Zwei australische Sexpötte machen «Wuthering Heights» zu «Wuthering Hot»
Ist dieser Mann zu fassen? Das sind 196 Zentimeter, die geradezu nach romantischem Heldentum schreien. Breitschultrig, ein Torso, der Tarzan direkt in die Therapie katapultieren müsste, ein verschatteter Blick, leicht leidend, aber auch ironisch amüsiert, bereit, in jeden Abgrund zu blicken. Und zu fallen. So tief, wie nur ein Menschenwesen fallen kann.
Ist diese Frau zu fassen? Augen und Lippen in Übergrösse, von Kopf bis Fuss schön und dazu eine Energie, die fast überirdisch ist. Oder wie der Mann über sie sagt: «Sie kann gleichzeitig einen Film drehen, fünf weitere Filme produzieren, ihr Kind aufziehen und hat abends trotzdem locker Zeit für ein Bier an der Bar.» Und sie war Barbie.
Er heisst Jacob Elordi, sie ist Margot Robbie, beide sind zwei Sexpötte («Sexpot» = englisch für Sexbombe, Sexsymbol, Sexgöttin oder -gott) aus dem australischen Bundesstaat Queensland. Gemeinsam spielen sie nun Catherine und Heathcliff. Das tragische Liebespaar in «Wuthering Heights» von Regisseurin Emerald Fennell. Die wiederum ihren Lieblingsroman verfilmt hat, nämlich den britischen Gothic-Romance-Klassiker «Wuthering Heights» von Emily Brontë aus dem Jahr 1847.
Der Roman war damals ein Skandal, erst recht, als Emily Brontës männliches Pseudonym aufflog: «Wuthering Heights» ist ein leidenschaftliches, kompromissloses, rasendes, brutales Buch mit einer Heldin und einem Helden, die ausserhalb ihrer totalen Obsession füreinander keinen mitfühlenden Funken in den lodernden Herzen haben.
Fast auf jeder Seite geschieht eine Gemeinheit, eine Quälerei, jemand wird geschlagen oder eingesperrt, ein Haustier wird erhängt, es wird intrigiert, manipuliert, missbraucht, betrogen, in die Alkoholsucht, die Verschuldung, den Wahnsinn getrieben. So viel Hass und Rachsucht ist noch immer selten in der Literatur.
Der Grund dafür? Ein Klassendrama. Catherine, eine Tochter aus minderem, im Dreck versinkenden Landadel, und das Findelkind Heathcliff, das ihr Vater in Liverpool aufgelesen hat, dürfen sich aus Standesgründen nicht lieben, tun es aber trotzdem. Catherine heiratet den reichen Nachbarn Edward Linton, doch die Liebe zu Heathcliff lässt sie nicht los. Bald wütet ein Sturm aus zwischenmenschlichen Katastrophen über der düsteren Moorlandschaft von Yorkshire, in der auch noch Gespenster ihr Unwesen treiben. Tod und Verderben sind die Folgen.
«Wuthering Heights» erzählt die Geschichte einer folie à deux, die nur von minimalen zivilisatorischen Schranken gebändigt wird. Regelrecht befeuert wird sie dagegen von der gewaltigen, gefährlichen Natur, das Wetter wettert, was es kann, es stürmt in einem fort – und damit sind wir mitten im Film.
Emerald Fennell geizt nicht mit durchsichtig geregneten Kleidern (gab es schon jemals in einem Film so konsequent schlechtes Wetter?), aber auch nicht mit Körpersäften, immer tropft oder trieft etwas; Schweiss, Tränen, Blut sind in Massen vorhanden. Eindeutig lesbare Schleimspuren ziehen sich über Oberflächen, und auf Festtafeln zittern in Gelee eingelegten Meeresfrüchte und Raubfische lüstern vor sich hin.
Alles kulminiert in der Tapete, mit der Cathys vollverknallter Ehemann (Shazad Latif) ihr Schlafzimmer auf seinem prächtigen Gut Thrushcross Grange ausstattet: Als Motiv hat er Cathys Haut ausgewählt, hat jede ihrer Adern und jedes Muttermal naturalistisch vergrössert nachmalen lassen (es handelt sich tatsächlich um vergrösserte Kopien von Margot Robbies Haut).
Alles ist Lust. Und alles macht Lust. Auch das Töten. Der Film eröffnet mit einem «Hanging Day», in einem öffentlichen Spektakel werden Verbrecher erhängt, selbst Nonnen kriegen beim Zuschauen einen Orgasmus, und mittendrin steht die kleine, wilde, verwilderte Catherine und saugt genüsslich alles in sich ein, was da passiert. Charlotte Mellington spielt Cathy als Kind, es ist ihre erste Rolle, und eigentlich hätte Emerald Fennel ihren Film als Zweiteiler anlegen sollen, denn Mellington und ihr Kinder-Heathcliff (Owen Cooper aus «Adolescence») sind eine ebenso rohe wie berührende Sensation.
Die erwachsenen Cathy und Heathcliff befinden sich dagegen in einer Welt aus Rausch, in der alles zu gigantisch ist, um einen noch zu rühren. Jetzt ist Überwältigung das Ziel. Schnappatmung, hängende Kiefer, Lechz-Geräusche im Publikum. Die Feier von schierer Grösse auf der Leinwand. Viel mehr ist viel mehr. Emerald Fennell äusserte auch nie die Absicht einer feingliedrigen Literaturverfilmung, sie wollte den Roman vielmehr so adaptieren, wie sie ihn als Teenager erlebt hatte: als heisse Geschichte über Begehren und Gewalt. DAS wollte sie erzählen und sie tut es für ihre Verhältnisse ungewohnt und erholsam gradlinig. Alles andere hat sie zusammengekürzt.
Fennell war schon in «Promising Young Woman» und «Saltburn» eine Ausstattungs-Fetischistin, jetzt findet sie immer noch mehr Gründe für optische Prachtentfaltung. Ihr dekorativer Furor kennt keinerlei Zurückhaltung, jedes Zimmer im Märchenschloss von Thrushcross Grange soll leben, soll scheinen, atmen, schwitzen oder bluten, ist Teil des Cathy-Heathcliff-Organismus.
Elordi und Robbie spielen derart hemmungslos, dass man um ihre Beziehungen im echten Leben fürchtet, die Grenze zwischen Übergrösse und Kitsch ist mit Absicht fliessend, die beiden imitieren ein Romance-Roman-Cover nach dem anderen, im Regen, vor glühendem Abendrot, es herrscht absolut keine Verschwendungsscham. Kameramann Linus Sandgren, der riesige Kisten wie «Babylon», «No Time to Die» oder «La La Land» gewohnt ist, gibt alles. Und wenn man endlich einmal glaubt, Atem holen zu können, ist da auch noch Charli XCX mit ihrem betörenden Gespenster-Soundtrack. Am 13. Februar wird ihr «Wuthering Heights»-Album erscheinen.
Man soll hinweggefegt werden vom Sturm der Bilder, Gefühle, Töne, der Schönheit und des Schmerzes. Und man wird es mit einer Macht, wie man sie im Kino selten geniessen darf. Danach möchte man erst mal eine Stunde lang ganz allein spazieren gehen, um das alles zu verdauen. Am liebsten in einer Moorlandschaft natürlich.
P.S. Der grosse Traum von Jacob Elordis Mutter war einmal, dass ihr Sohn der neue Magic Mike werden könnte. Mit Heathcliff dürfte dieser Traum durchaus in Erfüllung gegangen sein.
«Wuthering Heights» läuft ab dem 12. Februar im Kino.
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