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Unbelievable Netflix

Marie Adler (Kaitlyn Dever) ist 18 und wird vergewaltigt. Die wahre Tortur beginnt danach. Bild: Netflix

Review

Vergewaltigte Mädchen lügen nicht: Die Netflix-Serie «Unbelievable» ist unglaublich gut

Viele Opfer, zwei ungewöhnlich gewöhnliche Ermittlerinnen und ein perverser Triebtäter machen den Sechsteiler zu einem Ereignis. Und all dies nach einer allzu wahren Geschichte. ACHTUNG SPOILER.



Für Detective Robert Parker (Eric Lange) ist der Fall bald klar. Schliesslich kommt Detective von Deduktion und das heisst schon seit Aristoteles, dass aus einem allgemeinen Erfahrungswert auf den Einzelfall geschlossen werden kann. Und der Erfahrungswert sagt nun mal, dass vergewaltigte Mädchen lügen. Nicht alle natürlich, aber jene, bei denen keinerlei Spuren des Verbrechens zu finden sind oder nur solche, die vom angeblichen Opfer selbst inszeniert worden sein könnten.

Die 18-jährige Marie Adler (Kaitlyn Dever) zum Beispiel ist für ihn ein Paradefall: Als Kind war sie komplett verwahrlost, wurde sexuell missbraucht, ass vor Hunger Hundefutter, wurde später von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht. Und dann schien sie endlich glücklich, endlich gerettet, lebte in einer kleinen Wohnung in einer Einrichtung, die sich um Teenager wie sie kümmerten, hatte einen Job in einem Supermarkt, verteilte Proben und Müsterchen an die Kundschaft, hatte einen Freund.

Bis eines Nachts im Jahr 2008 ein Unbekannter in ihre Wohnung in Lynwood, Washington, einbricht, sie fesselt, mehrfach vergewaltigt, wieder verschwindet ohne Spuren zu hinterlassen, selbst die Bettwäsche, in der sie vergewaltigt wurde, nimmt er mit. Ihre Augen waren verbunden, aber sie erinnert sich klar an den Blitz einer Kamera. Und daran, dass er ein Kondom überzog.

Trailer zu «Unbelievable»

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Video: YouTube/Netflix

Detective Robert Parker findet nichts. Und zwei ehemalige Pflegemütter von Marie melden ebenfalls Zweifel an der Verlässlichkeit ihrer Geschichte an. Vermutet wird ein Aufmerksamkeitsdefizit. Die Polizei redet Marie so lange ein, die Vergewaltigung erfunden zu haben, bis sie dies zermürbt zugibt. Sie wird zu einer Busse von 500 Dollar verurteilt. Sie verliert alle Freunde und ihren Job. Dabei sagte sie nichts als die Wahrheit.

Drei Jahre später in Golden, Colorado. Detective Karen Duvall (Merritt Wever) wird zu einem Fall gerufen, eine junge Frau wurde vergewaltigt, stundenlang, natürlich sehen wir als Zuschauende die Parallelen sofort, aber bis die Polizei sie sieht, wird es noch eine Weile dauern. Denn wieso sollte ein Polizeiposten in Colorado wissen, welche Fälle ein anderer in Washington Jahre zuvor bearbeitet hat?

Unbelievable Netflix

Karen Duvall (Merritt Wever, aktuelll auch in «Marriage Story» zu sehen) ermittelt mit unerbittlichem Sanftmut. Bild: Netflix

Detective Duvall arbeitet anders als Parker, sie hört zu. Macht sich ein Bild aus tausend Mosaiksteinchen. Sammelt. Bleibt ruhig. Ist einfühlsam. So sehr, dass sie zum Gespräch solidarisch eine Blümchenbluse anzieht, wie sie das Opfer selbst am liebsten trägt. Duvall ist eine sehr gläubige Christin. Ist barmherzig. Aber unter einer Oberfläche äusserster Sanftheit unbarmherzig tough. Sie glaubt ihrem Opfer und bietet alle Kräfte zur Verfolgung des Vergewaltigers auf. Und: Sie vernetzt sich. Erfährt von einem anderen Fall in einem anderen Ort, der von Detective Grace Rasmussen (Toni Collette) betreut wird, einer Frau, die in ihrer Freizeit am liebsten an Autos herumschraubt.

