«Vielleicht müssen Ärztinnen und Ärzte ausserhalb der Bürozeiten erreichbar sein»
Die Qualität der Medizin in der Schweiz gilt als Weltspitze. Nur: Setzt man die Leistung mit den Kosten ins Verhältnis, liegt das Land gemäss einer Vergleichsstudie unter zehn westlichen Ländern auf dem zweitletzten Platz – schlechter sind nur die USA. Ist unser System schlicht zu teuer für das, was es leistet?
Arnaud Perrier: Wir sind teuer, aber nicht zu teuer. Im internationalen Vergleich liegen wir mit etwa zwölf Prozent des BIP im Rahmen anderer wohlhabender Länder. Aber klar: Es gibt Stellschrauben, an denen wir drehen müssen. Gerade die administrativen Kosten sind in der Schweiz aus dem Ruder gelaufen.
Alle klagen über die ungebremst wachsende Bürokratie. Warum gelingt der Abbau nicht?
Das Erstaunliche ist: Ich glaube nicht, dass jemand aktiv von diesem System profitiert oder es bewusst fördert. Es ist historisch so entstanden. Aus meiner Sicht gibt es drei Hebel, an denen wir ansetzen müssen.
Legen Sie los.
Das ist zum ersten die Notfallversorgung. Viel zu viele Menschen gehen in den Notfall – selbst dann, wenn eine Konsultation am Wochenende gut bis am Montag hätte warten können, weil es im System an einer angemessenen Orientierung fehlt.
Statistiken zeigen aber, dass die klassischen Bagatellfälle rückläufig sind.
Mag sein. Aber um diese geht es mir auch gar nicht in erster Linie. Es handelt sich durchaus um ernst zu nehmende medizinische Probleme – aber eben nicht um Notfälle. Doch wer will es den Leuten verübeln? Wann soll man zwischen Arbeit und Kinderbetreuung tagsüber noch zum Arzt? Also geht man abends oder am Wochenende in den Notfall.
Ihr Gegenrezept?
Eine gut zugängliche Grundversorgung in Netzwerken organisiert, einschliesslich Telemedizin, Beratung in Apotheken, und einer besseren Verteilung der Pflege zwischen Ärzten und Pflegekräften. Und vielleicht müssen Ärztinnen und Ärzte ausserhalb der Bürozeiten erreichbar sein – frühmorgens, spätabends, am Wochenende. Das Problem ist, dass dies vor allem jene träfe, die ohnehin am Limit sind: Hausärztinnen, Allgemeinmediziner, Kinderärzte. Deshalb braucht es Wertschätzung, zum Beispiel finanzieller Art. Wer am Abend bis elf Uhr offen hält, sollte entsprechend entschädigt werden.
Was ist der zweite ineffiziente Bereich?
Die Dokumentation. Wir müssen jedes Gespräch, jeden Handgriff, jede Verordnung eines Patienten festhalten. Das ist wichtig und gut für die Kontinuität und Qualität der medizinischen Versorgung. Aber eine gute Dokumentation kann auch knapp sein, und ein eindeutiger CT-Befund braucht keinen Roman. Deshalb gehört zwingend in die medizinische Ausbildung, wie man sinnvoll dokumentiert.
Und der dritte Punkt, welcher die Ineffizienz befeuert?
Die Rechtfertigung gegenüber den Krankenkassen. Manche Ärztinnen verbringen einen Grossteil ihrer Zeit damit, Kostengutsprachen zu begründen.
Die Prämien steigen und die Kassen wollen wissen, ob das Geld sinnvoll eingesetzt wird.
Ja, man kann so ein Kontrollsystem durchaus ausprobieren. Das machen wir seit 30 Jahren. Und sehr offensichtlich ist es gescheitert. Stattdessen hat sich ein Klima aufgebaut, in dem Ärztinnen und Ärzte sich grundsätzlich verdächtigt fühlen, das System auszunutzen. Dieses Misstrauen frisst Motivation. Es gibt sogar Ärztinnen und Ärzte, die deswegen ihren Beruf verlassen. Wir brauchen wieder Vertrauen zwischen den verschiedenen Playern im Gesundheitssystem.
Wie schafft man das?
