Das letzte Mal, dass wir zusammen auf der Bühne standen, waren wir vierzehn.
Es ist ruhig im Raum. Die Gäste sitzen bereits, die Gespräche werden leiser. Noch wirkt alles eher zurückhaltend, doch das ändert sich bald. Mit Simon Moullier steht einer der spannendsten Vibraphonisten seiner Generation auf der Bühne. Der französische Jazzmusiker, international unterwegs und vielfach ausgezeichnet, bringt eine spürbare Intensität nach Muri, die den Raum sofort einnimmt. Unterstützt von Pianist Lex Korten, Bassist Mats Sandahl und Schlagzeuger Jongkuk Kim entsteht ein Zusammenspiel, das von Anfang an das Publikum fesselt.
Am Rand des Geschehens sitzt Stasia Kremer. Sie begleitet die 25. Saison von «Musig im Pflegidach» zeichnerisch, auch an diesem Abend. Während die Musik den Raum füllt, hält sie die Momente auf Papier fest.
Wenn Musik durch den Körper geht
Simon Moullier und seine Band wirken von Beginn an vollkommen bei sich. Man sieht ihnen an, dass sie die Musik nicht nur spielen, sondern körperlich erleben. Die Musiker schließen immer wieder die Augen, hören einander zu und reagieren auf kleinste Veränderungen. Die Kommunikation erfolgt ohne Worte und wirkt dennoch makellos. Während Moullier spielt, bewegt er leicht den Mund, als würde er innerlich mitsingen. Seine Bewegungen sind gleichzeitig kontrolliert und frei. Immer wieder nimmt er sich bewusst Zeit, lässt Töne stehen und schafft Raum.
Mit je zwei Schlägeln in jeder Hand erzeugt er am Vibraphon dichte, vielschichtige Klangflächen. Mal bewegt er sich schnell und kraftvoll, dann wieder tupft er die Töne ganz leicht an. Diese Vielfalt begeistert das Publikum. Die meisten Stücke stammen aus seinem aktuellen Album. Sie erzählen von Natur, Zeit und Erinnerung. Die Musik wird leiser, dann wieder dichter, fordert Aufmerksamkeit und bekommt sie. Im Publikum ist zu beobachten, wie einige Zuhörer im Rhythmus mit dem Kopf wippen.
Simon Moullier - "Ceiba" @ musig im pflegidach, Muri
Zurück auf derselben Bühne
Nach dem zweiten Song «Ancient Ones» passiert plötzlich etwas Unerwartetes. Simon Moullier beginnt zu erzählen, von seiner Tour durch Europa, von Konzerten in grossen Städten wie London oder Barcelona und von einem besonderen Abend in Paris. Dort habe ihn ein alter Freund überrascht, mit dem er schon als Jugendlicher in einer Band gespielt hatte und der heute als Klarinettist tätig ist. Der Freund ist auch an diesem Abend im Raum, denn er lebt in der Schweiz. Wenig später steht er auf der Bühne.
«Wenn ihr wüsstet, was wir alles für peinliche Sachen zusammen erlebt haben», erzählt Moullier und lacht. Kurz darauf fügt er hinzu: „Das letzte Mal, dass wir zusammen auf der Bühne standen, waren wir vierzehn.“ Ohne große Ankündigung beginnen die beiden zu spielen. «Es war eine spontane Idee, wir haben nichts Grosses eingeplant», sagt Moullier im Interview nach dem Konzert. Trotzdem wirkt dieses Stück kaum zufällig. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr gemeinsam auf der Bühne standen, spürt man sofort die Verbindung zwischen ihnen, als hätten sie nie aufgehört, zusammen zu spielen.
Ein Konzert voller Vertrauen
Immer wieder zieht sich Moullier kurz zurück, setzt sich ans Klavier oder überlässt seinen Bandkollegen den Raum. Es sind kleine Gesten, die zeigen, wie viel Vertrauen zwischen den Musikern besteht. Wenn er zurück ans Vibraphon tritt, reagiert das Publikum sofort. Grosser Applaus bricht aus, die Begeisterung ist deutlich spürbar.
Zum Schluss wird’s experimentell
Als das Stück «Primavera» verklingt, verbeugen sich die Musiker zweimal und verschwinden hinter der Bühne. Doch das Publikum ist noch lange nicht bereit, den Abend enden zu lassen. Begeisterter, anhaltender Applaus füllt den Raum so lange, bis die Band zurückkehrt. Mit dem Stück «Fuji» setzen sie zum eigentlichen Schluss an. Dieses Mal wird es unerwartet experimentell. Simon Moullier kniet sich vor sein Vibraphon und beginnt, nicht nur die Klangplatten, sondern auch das Gestell selbst zu bespielen.
Mit der Stange des Instruments erzeugt er neue, ungewohnte Klänge. Die Zuschauer in den hinteren Reihen strecken die Köpfe, um besser zu sehen, was vorne geschieht. Durch diese ungewöhnliche „Spielfläche“ entsteht eine völlig neue Dynamik im Raum: moderner, rhythmischer. Schließlich richtet sich Moullier wieder auf und führt das Stück zurück in vertrautere Klangwelten. Zusammenfassend lässt sich sagen: Es war ein sehr gelungenes Konzert, wie viele Besucher im Anschluss bestätigten. Und wer weiss, vielleicht kehren Moullier und seine Band ein drittes Mal nach Muri zurück. Denn wie es so schön heisst: Alle guten Dinge sind drei.