Die beiden machen sich auf die zermürbende Suche nach einem Serien-Vergewaltiger. Sie sind dabei – welche Erholung – ein Ermittlerinnen-Duo, das nach Generationen gebrochener, süchtiger, autistischer, depressiver oder sonstwie versehrter Kommissare und Kommissarinnen endlich mal einfach wieder seinen Job macht und dies nach allen Regeln der Kunst. Bei denen der Mikrokosmos der Investigation und nicht die eigene Introspektion im Vordergrund steht. Deren Partner nicht selbst in Verbrechen involviert sind. Quasi zwei ganz normale Profis. Man ist sich das gar nicht mehr gewohnt.

This image released by Netflix shows Toni Collette in the true crime series

Grace Rasmussen (Toni Collette, aktuell auch in «Knives Out» zu sehen) liebt Autos und Waffen und könnte aus einem Tarantino-Film stammen. Bild: AP

Die True-Crime-Serie «Unbelievable» erzählt eine wahre Geschichte. Erzählt sie – mit Ausnahme von geänderten Namen – nicht gross fiktionalisiert oder nachempfunden, sondern exakt in allen schockierenden Details, die darüber bekannt sind (und es sind viel zu viele). Erzählt sie aber auch, ohne voyeuristisch zu sein oder zu skandalisieren. Beobachtet. Sammelt. Macht viele Bilder, nicht bloss eins, fügt zusammen. So wie Duvall und Rasmussen das machen würden. Ist grandios uneitel. So wie Duvall und Rasmussen.

Nichts an diesem sorgfältig gemachten Sechsteiler ist voyeuristisch oder skandalisierend, er ist hochgradig spannend, enorm frustrierend und er macht so traurig, wie man schon lang nicht mehr war. Über die Perversität des Verbrechens. Über die Ungerechtigkeit des Rechtssystems, das Marie Adlers Tortur des Übergriffs in unnötig vielen Verhören brutal multipliziert und über drei Jahre ihres Lebens hinaus zerdehnt. Dass es Rasmussen und Duvall – im echten Leben heissen sie Edna Hendershot und Stacy Galbraith – nach einigen ermittlerischen Sackgassen tatsächlich gelingt, ihre Fälle und den von Marie Adler zu lösen, bietet eine dringend nötige Katharsis.

This image released by Netflix shows Merritt Wever, left, and Toni Collette in the true crime series

Ist Normal das neue Besonders? Zwei machen einfach ihren Job. Und das ist so aufregend wie selten. Bild: AP

Der Täter gesteht schliesslich, Dutzende von Frauen vergewaltigt zu haben, und wird zur Höchststrafe von 327,5 Jahren Haft in Colorado und weiteren 68,5 Jahren in Washington verurteilt. In der Serie heisst er Chris McCarthy, im richtigen Leben Marc O'Leary, heute ist er 41 Jahre alt.

Das Drehbuch von «Unbelievable» stützt sich auf den Artikel «An Unbelievable Story of Rape» von Ken Armstrong und T. Christian Miller, den die beiden Non-Profit-Nachrichtenorganisationen The Marshall Project und ProPublica ermöglicht hatten und für den die Autoren 2016 einen Pulitzer Preis gewannen. Armstrong und Miller geben vor, wofür sich auch die Serie dramaturgisch entschieden hat: die Lupe auf Maries Einzelschicksal auf der einen und die erweiterte Perspektive auf die Ermittlung der beiden Frauen auf der anderen Seite.

Aber halt, kommt uns dieses Arrangement nicht seltsam bekannt vor? Die wahre Geschichte einer Frau, die gegen ein ungerechtes System kämpft und es besiegt? Was wiederum zu einem unglaublich erfolgreichen und ziemlich guten Film wurde? Für den die Hauptdarstellerin einen Oscar gewann? Na?

Der Film, den ich meine, hiess damals «Erin Brockovich», die Oscargewinnerin Julia Roberts. Und auch die Drehbuchautorin war für einen Oscar nominiert. Sie hiess Susannah Grant. Und genau die hat jetzt «Unbelievable» erfunden, geschrieben, produziert und bei zwei Folgen auch noch Regie geführt. Respekt. Hoffentlich macht sie sowas bald mal wieder.

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46Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Thomas Bollinger (1) 10.02.2020 00:33
    Highlight Highlight Danke für den Tipp. Habe die Serie heute gebingewatcheD und bin sehr beeindruckt. Nicht nur von der Serie, auch von den Opfergeschichten.
  • Blümerant 09.02.2020 18:53
    Highlight Highlight Sehr, sehr schwere Kost. Eigentlich sollte jeder mind. Folge 1 sehen müssen. Wer dann nich nicht versteht, dem ist wohl nicht zu helfen....
  • Sorbitolith 09.02.2020 14:08
    Highlight Highlight Wäre Deduction die Wurzel des Wortes, hiesse der Beruf wohl Deduktiv oder eher Deduktor!