Indem wir transparent machen, welche Behandlungen wirken und welche nicht. Die einzige Daseinsberechtigung des Gesundheitssystems ist: Den Menschen soll es nachher besser gehen als vorher. Wenn das nicht passiert, läuft etwas falsch.
Klingt logisch. Wird das nicht längst erfasst?
Nein. Wir erfassen – und vor allem verknüpfen – diese Daten nicht, um sinnvolle Aussagen über den medizinischen Sinn und Unsinn zu erhalten. Schauen Sie nach Dänemark. Dort wird die medizinische Versorgung von der Schwangerschaft bis zum Tod dokumentiert. Dadurch sieht man, was wirkt, wer weshalb gesünder wird und wer nicht. In der Schweiz ist wegen grosser Skepsis in der Bevölkerung bezüglich Datensicherheit im Gesundheitssystem zwar schwer vorstellbar. Aber ein elektronisches Patientendossier wäre ein wichtiger Schritt. Die Digitalisierung wird uns helfen, insbesondere auch künstliche Intelligenz.
Reden Sie von KI, die Röntgenbilder besser beurteilen kann als Radiologen?
Ich meine vor allem etwas anderes: administrative KI. Sprachmodelle, die zum Beispiel Patientengespräche automatisch zusammenfassen. Das bedeutet weniger Schreibarbeit, die wir in die Patientinnen und Patienten investieren können.
Ich möchte aber nicht, dass meine Gesundheitsgeschichte in ChatGPT und damit bei Big Tech und auf amerikanischen Servern landet.
Natürlich nicht. Das ist auch verboten. In der Schweiz darf ich nicht einmal anonymisierte Fälle in solche Systeme eingeben. Medizinische Daten erlauben es potenziell immer, einen Rückschluss auf die Patientin oder den Patienten zu machen. Deshalb müssen wir extrem sorgfältig sein.
Wie kommen wir trotzdem voran?
Wir brauchen medizinische Sprachmodelle in der Schweiz mit Daten auf Schweizer Servern. Das wird fünf bis zehn Jahre dauern, weil man solche Systeme mit Schweizer Daten füttern, trainieren und schliesslich validieren muss. Aber der Weg führt nicht daran vorbei.
Kommen wir zu einem sensiblen Thema: Spitzenmedizin. Es gibt immer mehr Therapien, die Schlagzeilen damit machen, dass eine einzige Behandlung hunderttausende Franken kostet – manchmal ohne grossen Zusatznutzen. Wohin führt das?
Das beschäftigt uns Medizinerinnen und Mediziner sehr. Der Grundsatz ist: Alle müssen gleichberechtigten Zugang zur Medizin haben, auch zur Spitzenmedizin. Manche dieser Behandlungen sind sehr wirksam, wie beispielsweise die Notfallbehandlung bei einem Schlaganfall. Aber wir sehen auch Therapien, die astronomisch teuer sind und manchmal leider nicht einmal grosse Verbesserungen bringen – zumindest nicht bei allen. Deshalb müssen wir gezielt nur diejenigen behandeln, die wirklich profitieren. Sonst fehlt das Geld anderswo. Aber: Wo zieht man die Grenze?
Was ist Ihre Antwort?
Die kann niemand allein geben, nicht Ärztinnen, nicht die Politik, nicht die Pharma, nicht die Krankenversicherer. Wir müssen diese Diskussion gemeinsam mit der Bevölkerung führen. Diese Diskussion wird derzeit umschifft. Denn sie ist hart – aber unvermeidlich.
Die Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften möchte die Gesundheit in der Bundesverfassung verankern. Warum?
Die einfache Antwort: Weil etwas so Zentrales wie Gesundheit heute nicht in der Verfassung auftaucht. Die Konsequenz ist, dass sich Gesundheitspolitik fast ausschliesslich auf das Krankenversicherungsgesetz stützt. Das KVG ist zwar ein Erfolgsmodell. Seit fast 30 Jahren garantiert es Versicherungsschutz und solidarische Grundleistungen für alle. Aber es ist ein Gesetz über Geldströme, nicht über Gesundheit, und taugt darum nicht als Rahmen für eine nationale Gesundheitsstrategie.
Und eine solche wünschen Sie sich in der Verfassung?
