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Der neue Schweizer «Tatort»? Ist womöglich noch schlechter als der alte

Tatort – Züri brännt
Regie: Viviane Andereggen
Produktion: Zodiac Pictures
Kamera: Martin Langer
Drehbuch: Lorenz Langenegger & Stefan Brunner
2020

Spannungen im Ermittlungsteam: v.l. Anna Pieri  ...
Isabelle Grandjean (links) findet Tessa Ott (rechts) doof, weil diese vom Züriberg kommt. Ihr Chef Herzog (Mitte) ist ein Mann mit grauen Haaren und also Vergangenheit.Bild: Sava Hlavacek
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Der neue Schweizer «Tatort»? Ist womöglich noch schlechter als der alte

Machen wir's kurz. Spoiler höchstens bis Minute 15.
30.09.2020, 11:1601.10.2020, 09:21

Okay, begrabt eure Hoffnungen an irgendeiner Biegung der Limmat, die Schweiz kann das einfach nicht mit dem «Tatort». Was wäre das Ziel? Dass ein internationales Publikum dranbleibt. Dass man nicht schon wieder regelmässig die schlechtesten «Tatort»-Quoten von drei Ländern und 21 Teams einfährt. Wetten, dass dieses Ziel auch mit «Züri brännt» und seinem brandneuen Ermittlerinnenteam Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) mühelos unterboten werden wird?

«Züri brännt» beginnt mit einer von Zürichs besten Geschichten der letzten paar Jahrzehnte, mit den Jugendunruhen der 80er-Jahre, zeigt anhand des Chefredaktors einer grossen Zeitung das typische Zürcher Konvertitentum vom Rebellen zum überangepassten Establishment, zeigt eine Band, die heute noch die gleiche Musik macht wie damals und in latenter Peinlichkeit versinkt, zeigt vieles, was dem angejahrten, nostalgischen Zürichmenschen (hey, was waren wir damals wild und so – fuck, wir demonstrierten füdleblutt!) vertraut ist, aber eben nur diesem. Und natürlich zieht ein Verbrechen seine Spur von damals nach heute und eine Frau mit umfassenden Verführerinnenqualitäten, die logischerweise Eva heisst, ist auch dabei.

Tatort – Züri brännt
Regie: Viviane Andereggen
Produktion: Zodiac Pictures
Kamera: Martin Langer
Drehbuch: Lorenz Langenegger & Stefan Brunner
2020

Sind sich nicht sicher, ob es sich um einen zwe ...
Jemand hat den Kopf verloren.Bild: SRF/Sava Hlavacek

Ein TV-Publikum aus Berlin, Bielefeld oder Salzburg wird mit all den gar nicht oder schlecht erklärten Marksteinen der Zürcher Lokalgeschichte nichts anfangen können. Beziehungsweise denken: «Ja und? Wir hatten Nazis. Wir haben Reichsbürger. Wir haben Eltern, die ihre Babys im Garten begraben. In echt. Was kümmern uns ein bisschen Jugendkrawalle?» Ein «Tatort» ist nun mal nicht für die Stadt gemacht, in der er spielt, sondern für das gesamte deutschsprachige TV-Publikum. Echt? Ja!!!

Und auch wenn zu Beginn von «Züri brännt» ein Mann erst erschossen und dann verbrannt wurde, wird es dem Publikum jenseits der Grenzen spätestens beim ersten, gewohnt helvetisch-täppisch geäusserten «e Hiirichtig?»/ «eine Hinrichtung?» (es fehlt da ja immer bloss noch ein staunendes «Wükli?») im Switch-Finger zucken.

Ein Anfang, ein wirklich guter, packender Anfang, wäre zum Beispiel nach rund einer Viertelstunde. Da kriegt Kriminalpolizeichef Herzog (Roland Koch) auf einer Feier ein Paket, aus dem ein Totenschädel fällt. Aber wer hält diese Viertelstunde durch?

Tatort – Züri brännt
Regie: Viviane Andereggen
Produktion: Zodiac Pictures
Kamera: Martin Langer
Drehbuch: Lorenz Langenegger & Stefan Brunner
2020

Unangenehme Fragen über die Vergangenheit: v.l. ...
Ermitteln führt manchmal an idyllische Orte.Bild: Sava Hlavacek

Aus «Züri brännt» lernen wir mit beeindruckender Effizienz:

  • Viele Leute sagen viele Dinge, die nicht lustig sind, und lachen darüber.
  • Viele Frauen vor und hinter der Kamera machen den Schweizer «Tatort» leider auch nicht automatisch besser (der Claim «starke Frauen» ist ein wichtiges Verkaufsargument für «Züri brännt»).
  • Aus dem Drehbuch hätte man gefühlte 1357 Bemerkungen streichen müssen, die nichts anderes tun, als das eh schon Offensichtliche auszusprechen. Leider ist auch die zweite Zürcher Folge bereits abgedreht. Vielleicht lässt sich für die dritte noch was retten?
  • Ja, gegen Ende hin kommt echte Spannung auf, aber eben: Wer ist dann noch dabei?
  • Die Schweiz kann Serien. Das beweist «Wilder», durchaus auch «Der Bestatter», und das wird bald auch «Frieden» auf spektakuläre Art beweisen. Die Schweiz kann eigene Geschichten so erzählen, dass sie internationales Format haben, die Schweiz kann das Handwerk, die Schweiz hat Schauspielerinnen und Schauspieler, die Grossartiges können, wenn sie richtig geführt werden. Nur im Fall von «Tatort» muss man all dies in den Konjunktiv setzen. Immer noch.
  • Waren Flückiger und Ritschard wirklich sooo schlecht, wie wir immer alle meinten?

Dem neuen Team wird am 18. Oktober der Goodwill für den Anfang und die Neugier auf die Neuen gewiss sein. Dagegen, dass Zürich nach Luzern nicht zur nächsten Desaster-Stadt wird, hilft bloss Beten.

«Züri brännt» gabs jetzt am ZFF zu sehen. Am TV läuft die Folge am So, 18. Oktober zur «Tatort»-Zeit auf SRF 1, ARD und ORF 1.

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