    In Wirklichkeit jedoch findet das Wort Detektiv, seinen Ursprung im Lateinischen detegere, was aufdecken oder entdecken bedeutet!
    • roadster101 10.02.2020 12:11
      Highlight Highlight Bin Italiener und das wort detegere gibt es abgewandelt auch im Italienischen was, wie Du schreibst, aufdecken/entdecken bedeutet...
  • Miicha 09.02.2020 12:49
    Highlight Highlight Mehrfacher Vergewaltiger kommt in den USA nicht mehr aus dem Gefängnis. In der Schweiz so, ja tüemer chli Geldstraf mache 🤦🏻‍♀️
    • poltergeist 09.02.2020 16:39
      Highlight Highlight Oder Fussfesseln und Therapiesitzungen...
  • bbelser 08.02.2020 22:28
    Highlight Highlight "Unbelievable" ist eine äusserst sehenswerte Mini-Serie: eine beklemmende (reale) Geschichte, hervorragende Schauspielerinnen, realistisch gezeigte polizeiliche Knochenarbeit, glaubwürdig vermittelte Charaktere. Also unbedingt schauen.
    Aber eine Warnung vorweg: nach dieser Serie empfindet man so manche andere als oberflächlich, leer und langweilig.
    Ähnlich wie bei "When they see us" oder "Seven seconds".
    Ach ja: eine Mini-Serie, die auch ähnlich atmosphärisch dicht daherkommt: "River".
  • R. J. 08.02.2020 21:55
    Highlight Highlight Ein spoiler freier Teil, markiert, wäre gut gewesen. Oder den spoiler Teil separat. So kann ich den Text gar nicht lesen...
  • What’s Up, Doc? 08.02.2020 18:40
    Highlight Highlight Schon fast erschreckend wie gut Det. Stacy Galbraith und Sgt. Edna Hendershot in der Serie getroffen wurden. Der Link zu ProPublica ist wirklich zu empfehlen und macht nachdenklich. https://www.propublica.org/article/false-rape-accusations-an-unbelievable-story
  • xPlorUm 08.02.2020 17:08
    Highlight Highlight Wieso sollte ich eine Review lesen, welche auch Spoiler von der Serie enthält? Dann vermies ich mir ja grad die Serie beim Durchlesen der Review.
    • satyros 08.02.2020 17:22
      Highlight Highlight Bei einer Serie, die eine reale Geschichte nacherzählt, find ich es nicht so wichtig, ob man schon vorher weiss, wie's ausgeht. Es geht ja weniger darum, zu erzählen was passiert ist, sondern wie es passiert ist.
    • Garp 08.02.2020 18:34
      Highlight Highlight Ich schau mir sogar Dokus über den 2. Weltkrieg an, wo jeder schon weiss, wie es ausging oder zumindest wissen sollte.
    • Arnoli 09.02.2020 00:44
      Highlight Highlight First World Problems...
  • Senji 08.02.2020 16:58
    Highlight Highlight Andere Geschichte, ähnliches Thema und anderer Ausgang aber genau so gut: "When they see us", auch auf NF.
    • michaelcomte 08.02.2020 18:17
      Highlight Highlight When they see us now hat mir dann ganz den Rest gegeben. Unglaublich tragische Geschichte, aber wahnsinnig gut gespielt, wenn man bedenkt, welche Rollen die Protagonisten in der Serie einnehmen mussten.
    • arconite 08.02.2020 21:50
      Highlight Highlight "Unbelievable" ist mir ziemlich nahe gegangen. Ich wusste vor der Serie nicht viel darüber. War sehr gut.

      "When they see us" konnte ich noch nicht sehen, da weiss ich schon um was es geht. Ich weiss nicht ob ich diese Ungerechtigkeit ertrage.

      Ja, bin vielleicht etwas empfindlich 😳
  • fools garden 08.02.2020 16:52
    Highlight Highlight Erin Brockovich, war mein Julia Roberts Lieblingsstreifen.
    • Arthur Philip Dent 08.02.2020 20:42
      Highlight Highlight Hä? Woher die Blitze?! Am ja jede/r von dem Film halten was er/sie will, genau das gilt ja auch für fools Garden... Wenn du den Film nicht magst, dann sag das halt oder ignoriers... aber eine persönliche Meinung zu einem Film blitzen?!
    • fools garden 08.02.2020 22:58
      Highlight Highlight ...wir brauchen die Welt da draussen nicht zu verstehn, nur zu Akzeptieren.

