Wochen gesehen. Nach einer durchzechten Party-Nacht in einer Imbiss-Bude am Escher-Wyss-Platz. Davor kreuzten sich unsere Wege 17 Jahre nicht. Patrick ist einer der coolen Jungs aus der Vergangenheit, die null Interesse an meinem Teenie-Ich hatten. Vor zwei Wochen aber war was zwischen Päde und mir. 

«Ganz billiges Shirt», stellt der Kenner fest. Ich lache. Er auch. Wir schlendern zur grossen Villa am See. Wir sind etwas verhalten. Ich beobachte Patrick von der Seite. Sein Bart ist leicht meliert. Das Haar zerzaust. Die Sneakers rot. Seine Lachgrübchen toll.

Wir setzen uns ins Gras. Er mischt uns Gummibärli. Am Horizont geht die Sonne unter. Mir ist das alles zu kitschig. Was ich sage. Und womit ich das Eis breche. Er setzt noch einen drauf und lässt «My Girl» laufen.

«Soll ich jetzt gähnend meinen Arm um dich legen, um dich dann viel zu übereifrig zu küssen?», 

fragt er. 

«Ja», 

sage ich.

Wir knutschen, als wärs das erste Mal, das wir eine fremde Zunge im Mund haben. Dann ziehen wir weiter. An all die Orte, die unsere Jugend prägten. 

Bis mein letzter Zug fährt, fummeln wir hinter unserem Schulhaus, kiffen beim Park oberhalb der Kirche und philosophieren in der Dorfbeiz mit Stammgästen über Nonsense.

Ausserdem lässt Patrick keine Gelegenheit aus, mir unter das T-Shirt zu fassen. Als wir uns am Gleis 2 verabschieden, muss ich mich zusammenreissen, ihm keinen Heiratsantrag zu machen.

Da ein Like, dort ein Like und sonst rein gar nichts, nada, nix, nüüt

Meine Euphorie verleitet mich dazu, Patrick noch aus dem Zug eine Nachricht zu schicken. Die er am nächsten Tag beantwortet. Hätte man mir gesagt, dass es die letzte persönliche SMS sein wird, hätte ich ungläubig gelacht.

Nach zwei Wochen weiss ich: Es war seine letzte persönliche SMS. Normalerweise ist es ja so: Interessiert sich jemand nicht für das Gegenüber, taucht er/sie ab. Keine Kommunikation ist auch Kommunikation. Eine, die ich verstehe.

Was ich nicht verstehe, ist das, was Patrick betreibt: Poste ich ein Bild auf Instagram, ist er der erste, der mir ein Like schenkt. Dasselbe auf Facebook. Letztens hat er sogar mitten in der Nacht Bilder aus den Jahren 2008 bis 2011 geliked. In einer Frauenzeitschrift stiess ich darauf auf einen Artikel über Breadcrumbing. Ein Phänomen, bei dem man jemandem immer kleine Portiönli Aufmerksamkeit gibt, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Ich war mir sicher: Ich werde gebreadcrumbed. Haha.

Was ist der Unterschied zwischen Breadcrumbing und Benching?

Ein paar Tage später stolpere ich über ein Lesestück, das Benching beleuchtet. Wer gebencht wird, wird warm gehalten.

Ich bin verwirrt. Was ist der Unterschied zwischen Breadcrumbing und Benching? Ich wende mich an den, der es am besten wissen muss: Patrick.

«Tust du mich eigentlich breadcrumben oder benchen?», 

frage ich per SMS.

Kaum habe ich auf «Senden» geklickt, verraten mir zwei blaue Häkchen, dass er die Nachricht bekommen und gelesen hat.

Keine Antwort.

Auch Tage später nicht.

Ich lasse mich dazu herunter, ihm eine allerletzte Message zu schicken:

 «Ich habe nicht um die Erklärung von Ghosting gebeten, du Totsch.»

Zäck. Zwei blaue Häkchen. Zäck, Antwort. Ein Smiley. Sonst nichts.

Also doch ein Fall von Benching. Oder Breadcrumbing. Oder WTF ever.

Auf jeden Fall nicht mein Fall.

Ich bin raus. Und verabschiede mich auch mit einem Emoji. Voilà, Pädi, für dich: 🖕

Enchantée,

Emma

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Das Gegenteil von dem, was Päde (der Totsch) macht: «Frauen kann man ja nicht mal mehr nachpfeifen!»

Video: watson

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Das bin nicht ich, aber so würde ich als Shutterstock-Illustration aussehen. Öppe.
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