Der Artikel soll eine gemeinsame Vision schaffen: Was verstehen wir unter Gesundheit? Was wollen wir als Gesellschaft sichern? Aus Sicht der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften muss darin ein garantierter Zugang zu angemessener Versorgung für alle – ungeachtet Herkunft, Alter, Ethnie, Geschlecht – verankert werden. Denn momentan ist ein solcher selbst in unserem teuren System nicht mehr garantiert. Eine Umfrage von 2023 zeigt: Ein Viertel der Bevölkerung verzichtet aus Kostengründen auf Behandlungen.
Widerspricht das nicht dem Fakt, wonach sieben Millionen Menschen in der Schweiz verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen?
Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Wenn jemand einen schmerzhaften Abszess hat, geht er zum Zahnarzt und erhält Antibiotika. Aber viele waren jahrelang nicht in der Dentalhygiene – das ist Prävention, und die findet zu wenig statt und erreicht nicht alle. Es geht um primäre Prävention – gesunde Ernährung, Bewegung – und sekundäre Prävention.
Was bedeutet sekundäre Prävention?
Das Fortschreiten oder die Folgen von bestehenden Krankheiten zu verhindern. Nehmen Sie zum Beispiel Bluthochdruck. Herz-Kreislauf-Krankheiten sind die Todesursache Nummer eins, obwohl die Folgen gut mit Medikamenten im Griff behalten werden können. Doch viele nehmen die Medikamente nicht – wohl eher aus Unwissen, nicht aus Trotz.
Politisch hat Prävention wenig Freunde: Gelder dafür wurden soeben gestrichen, ein Präventionsgesetz scheiterte vor zehn Jahren.
Ja, weil die positiven Auswirkungen erst Jahrzehnte später sichtbar sind. Das sehen wir aktuell auch bei Adipositas und den neuen Abnehmmedikamenten. Die aktuelle Debatte muss jedoch nicht nur die Kosten der Spritzen berücksichtigen, die übrigens unbedingt gesenkt werden sollten, sondern auch die potenziellen langfristigen Einsparungen.
Eine aktuelle Studie des deutschen Krankenversicherers AOK zeigt tatsächlich, dass die Schweiz bei Prävention schlecht abschneidet im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung hierzulande so hoch wie sonst nirgends. Überschätzen Sie Prävention nicht?
Nein. Die Lebenserwartung der Schweiz ist das Resultat von Wohlstand, stabilen Verhältnissen, sauberer Umwelt und exzellenter Medizin. Nicht von Prävention. Gleichzeitig: Ein Drittel der Bevölkerung ist übergewichtig, Rauchen tötet hier überdurchschnittlich viele, beim Alkoholkonsum stehen wir schlecht da. Das sind Alarmsignale.
Kritiker befürchten, ein Verfassungsartikel führe zur Zentralisierung. Heute sind die Kantone für die Gesundheit zuständig. Möchten Sie ihnen Macht wegnehmen?
Nein. Eine komplette Zentralisierung wäre Unsinn. Dänemark hat genau das versucht, mit problematischen Folgen. Denn natürlich braucht ein Bergkanton eine andere Infrastruktur als Zürich. Aber gewisse Bereiche gehören national gesteuert.
Zum Beispiel?
Die Zulassung von Medizinstudierenden. Heute entscheidet jede Universität selbst, wie viele sie aufnimmt. Dabei sollte sich die Zahl am schweizweiten Bedarf orientieren. Zudem ist die Schweiz das einzige Land, in dem Ärztinnen frei wählen können, welche Fachrichtung sie einschlagen. Sie dürfen also Kardiologin werden, obwohl es – das sind jetzt frei erfundene Zahlen – bereits hundert hat und man nur vierzig bräuchte. Das macht keinen Sinn. Genauso wenig, dass jede und jeder seine Praxis in der Innenstadt von Zürich eröffnen darf, wo es doch schon genug hat, während im Val-de-Travers oder in einem Bergdorf im Bündnerland ein Mangel herrscht.
Sie wollen also vorschreiben, wer wo arbeitet?
Zwang ist immer schlecht. Aber wir dürfen die medizinische Versorgung nicht allein der individuellen Vorliebe überlassen. Letztlich soll Medizin dort gemacht werden, wo Patientinnen und Patienten uns am meisten brauchen. (aargauerzeitung.ch/bzbasel.ch)