      Thanks Mr. Dent
    • Martel 09.02.2020 04:03
      Highlight Highlight Wer seine Meinung sagt, muss auch damit rechnen, dass jemand anderer Meinung ist (=Blitze).
    Weitere Antworten anzeigen
  • mr.mot 08.02.2020 16:48
    Highlight Highlight Geniale und zuweilen sehr aufwühlende Miniserie. Es vom Besten, das ich letzthin auf Netflix gesehen habe! Danke Frau Meier für diese treffende Kritik.
  • Mügäli 08.02.2020 16:46
    Highlight Highlight Es gibt viele Statistiken welche zeigen, dass nur wenige Frauen (8%) nach einer Vergewaltigung überhaupt eine Anzeige machen. Die Gründe dafür sind genauso bekannt, veraltetes Strafrecht, Vergewaltigungsmythen welcher der Frau eine Mitschuld geben, schwierige Beweisbarkeit und sicher auch die lächerlichen Strafen welche der Täter erwartet, sollte er überhaupt verurteilt werden (meistens kommen diese nämlich straffrei davon).

    Sexuelle Gewalt ist auch in der Schweiz ein verbreitetes Problem aber leider schafft es der Gesetzgeber nicht, endlich die Frau besser zu schützen, himmeltraurig ist das
    • Garp 08.02.2020 17:06
      Highlight Highlight Das schützen fängt in allen Köpfen an.
      In vielen Köpfen hängen falsche, alte Vorstellungen und Mythen. Auch Politiker und Wähler haben eben Köpfe. Es ist sehr schwer Gedanken in den Köpfen zu bewegen, neue Wege zu gehen, sie suchen sich meist die ausgetreten Bahnen.
    • Mügäli 08.02.2020 17:27
      Highlight Highlight @Garp - ich bin überzeugt, dass die Meisten sexuelle Gewalt verurteilen. Das unsere Gesetzgeber dieses Problem nicht endlich angeht und Massnahmen ergreift kann ich nicht verstehen. Die längst fällige Überarbeitung unseres Strafrechts und die massive Erhöhung der Strafen wären die ersten richtigen Schritte. Das ein Vergewaltiger mit einer bedingten Strafe (was mehrheitlich so ist) davon kommt finde ich ein Skandal und zeigt wie unser Gesetzgeber solche Taten einstuft.
    • Joe Smith 08.02.2020 18:03
      Highlight Highlight @ Mügäli: Bullshit. Ich habe einigermassen Einblick in die Strafrechtspraxis. Nie habe ich erlebt, dass einem Opfer eine Mitschuld gegeben worden wäre. Nie habe ich erlebt, dass der Täter eine «lächerliche» Strafe erhalten hätte (auch wenn der Blick dauernd das Gegenteil schreibt und die SVP dauernd das Gegenteil posaunt). Ich habe schlimme Fälle gesehen. Ich habe weniger schlimme Fälle gesehen. Und ich habe überraschend viele Fälle von Falschbeschuldigungen gesehen (aus den verschiedensten Gründen). Eine ungesühnte Vergewaltigung ist schlimm. Ein unschuldig Verurteilter ist ebenso schlimm.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Chris69 08.02.2020 16:45
    Highlight Highlight Die Serie ist wirklich Hammer und sehr eindrücklich gespielt.
    Aber die Serie ist ja schon sicher ein Jahr alt. Wieso wird sie denn erst jetzt hier promotet?
    Aber unbedingt sehen. Aber Achtung, es ist keine leichte Kost
    • Garp 08.02.2020 18:31
      Highlight Highlight Ob vor einem Jahr oder jetzt, es wird darauf verwiesen! Das Thema ist zeitlos. Leider!
    • Effie 09.02.2020 13:30
      Highlight Highlight Gell, die habe ich auch vor etwa einem Jahr gesehen..
  • sunshineZH 08.02.2020 16:26
    Highlight Highlight Ich fand sie leider ein bisschen in die länge gezogen...
    • homo sapiens melior 08.02.2020 17:24
      Highlight Highlight Dann stell dir mal vor, wie sehr das Frauen in die Länge gezogen finden, die als unschuldige Opfer in diesem System gefangen sind.

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