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Philipp Müller spricht erstmals über seinen Unfall: «Ab dann erinnere ich mich nicht mehr. Ein Loch! Null Erinnerung!»

Philipp Müller spricht erstmals über seinen Unfall: «Ab dann erinnere ich mich nicht mehr. Ein Loch! Null Erinnerung!»

FDP-Präsident Philipp Müller schildert erstmals seinen schweren Unfall, an den er «Null Erinnerung» hat. Er räumt Fehler ein und will sich am Dienstag medizinischen Tests unterziehen.
14.09.2015, 06:5314.09.2015, 08:53
Christian Dorer / Aargauer Zeitung

Herr Müller, wie geht es Ihnen?
Philipp Müller: Es kommt mir vor, als lebte ich seit Donnerstagabend in einer dichten Nebelwolke. Erst allmählich lüftet sich der Schleier und mir wird die Dimension dieses Unfalls bewusst. Was die junge Frau wegen mir erleiden muss, erfüllt mich mit Schmerz und belastet mich ungemein. Ich fahre seit mehr als 40 Jahren Auto, früher auch Rennen – ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte. 

FDP-Präsident Müller in Unfall verwickelt

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FDP-Präsident Müller in Unfall verwickelt
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Welche Erinnerungen haben Sie an den Unfall?
Noch in der anschliessenden Nacht versuchte ich die Fahrt zu rekonstruieren, also von meinem Haus in Reinach bis zur Unfallstelle in Lenzburg. Bis zum Kreisel in Hallwil weiss ich noch alles im Detail. Dort musste ich vor dem Lichtsignal warten, als ein Zug passierte. Ab dann erinnere ich mich nicht mehr. Ein Loch! Null Erinnerung! Das ist unheimlich, aber, so hat mir der Amtsarzt gesagt, nicht untypisch, wenn man nach einem schlimmen Unfall unter Schock steht. Natürlich muss ich auf der Fahrt bis zum Unfall noch bei vollem Bewusstsein gewesen sein.

«Ich werde mich deswegen morgen Dienstag umfangreichen medizinischen Tests unterziehen»

Sie hatten keinen Alkohol im Blut, waren nicht am Telefon oder sonstwie abgelenkt. Sind Sie eingeschlafen?
Zeugen sagen, ich sei vor dem Unfall plötzlich auf die Gegenfahrbahn gefahren und die junge Frau habe keine Chance gehabt, auszuweichen. Das spricht gegen das Einschlafen. Zudem war ich ausgeschlafen, ich ging am Mittwoch um 22.30 Uhr zu Bett und bin am Donnerstag um 7.30 Uhr aufgewacht. 

Was war es dann?
Ich verstehe die Leute, die das nicht nachvollziehen können – aber ich weiss es schlicht nicht. Die Vermutungen von Fachleuten gehen in Richtung Sekundenschlaf, also ein kurzes Blackout. Ich werde mich deswegen morgen Dienstag umfangreichen medizinischen Tests unterziehen, für die ich mich bereits am Freitagmorgen angemeldet habe. Wir alle hoffen, dass der Unfallablauf rasch geklärt wird.

Hatten Sie in letzter Zeit gesundheitliche Probleme?
Abgesehen von Grippe oder Entzündungen, nein. Meine letzten Beschwerden waren 2013 und betrafen den Rücken.

Das Unfallauto von Philipp Müller.
Das Unfallauto von Philipp Müller.
Bild: POLIZEI AG

Ab wann können Sie sich wieder erinnern?
Den Unfall selber nahm ich als weit entfernten Knall wahr. Mein erster Gedanke war: Jetzt ist mir ein Pneu geplatzt. Ich habe nicht einmal realisiert, dass mein Fahrzeug beschädigt ist. Bei der ersten Ausfahrstelle, nach rund 200 Metern, fuhr ich rechts raus, stieg aus dem Auto und sah den Schaden. Erst da realisierte ich, dass ein Unfall passiert sein musste. Ich lief zurück, sah eine verletzte Frau und viele Menschen, die sich um sie kümmerten. Man sagte mir, die Ambulanz sei unterwegs, ich habe dann trotzdem aus einem Reflex heraus den Polizeinotruf gewählt.

Dann kam der Vater des Opfers auf die Unfallstelle. Warum haben Sie sich nicht als Unfallverursacher zu erkennen gegeben?
Weil ich nicht wusste, dass er der Vater ist. Ein Polizist hat mich gebeten, ins Polizeiauto zu sitzen. Dort war ich eine Stunde oder gar länger, bis man mich auf den Posten in Schafisheim führte. Rundherum gab es einen riesigen Auflauf.

«Ich wollte sicher nichts vertuschen.»

Der Vater des Opfers kritisierte, Sie hätten sich nur via Anwalt gemeldet.
Zwischen dem Vater und mir ist es zu einem grossen Missverständnis gekommen. Er hat mich ja auf der Unfallstelle gesehen, konnte aber nicht wissen, dass ich der Unfallverursacher war, weil die Polizei ihm fälschlicherweise sagte, dieser sei bereits auf dem Posten. Ich habe noch am Donnerstagabend meinen Anwalt beauftragt herauszufinden, wer das Opfer ist, um Kontakt aufzunehmen. Der Anwalt erklärte mir, dass die Opfer und deren Angehörige sehr oft keinen direkten Kontakt mit dem Verursacher wollen und deshalb er sich so rasch wie möglich bei den Eltern meldet und fragt, ob ich mich direkt bei ihnen melden dürfe. Tatsächlich wollten sie bis am Freitagabend noch keinen direkten Kontakt zu mir. Dies sagte der Vater der jungen Frau noch am späten Freitagabend. Er war verständlicherweise verärgert, dass ich nicht schon am Unfallort auf ihn zuging, weil er dachte, dass wir uns kennen. Wir haben uns tatsächlich vor Jahren an einem Anlass kennen gelernt. Doch das wusste ich nicht mehr, ich habe unzählige Anlässe pro Jahr. Am Samstag haben wir nun lange telefoniert und alle Missverständnisse ausräumen können.

Herr Müller, wollten Sie vertuschen, dass Sie in den Unfall verwickelt waren?
Sicher nicht. Das wäre doch völlig naiv und entspricht auch nicht meiner Art. Ich bin ja selber zur Unfallstelle gelaufen. Auf der Unfallstelle haben mich unzählige Leute erkannt. Mir war von Anfang an klar, dass mein Name bekannt werden würde.

Warum reagierte die FDP erst mit einem dürren Communiqué, als die Aargauer Zeitung den Fall publik gemacht hatte?
Weil das alles nicht so schnell geht. Wir haben sofort am Freitagmorgen die Organisation einer Telefonkonferenz mit der engeren Parteileitung an die Hand genommen. Um 13 Uhr kam sie zustande, um 14 Uhr war das Communiqué draussen.

Die Polizei sichert am Unfallort die Spuren.
Die Polizei sichert am Unfallort die Spuren.
Bild: POLIZEI AG
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Ja, und es war ein Debakel: «Philipp Müller geht es gut», sagte der FDP-Sprecher. Aber kein Wort über die verletzte junge Frau.
Dass es mir gut gehe, stand nicht im Communiqué. Zudem war es lediglich eine Information der Partei. Deshalb habe ich am Nachmittag eine persönliche Erklärung verschickt, um klar zu machen, dass für mich das Unfallopfer vor allem anderen stehe. Das ist das Wichtigste. Vielleicht wirke ich manchmal etwas hart. Aber das bin ich nicht. Sie können mir glauben: Mir geht das Ganze unglaublich nahe. Der Unfalltag ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Auch ich mache manchmal Fehler.

Was stutzig macht: Warum haben Sie am Freitagmorgen einen Journalisten des SRF-Regionaljournals zum Interview empfangen, als sei nichts gewesen, und den Unfall mit keinem Wort erwähnt?
Das war ein Fehler. Ich stand unter Schock, dachte gar nicht mehr an den Termin. Plötzlich stand der Journalist vor der Haustür. Das war 18 Stunden nach dem Unfall, nach einer Nacht ohne Schlaf. Ich habe im Outlook nachgeschaut – und tatsächlich: Wie hatten vor langer Zeit abgemacht für einen Beitrag in einer Wahlserie. Ich habe seine Fragen dann wie ein Roboter beantwortet ...

... und sagten, Sie würden am Abend fein essen und ein gutes Glas Wein trinken. Das klingt zynisch.
Nochmals: Ich hätte den Journalisten abweisen müssen, keine Frage. Ich wurde gefragt, wie ich gerne einen strengen Tag abschliesse, und da hab ich diesen Satz gesagt. Das bezieht sich doch nicht auf die Zeit nach dem Unfall, ich war ja bis um Mitternacht auf dem Posten und wurde befragt. Jetzt wird mir ein Strick daraus gedreht. Glauben Sie mir: Ich denke im Moment an nichts anderes als an diesen Unfall und das Opfer. Auch wenn ich in der Nacht erwache, frage ich mich: Wie konnte das passieren?

«Ich muss begreifen, was passiert ist, und damit umgehen. Ändern kann ich es leider nicht mehr.»

Sie setzen Ihren persönlichen Ständeratswahlkampf aus, nehmen aber Ihre Funktion als nationaler Parteipräsident wahr. Wie soll diese Unterscheidung funktionieren?
Ich mache meine Arbeit im Parlament, trete aber nirgends vor Publikum auf. Ich kann doch nicht auf einem Podium die grosse Kelle schwingen und meine politischen Gegner angreifen, wie das in einem Wahlkampf üblich ist. Das geht nicht. Wie käme das beim Unfallopfer und bei den Angehörigen an? Ich habe der Partei gesagt: Ich sage bis zu den Wahlen alle Termine ab. Die Kantonalpartei und die engere Parteileitung unterstützen dieses Vorgehen. Einzig der Parteipräsidenten-Auftritt in der «Arena» von Anfang Oktober ist noch offen, da entscheiden wir kurzfristig. Ansonsten ziehe ich mich jetzt aus der Öffentlichkeit zurück.

Viel verlieren können Sie im Moment nicht: Gemäss Wahlumfrage von letzter Woche liegen Sie bei den Ständeratswahlen nach Pascale Bruderer klar auf Rang 2, es wird aber ohnehin einen zweiten Wahlgang geben.
Ich habe jetzt andere Prioritäten. Ich muss begreifen, was passiert ist, und damit umgehen. Ändern kann ich es leider nicht mehr.

Jetzt auf

Der FDP werden landesweit deutliche Gewinne prognostiziert. Wie wirkt sich nun der Unfall des Parteipräsidenten aus?
Wie sich das auswirkt, wird sich wohl nie messen lassen.

(aargauerzeitung.ch)

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Baba ♀️
14.09.2015 10:33registriert Januar 2014
Wem nützt es, wenn Herr Müller jetzt 'zur Sau' gemacht wird? Er hat bereits erklärt, seinen Wahlkampf auszusetzen, hat sich in einer - in meinen Augen - aufrichtigen Message bei der jungen Frau (öffentlich) entschuldigt, hat sich offenbar für eine umfassende, medizinische Untersuchung angemeldet. Er hat meines Wissens (das aus der medialen Berichterstattung stammt) nichts getan, um sich 'aus der Affäre zu ziehen'... Was denn noch? Es glaubt ja wohl niemand, dass er die Frau absichtlich umgefahren hat!

Wichtig ist, dass sich die junge Frau rasch und vollständig von diesem Unfall erholt.
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klugundweise
14.09.2015 09:14registriert Februar 2014
Wer jetzt (mit politischer Agenda?) auf Hr. Müller schiesst, nur auf Grund von Presseberichten (ebenfalls mit politischem Hintergrund) und ohne Kenntnis der konkreten Fakten, disqualifiziert sich selber.

Übrigens: es gibt amnestische Episoden (d.h. Kurzausfälle des Hirns) die mehrere Minuten dauern können und nachher nicht mehr nachweisbar sind.
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Angelo C.
14.09.2015 11:16registriert Oktober 2014
Ein bedauerlicher Unfall, wie er JEDEM von uns einmal passieren könnte. Meines Erachtens hat sich Müller nachher gut und richtig verhalten, ob er dabei zusätzlich beraten wurde, ist völlig irrelevant. Relevant dagegen ist, ob er authentisch wirkt(e) und seine Aussagen glaubwürdig tönen - und das tun sie zweifellos. Daraus ein Politikum machen zu wollen, zielt gleichsam an Anstand und sinnvoller Interpretation vorbei. Dem Opfer ist selbstverständlich ungeachtet dieser Erwägungen eine gute Genesung zu wünschen, und Philippe Müller eine baldige und erfolgreiche Weiterführung seines Wahlkampfes.
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